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Keine Krankenversicherung?

Anneliese Rauhut (r.) kümmert sich als Ärztin ehrenamtlich um Nicht-Versicherte. Hier mit Patientin Joy und deren Tochter Wendy. Foto: Achim Pohl

Dezember 2025

„EINE FRAGE DER NÄCHSTENLIEBE“

Praxis für Menschen ohne Krankenversicherung in Duisburg

 

Text Kathrin Brüggemann 

Rund 72.000 Menschen leben laut offizieller Angabe des Statistischen Bundesamtes in Deutschland ohne Krankenversicherung (Stand 2023). Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Fachleute der Universität Duisburg-Essen gehen von mehr als einer halben Million Betroffenen aus. Dazu gehören Menschen ohne Papiere und Eingewanderte aus der EU genauso wie Menschen aus Deutschland, die ihre Versicherungsbeiträge nicht zahlen können, oder Personen ohne festen Wohnsitz. Der Malteser Hilfsdienst e. V. bietet Betroffenen an 20 Standorten in Deutschland anonyme und kostenfreie medizinische Versorgung an, genannt „Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung“ (MMM). Fünf dieser Praxen sind in Nordrhein-Westfalen. Eine befindet sich im Ruhrgebiet, mitten in Duisburg. 

Ein ehrenamtliches Team aus 13 ärztlichen Fachpersonen, elf Hel­ferinnen, zwei Hebammen, einer Apothekerin und einer Dolmetsche–rin versorgt dort pro Jahr über 1.000 Menschen aus 60 Nationen. Durchgeführt werden Erstuntersuchungen und Notfallversorgung inklusive Diagnostik, Therapie und Beratung – sowohl bei akuten als auch bei chronischen Krankheiten. Ein Schwerpunkt liegt auf der Beratung und Behandlung von Schwangeren und jungen Müttern. Dazu gehören zum Beispiel Mutterschaftsvorsorge, Früher­ken­nungsuntersuchungen und Impfun­gen. Zwei Sozialarbeiterinnen ver­stärken das Team – sie unterstützen Betroffene bei der Integration ins soziale Sicherungssystem.   

„Die Menschen, die zu uns kommen, waren oft jahrelang nicht in Behandlung. Sie leiden an Erkrankungen, die weit fortgeschritten sind. Viele haben Diabetes, Bluthoch­druck, Infektionen und Tumor­erkrankun-gen“, erzählt Anneliese Rauhut. Die 70-jährige Ärztin hat die Praxis für Nicht-Krankenversicherte 2014 im Sozial­pastoralen Zentrum Peters-hof in Duisburg-Marxloh mit ins Leben gerufen. Seit 2017 ist sie gemeinsam mit ihrem ehrenamt­lichen Team unter dem Dach der Malteser im Bistum Essen in der Praxis in Duisburg tätig. 

Heute untersucht Anneliese Rauhut die 41-jährige Joy – eine Mutter von zwei Kindern, die seit den Schwangerschaften an Bluthochdruck und Diabetes leidet. Sie kommt regelmäßig in die hell gestrichene Praxis mit dem großen Wartebereich. Joy hat ihre anderthalbjährige Tochter dabei. Die Kleine beobachtet die Ärztin ganz genau. 

Anneliese Rauhut überprüft den Blutdruck der jungen Mutter, checkt ihren Puls und misst ihren Blutzuckerwert. „Dein Blutdruck ist leider immer noch zu hoch, Joy. Den müssen wir in den Griff bekommen“, sagt sie besorgt und überreicht ihr ein passendes Medikament. Nach der Untersuchung verabschiedet sie sich freundschaftlich von ihr.  

Die Patientin ist ihr mit der Zeit ans Herz gewachsen. Warum Joy keine Krankenversicherung hat, ist Anneliese Rauhut nicht wichtig. Sie will einfach helfen: „Jeder Mensch hat ein Recht darauf, gesundheitlich versorgt zu werden. Das ist für mich als Christin auch eine Frage der Nächstenliebe.“ Sie gibt allerdings zu bedenken, dass die Verantwortung für die medizinische Versorgung von Menschen ohne Krankenversicherung nicht auf freiwillig Engagierte abgewälzt werden dürfe: „Es ist eine staatliche Aufgabe, ein tragfähiges Gesundheitssystem für alle Menschen in Deutschland zu schaffen.“

Ebenso engagiert wie sie selbst sind auch ihre Teammitglieder. Hebamme Dories Kammann zum Beispiel. Die 75-Jährige ist seit ihrem Ruhestand ehrenamtlich in der Malteser-Praxis aktiv. Sie behandelt gerade Tamari, die im neunten Monat schwanger ist. Die 34-Jährige muss ihr viertes Kind per Kaiserschnitt auf die Welt bringen, da es bei früheren Geburten zu Komplikationen kam. Dories Kammann spricht mit Tamari über die bevorstehende Geburt. „Ich klebe einen Zettel in Ihren Mutterpass, auf dem steht, bei welchen Anzeichen Sie sofort ins Krankenhaus fahren müssen“, erklärt sie ihr. Außerdem gibt sie der Hochschwangeren eine kleine Dose mit Eisen- und  Folsäuretabletten, die diese bis zum Ende der Stillzeit nehmen soll. 

Zum Abschluss führt sie bei ihrer Patientin einen Ultraschall durch. Die Hebamme muss wissen, ob das Ungeborene richtig in der Gebärmutter liegt und sich die Herztöne gut anhören. „Das ist Musik für Mama“, sagt Dories Kammann lächelnd, als sie das regelmäßige Wummern hört. Zum Glück ist alles in Ordnung. „Bei mir geht es nicht nur um die Medizin“, sagt sie. „Ich bin für die Frauen da. Sie können mir alles erzählen und mit ihren Sorgen zu mir kommen. Ich helfe ihnen bei der richtigen Ernährung, gebe ihnen Tipps für die richtige Haltung. Das trägt alles zum guten Gelingen einer Geburt bei.“

Die Hebamme verabschiedet sich von Tamari und sagt ihr noch mal, dass sie ihren Mutterpass zur Sicherheit immer bei sich tragen muss. Dann widmet sie sich ihrer nächsten Patientin. An diesem Tag ist das Wartezimmer in der Malteser-Praxis in Duisburg voll mit schwangeren Frauen und jungen Müttern, die auf die Hilfe der engagierten Ärztinnen und Hebammen hoffen.  

 

Die Praxis für Menschen ohne Krankenversicherung in Duisburg an der Münzstraße 15-17 ist zweimal wöchentlich geöffnet. Montags von 11 bis 14 Uhr gibt es eine spezielle Sprechstunde für Schwangere. Donnerstags können alle von 10 bis 14 Uhr kommen, Erwachsene und Kinder. Das Angebot ist rein spenden­finanziert. Um die Mittel für Miete, Betriebskosten, Reinigung, Medikamente, Verbrauchsmaterialien und Laboruntersuchungen zu decken, benötigt das ehrenamtliche Team pro Jahr rund 62.000 Euro. 

Wenn Sie die Malteser-Praxis in Duisburg unterstützen möchten, nutzen Sie bitte folgendes Spendenkonto: Malteser Hilfsdienst e. V., Pax-Bank, IBAN: DE54 3706 0120 1201 2060 10, Verwendungszweck: MMM Duisburg. Für Rückfragen ist Annett Rohde vom Malteser Hilfsdienst e. V. telefonisch unter 0201 8204721 oder per E-Mail unter annett.rohde@malteser.org erreichbar. Weitere Infos: www.malteser.de 

 

 

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