Teaser 3

Foto: Sarah Schulte-Ladbeck

September 2026

SO VIELE GESICHTER HAT TRAUER 

Wie lässt sich Abschiedsschmerz verkraften?

Text Sandra Gerke

Und plötzlich lassen sich mit dieser einen Person keine Blicke mehr tauschen, keine Guten-Morgen-Grüße und vieles mehr. Der Abschiedsschmerz nach dem Tod eines geliebten Menschen macht sich bei den Hinterbliebenen höchst unterschiedlich bemerkbar. „Trauer hat unendlich viele Gesichter, so viele, wie es Menschen gibt“, weiß Andrea Schlüter. Die Mülheimer Seelsorgerin ist ausgebildete Trauer- und Sterbebegleiterin sowie Resilienztrainerin. Sie ist eine von vielen Ansprechpersonen im Bistum Essen, wenn es um die Verarbeitung eines Verlustes geht. Die Angebote der Kirche fasst sie so zusammen: „Wir lassen Menschen ihren je eigenen Weg finden und sind dabei an ihrer Seite.“ Doch: Wie findet man den besten Weg für sich, wenn jemand gestorben ist, der einem am Herzen liegt? Dazu hat sie Informationen mit einer weiteren Expertin zusammengestellt: Melanie Malitius, Seelsorgerin aus Oberhausen, begleitet speziell Kinder, Jugendliche und Familien in Trauerphasen und ist auch Trauercoachin bei Haustierverlust. Sie weiß: „In der Trauer haben alle Gefühle ihren Platz und ihre Berechtigung. Eine Palette von Regungen, die sich auch widersprechen können, kann sich auftun und sich – manchmal täglich – verändern: Schock, Schmerz, Schuld und Verzweiflung, Wut, Panik, Flucht und Ohnmacht … Aber auch Positives wie Versöhnung, Erlösung, Selbst­Stärke, Liebe und Dankbarkeit.“ 

DIE SENSIBLE ERSTE PHASE 
Wer einen Todesfall im direkten Umfeld erlebt, bei  dem lassen sich verschiedene Reaktionen beobachten,  berichten die Expertinnen: Die einen „funktionieren“ zunächst einmal im Alltag und scheinen alles Nötige im Griff zu haben, die anderen wirken wie von Schock erstarrt. Manche lassen sich in die Trauer fallen, andere verdrängen den Tod. „Gerade in dieser allerersten, sensiblen Phase nach dem Verlust kommt den Fachkräften eine wegweisende Rolle zu“, weiß Andrea Schlüter und meint damit die erfahrenen Ansprechpersonen in Bestattungs- und freien Trauerfeier-Instituten sowie in den kirchlichen Diensten.

„Um einen heilsamen Einstieg in den Trauerprozess zu ermöglichen, gilt es für sie, genau hinzuhören, was den Menschen für den Abschied wichtig ist, anstatt bloße Standardprogramme abzuarbeiten“, nennt Schlüter auch einen persönlichen Anspruch an die eigene Arbeit. Im Bistum Essen leiten nicht nur Geistliche und hauptberufliche Seelsorgende Beerdigungsfeiern, sondern auch geschulte Ehrenamtliche. Melanie Malitius und Andrea Schlüter sind für die Begleitung dieses ehrenamtlichen Beerdigungsdienstes im Bistum Essen zuständig.

WIE KANN ES WEITERGEHEN?
„Manchen Menschen hilft nach der Beerdigung der re-gelmäßige Gang zum Friedhof, anderen ist das unmöglich. Einige verbannen alle Fotos, die die Verstorbenen zeigen, wieder andere stellen sich bewusst Fotos auf“, beschreibt Melanie Malitius die Gegensätze. Und Andrea Schlüter stellt klar: „Trauer ist keine Krankheit, sie muss nicht per se behandelt werden.“ Manche Hinterbliebenen finden irgendwann von allein oder mit Unterstützung aus dem persönlichen Umfeld aus dem Tal heraus. Anderen tut es gut, sich professionelle Hilfe außerhalb zu suchen.

Bunt – so lässt sich das Spektrum entsprechender Angebote im Bistum Essen beschreiben. Sie alle in diesem großen Gebiet zwischen Duisburg und dem Märkischen Sauerland zu nennen, würde den Rahmen von BENE sprengen. Deshalb hat Andrea Schlüter einen allgemein gültigen Rat: „In allen Städten und Gemeinden lässt sich etwas finden: Wenden Sie sich einfach an Ihre örtliche Caritas, Diakonie, Kirchengemeinde oder einen Hospiz-verein, dort hilft man gerne weiter.“ Ob man einen  engen oder gar keinen Bezug zum Glauben hat, ob man katholisch oder evangelisch ist oder einer anderen Religion angehört – das spielt keine Rolle bei sämtlichen Hilfsangeboten der christlichen Kirchen. Da gibt es zum Beispiel für unterschiedliche Zielgruppen jede Menge Trauercafés sowie weitere Gesprächs-, Kreativ- oder Aktivangebote. 

WIE VERARBEITEN ES KINDER AM BESTEN?
„Tod, Tränen, Abschiedsschmerz: Ein Phänomen, dem wir in unserer Arbeit oft begegnen, ist der gut gemeinte Versuch, Kinder von solchen traurigen Erfahrungen fernzuhalten. Doch dieser vermeintliche Schutz ist in Wahrheit ein Ausschluss. Er nimmt dem Nachwuchs die Möglichkeit, Abschied zu nehmen und das Geschehen zu verarbeiten“, betont Melanie Malitius. „Wir bedauern sehr, wenn Eltern ihre Kinder zum Beispiel nicht mit zur Beerdigung von Großeltern nehmen. Häufig heißt es, der Abschied könnte das Kind überfordern. Doch Kinder trauern anders als Erwachsene, man spricht von der sogenannten ‚Pfützentrauer‘: Sie springen mitten hinein in den Schmerz, weinen, nur um im nächsten Moment wieder herauszuspringen, zu spielen und zu lachen.“

Kinder müssten Abschiednehmen lernen, ist Melanie  Malitius überzeugt. Einen Zwang sollte es aber auch nicht geben, an einer Beisetzung teilzunehmen. „Wenn Kinder oder Jugendliche deutlich artikulieren, dass sie nicht mit zur Beerdigung gehen möchten, soll man diese Grenze respektieren“, so Malitius. „Unsere Aufgabe ist es dann, abseits der offiziellen Trauerfeier alternative Räume zu öffnen, in denen Trauer gelebt werden darf. Gemeinsam können wir nach individuellen Ritualen suchen – sei es das Schreiben eines Abschiedsbriefes, das Gestalten einer Erinnerungsbox oder ein stilles Gedenken im ver-trauten Kreis. Durch solche Rituale lernen Kinder, dass das Trauern auch auf eigenen Wegen möglich ist, dass es stärkt und auf dem Lebensweg weiterbringt.“
 

Für weitere Infos sind Melanie Malitius und Andrea Schlüter via E-Mail zu erreichen.  melanie.malitius@bistum­essen.de   
andrea.schlueter@bistum­essen.de
Wer in Trauer ist, findet rund um die Uhr Ansprechpersonen bei der Telefonseelsorge unter den Nummern 0800/1110111 und 0800/1110222. Hauptträger des kostenlosen Angebots sind die katholische und die evangelische Kirche. 

 

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