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„Die längsten sechs Wochen meines Lebens“

Wochenlang wurden früher Kinder ohne ihre Eltern zur Kur geschickt. Foto: shutterstock. com/Olga Pink

„Die längsten sechs Wochen meines Lebens – ich weinte jeden Abend – die Erinnerung kam Jahrzehnte später aus dem Nichts.“ So sprechen Menschen jenseits der Lebensmitte über ihre Zeit als „Verschickungskinder“ in Heil- und Erholungskuren. „Unendlich einsam und verloren“ fühlten sich die Jungen und Mädchen – ohne zu ahnen, dass es den Kindern nebenan am Tisch und im Schlafsaal ebenso ging.

Das Leid der zwischen 1950 und 1970 geborenen Verschickungskinder bahnt sich seit 2019 mit Macht seinen Weg an die Öffentlichkeit. Wesentlichen Anteil daran hat die „Initiative Verschickungskinder“ rund um die Sonderpädago- gin Anja Röhl, die seit 2009 Berichte der Betroffenen sammelte und 2021 das Buch „Das Elend der Verschickungskinder“ veröffentlichte. In Nordrhein-Westfalen koordiniert Detlef Lichtrauter die Initiative. Er ist auch Vorsitzender des Vereins „Aufarbeitung Kinderverschickungen NRW e. V.“, der eng mit der Landesregierung zusammenarbeitet, um die Wahrheitsfindung voranzutreiben.

Zwischen 1949 und 1990 organisierten die sogenannten Kinderfahrtmeldestellen in NRW Kuren für über 2,1 Millionen Kinder, so das Ergebnis einer ersten Studie des NRW-Sozialministeriums. Allein im Jahr 1962 wurden fast 100.000 Kinder und Jugendliche aus NRW verschickt mit den Diagnosen: erholungsbedürftig, schwächlich, anfällig, nervös, milieugeschädigt, chronisch krank.

Nicht alle ehemaligen Kurkinder haben schlimme Erfahrungen gemacht. Aber Tausende eben doch. Sie stecken ihnen heute noch in den Knochen – teils als düstere, diffuse Ahnun- gen aus ihrer frühen Kindheit, teils als konkrete Erinnerungen an übergriffige Erlebnisse.

Druck war offenbar oft Erziehungsmethode: Es wurde demütigend bestraft, wenn Achtjährige abends noch mit dem Bettnachbarn flüsterten, wenn jemand in der Nacht zur Toilette wollte, wenn Sechsjährige sich aus Heimweh ein- nässten. Die Mahlzeiten waren streng reglementiert: Unzähli-ge Betroffene erinnern sich an dicke Milchsuppen, die auch dann ausgelöffelt werden mussten, wenn Kinder sich vor Ekel in den Teller erbrochen hatten. Kinder, die abnehmen sollten, saßen mittags mit ihren Hungerrationen an einem Tisch mit Kindern, die aufgepäppelt werden und „den Teller leer essen“ sollten.

Eine strenge Mittagsruhe war sogar noch für 14-Jährige verpflichtend: Stocksteif, mit geschlossenen Augen lagen 25 Kinder in ihren Schlafsaalbetten, eine der Schwestern saß zur Aufsicht auf einem Stuhl an der Tür – oder eine der „Tanten“, wie die weiblichen Aufsichtspersonen seit der Reformpädagogik der 1920er-Jahre genannt wurden. Briefe der Kinder nach Hause wurden zensiert,

Päckchen der Eltern von der Kurheimlei- tung einbehalten. In welchem Ausmaß tatsächlich sogar Medikamentenversuche in den Heimen stattgefunden haben ko?nnten, das untersucht nun eine NRW- Studie.

„Wildfremde Menschen im Alter von 60 oder 80 Jahren brechen am Telefon in Tränen aus und bedanken sich dafür, endlich mit jemandem u?ber die Zeit im Heim sprechen zu können“, sagt Detlef Lichtrauter. Sein Verein „Aufarbeitung Kinderverschickungen NRW“ bietet auf der Internetseite www.verschickungs-heime.de verschiedene Hilfen an: den eigenen Erfahrungsbericht einzustellen. Sich mit anderen ehemaligen Kurkindern konkreter Heime zu ver- netzen. Psychologische Unterstützung zu bekommen. Und jetzt aktuell zur politischen Aufarbeitung beizutragen. Hilfe-Hotline, Seminare für Betroffene, Recherche und Forschung: „Wir kümmern uns“, verspricht Lichtrauter.

Das Land NRW unterstu?tzt den Verein politisch wie finanziell und hat 2021 eine Studie aufgesetzt zu Gewalt und pädagogischem Fehlverhalten in den Heimen. Erste Ergebnisse sind unter bene.mg/kinderkur einsehbar. Eine große Untersuchung folgt.

Ärzte, Gesundheitsamt und Wohlfahrtspflege verordneten die Kuren damals. Befeuert wurde die Verschreibung da- durch, dass das Bundessozialhilfegesetz von 1962 die Finan- zierung dieser Kuren erleichterte – man konnte also als Anbieter eines Kinderkurheimes für sich selbst ein ziemlich gutes Auskommen haben.

Mehr als ein Viertel der Kinderheilstätten wurden von katholischen oder evangelischen Trägern betrieben. Die größten Anbieter waren damals private Heime und Einzelanbieter, außerdem hatten Städte und Landkreise, Bahn, Post, große Firmen, die Arbeiterwohlfahrt und das Deutsche Rote Kreuz ihre eigenen Heime.

Die katholische Caritas und die religiösen Orden sammeln derzeit Informationen – beschleunigt wohl auch durch die Kritik an der zögerlichen Aufarbeitung des Missbrauchsthemas durch die Katholische Kirche. Wie in den meisten anderen Einrichtungen gibt es allerdings kaum noch Unterlagen zu den Kur-Kindern – weder über die verschreibenden Kinderärzte noch in den Einrichtungen oder in den Archiven der Bistümer oder religiösen Orden. Auch die Archive der Landesverbände Rheinland und Westfalen geben bislang nicht viel her. Das sehr alte oder verstorbene Betreuungsper- sonal von damals kann ebenfalls nicht mehr befragt werden. Der Deutsche Caritasverband beteiligt sich deshalb an einer bundesweiten Untersuchung der Rentenversicherung zum Verschickungsthema.

Bleibt die Frage: Warum hatten Ärzte, „Tanten“ und Schwestern so wenig Gefühl für die Kinder zwischen vier Jahren und der Pubertät? Woher stammen die rigiden Erziehungsmethoden? Etwa aus der Hitlerzeit? Sie gehen – so die NRW- Studie – zurück auf die nicht sehr empathischen Kinder- Heilkuren der Weimarer Republik 1918 bis 1933, die der Nationalsozialismus dann aufgriff. Während des Zweiten Weltkrieges wurden Evakuierungsmaßnahmen Minderjähriger als „Kinderlandverschickung“ geschönt und mit Drill und Druck der Hitler-Jugend durchgezogen.

„Wir kümmern uns!“

Als der Krieg endete, blieb das vorherige Betreuungspersonal. Auch die Methode bestand Jahrzehnte fort, Kinder über Druck und körperliche Gewalt zu ihrem „Glück“ zu zwingen. Im Raum steht das Schlagwort „Schwarze Pädagogik“ – Erziehung über Gewalt und Erniedrigung.

Den meisten Betroffenen geht es heute darum, sich selbst zu erklären, warum ihr Leben seit der einschneidenden Erfahrung der Kinderkur Jahrzehnte lang von Bindungsangst, Ekel oder anderen Beeinträchtigungen geprägt wurde.

„Das alles ist jetzt 46 Jahre her, und ich fange gerade erst an zu begreifen, welche Auswirkungen diese sechs Wochen auf mein weiteres Leben hatten und was da alles in mir kaputt gemacht wurde“, schreibt einer, der als Fünfjähriger im Kurheim verprügelt wurde, weil er ins Bett gemacht hatte: „Da ist so viel Trauer um den fröhlichen kleinen Jungen, der so nicht mehr nach Hause zurückkam.“

Rat und Hilfe

Bei Gesprächsbedarf und weiteren Fragen steht Detlef Lichtrauter (Aufarbeitung Kinderverschickungen NRW e. V.) zur Verfügung.

Mobil: 0163 1328215
E-Mail: detlef.lichtrauter@akv-nrw.de

www.verschickungsheime.de

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