Gute Gabe

Blinde Duisburgerin hilft mit ihrem Tastsinn

Sie muss sich auf ihre Hände verlassen: Die blinde Feliz Demir, die dank ihres geschärften Tastsinnes Brustkrebs ertasten kann.

„Ich taste jetzt die Region oberhalb und unterhalb Ihres Schlüsselbeins ab", sagt Filiz Demir zu ihrer Patientin, die noch etwas angespannt vor ihr sitzt. Auf dem Oberkörper der Mülheimerin kleben spezielle Streifen, die der Tastuntersucherin dabei helfen, sich zurechtzufinden. Sie teilen den Körper in eine Art Koordinatensystem ein, wodurch Auffälligkeiten zugeordnet und dokumentiert werden können. Hochkonzentriert fährt, drückt und kreist Filiz Demir mit ihren weichen Fingerspitzen über die Haut ihrer Patientin. Je nach Brustgröße 30 bis 60 Minuten lang, Quadratzentimeter für Quadratzentimeter. Vorsichtig übt sie immer mehr Druck aus, um auch die tieferen Gewebeschichten zu erspüren.

Im Vergleich zu Frauenärzten, die im Berufsalltag für die Brusttastuntersuchung nur wenige Minuten Zeit haben, kann Filiz Demir sehr sorgfältig in die Tiefe gehen. Mit Erfolg: Laut einer „discovering hands"-Erhebung finden Tastuntersucherinnen 30 Prozent mehr und um bis zu 50 Prozent kleinere Gewebeveränderungen als Ärzte. Die Tastuntersucherin stellt allerdings keine Diagnose, sondern gibt ihren Tastbefund an den Facharzt weiter.

Filiz Demir, die aufgrund einer rheumabedingten Augenerkrankung mit 35 Jahren vollständig erblindet, wird zur „Sehenden", zu einer Frau, die dabei hilft, Leben zu retten. Sie ist eine echte Kämpfernatur: Als sie in der zehnten Klasse Eddings benutzen muss, um ihre Handschrift lesen zu können, verlässt sie das Gymnasium in ihrem Heimatort Grevenbroich. Sie geht an die Deutsche Blindenstudienanstalt in Marburg, lernt die Blindenschrift „Braille", besteht dort ihr Abitur. Danach macht sie eine kaufmännische Ausbildung und arbeitet in der Buchhaltung eines Reisebüros. Bis ihre Welt schleichend in der Dunkelheit verschwindet und sie ihren Job nicht mehr ausführen kann. Doch sie gibt nicht auf, trainiert in einer Reha für Blinde, mobil zu bleiben. Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit erfährt sie über das Berufsförderungswerk von „discoverings hands". Sie absolviert die neunmonatige Qualifizierung und erhält einen Festanstellungsvertrag in Duisburg. Allein zieht sie von Marburg in die Ruhrpott-Metropole. „Es klingt vielleicht merkwürdig, aber ich bin als Blinde mutiger geworden", erklärt sie stolz.

 

„Vor allem für junge Frauen sinnvoll"

BENE: Dr. Hoffmann, seit Ihrer Idee, blinde und sehbehinderte Frauen bei der Brustkrebsfrüherkennung einzubeziehen, ist viel passiert. Beim Start 2006 waren drei Medizinisch-Taktile Untersucherinnen (MTU) in Nordrhein-Westfalen im Einsatz. Heute sind es deutschlandweit 40 in 50 Praxen. Damals musste man die Kosten für die Untersuchung selbst tragen. Wie ist es heute?

Dr. Hoffmann: Heute übernehmen schon 14 gesetzliche Krankenkassen und alle privaten Krankenversicherungen die Kosten von 46,50 Euro pro Sitzung. Patientinnen, deren Kasse nicht dafür aufkommt, können es natürlich als private Leistung aus eigener Tasche bezahlen.

BENE: Laut Robert Koch-Institut erkranken jährlich rund 70 000 Frauen in Deutschland an Brustkrebs. Damit ist Brustkrebs die mit Abstand häufigste Krebserkrankung bei Frauen in Deutschland. Fast 30 Prozent der Betroffenen sind bei Diagnosestellung jünger als 55 Jahre. Für Frauen zwischen 40 und 44 ist Brustkrebs sogar die häufigste Todesursache.

Dr. Hoffmann: Gerade für junge Frauen kann das Abtasten durch die MTU daher sinnvoll sein, denn sie dürfen nicht an dem Mammographie-Screening teilnehmen. Das wird erst ab 50 angeboten. Die Medizinisch-Taktile
Untersuchung der Brust ist hingegen Kernbestandteil der Vorsorge für alle Frauen. Nehmen sie außerdem die jährliche Tastuntersuchung durch den Gynäkologen sowie einen Ultraschall in Anspruch, erlangen sie eine bestmögliche Früherkennung.

BENE: Viele Ihrer Patientinnen gehen seit Jahren regelmäßig zu „ihrer“ MTU.

Dr. Hoffmann: Diese persönliche Bindung zwischen MTU und Patientin ist typisch und ein Zeichen für das Vertrauen, das durch die Fachkompetenz und die konzentrierte Hingabe der MTU entsteht. Wir brauchen aber noch weitaus mehr sehbehinderte oder blinde Frauen, die bereit sind, sich auf den Weg zu machen. Konkret wünsche ich mir, dass wir bis 2020 54 Medizinische Tastuntersucherinnen deutschlandweit beschäftigen. Wir sind ja mittlerweile auch in Österreich und Kolumbien vertreten und haben Pilotprojekte in Mexico und Indien. So darf es weitergehen.

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