Teaser 2

Eingesperrt! Eine Inhaftierte erzählt

Dezember 2022

EINGESPERRT

Gespräch mit einer Inhaftierten

Seit knapp drei Jahren führt Rebecca S. kein freies Leben mehr. Sie wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt. Zwei Jahre saß die 35-Jährige, die ihren echten Namen nicht preisgeben möchte, bereits im geschlossenen Vollzug in einem Gefängnis im Rheinland. Anfang 2022 durfte sie in den offenen Vollzug der Justizvollzugsanstalt Gelsenkirchen wechseln.

Das Gebäude bietet Platz für 62 Frauen, die auf die Wiedereingliederung in die Gesellschaft vorbereitet werden sollen. Es gibt Einzel- und Doppelzimmer. Auf dem langen Flur stehen die Arbeitsschuhe der Gefangenen. Eine Frau telefoniert in einem separaten Raum, in dem auch ein Automat mit Süßigkeiten zu sehen ist. Im Außenbereich befindet sich ein Hühnerstall. Eine Katze flitzt durchs Gras.

Rebecca S. sitzt gemeinsam mit dem Justizvollzugsbeamten Dominik Zollhofer, der gleichzeitig Pressesprecher der JVA ist, und der Seelsorgerin Maria Mauch in einem Gesprächsraum an einem Tisch. Es gibt Kaffee, die Atmosphäre ist entspannt. „Ich wurde wegen Betrugs verurteilt“, stellt Rebecca S. direkt klar.

Die 35-Jährige, gepflegt und wortgewandt, erzählt, wie sie in eine Kaufsucht geraten sei. „Ich habe im Internet Sachen bestellt und irgendwann den Überblick verloren“, sagt sie. „Es ging nur noch um den Bestellvorgang. Ich habe unter anderem 25 Dirndl bestellt und sofort wieder weggeworfen.“ Die junge Frau hatte damals eine leitende Position bei einer Versicherungsgesellschaft, arbeitete nebenbei als Serviceleitung in der Gastronomie.

Das Bestellen sei ein Ventil gewesen, das sie gebraucht habe, um die Probleme in ihrem Leben zu bewältigen. Irgendwann habe sie Rechnungen nicht mehr beglichen, Mahnungen ignoriert, Post vom Gericht in den Müll geworfen. „Dass ich eine Grenze überschreite, habe ich zu dem Zeitpunkt völlig verdrängt“, sagt die Mutter eines Sohnes. Sie wurde wegen Betrugs angezeigt, bekam mehrere Bewährungsstrafen.

Doch sie bestellte immer weiter – bis eine Richterin sie zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilte. Mit den Bewährungsstrafen kam Rebecca S. so auf sieben Jahre Gefängnis.Sie sieht ihr Urteil kritisch: „Wenn es ums Geld geht, fallen die Strafen in Deutschland vergleichsweise hoch aus.“

Was eine Haftstrafe bedeutet, realisierte die junge Frau erst, als das Tor der Justizvollzugsanstalt krachend hinter ihr ins Schloss fiel: „Da wurde mir klar, dass ich eingesperrt bin.“ Ihre Zelle im geschlossenen Vollzug teilte sie sich ein paar Monate lang mit vier anderen Frauen. Privatsphäre gab es nicht: Nur ein Vorhang trennte die Toilette vom Rest des Raumes. Das Wasser, das aus dem Hahn floss, war eiskalt.

Und es gab strenge Regeln im Vollzug: Wecken um 6 Uhr, Arbeitsbeginn um 6.45 Uhr. Rebecca S. arbeitete in der JVA beim Friseur und in der Beamtenkantine. Sie hatte eine Freistunde von 16 bis 17 Uhr, danach wurde sie eingeschlossen. Freitags war der Einschluss schon um 15 Uhr. Schwere Stunden, die sie irgendwie aushalten musste: „Man fühlt sich einsam, vor allem wenn die Sonne scheint. Zwar kann man fernsehen und Bücher lesen, aber auf Dauer reicht das nicht. Man kann seinem Bewegungsdrang nicht nachgehen.“

Was ihr blieb: das Nachdenken über sich selbst, über ihre Taten: „Es hat lange gedauert, bis ich einsehen konnte, dass ich Mist gebaut habe. Ich habe mir alles genommen, was ich hatte. Das Vertrauen meiner Familie, mein Zuhause, meinen guten Job.“ Die Zeit in der Zelle habe sie verändert. Sie sei inzwischen ruhiger, vorsichtiger, reflektierter.

Rebecca S. will ihr Leben wieder in den Griff bekommen. Dafür bietet ihr der offene Vollzug in Gelsenkirchen eine Chance. Dort hat sie ein Einzelzimmer, das sie selbst gestalten kann. Sie darf „draußen“ arbeiten gehen und ihre Familie besuchen. 22 Tage pro Jahr kann sie außerhalb des Gefängnisses verbringen – wenn sie sich an gewisse Regeln hält. Alkohol und Drogen sind tabu, Pünktlichkeit ein Muss: „Wenn ich weiß, dass ich um acht Uhr wieder zurück sein muss, bin ich schon um halb acht da.“ Nach einem Freigang muss sie ihr Handy im offenen Vollzug in ein kleines Fach einschließen.

Wo sie arbeitet, möchte sie nicht sagen. In ihrem Job hält sie ihren Status als Inhaftierte geheim. Nur ihr Chef weiß Bescheid. Das hat seinen Grund: „Ich möchte auch nach meiner Haft dort arbeiten. Und dann möchte ich nicht, dass meine Kolleginnen und Kollegen wissen, dass ich im Gefängnis war.“ Sie habe bei ihren Freigängen oft das Gefühl, abgewertet zu werden – bei Behördengängen zum Beispiel, im Krankenhaus oder auch bei Arztbesuchen. Ein Mediziner, der ihr eine Bescheinigung für den offenen Vollzug ausstellen sollte, sei panisch mit dem Stuhl ein Stück nach hinten gerückt, als er gesehen habe, wo sie derzeit wohne. Er habe sofort jemanden dazuholen wollen, damit er nicht allein mit ihr sein müsse. Auch das Kennenlernen von Männern sei schwierig. „Wenn ich mich mit jemandem treffe und ihm sage, woher ich komme, habe ich keine Chance mehr“, erzählt sie. „Vor Kurzem sagte jemand zu mir, dass ich eine Gefahr für seine Tochter sei.“ Das habe sie getroffen.

Maria Mauch schaltet sich ins Gespräch ein: „Nur weil jemand inhaftiert ist, heißt es nicht gleich, dass er oder sie gefährlich ist.“ Die sympathische Frau mit Brille und kurzen grauen Haaren ist als Seelsorgerin für die Gefangenen da, wenn sie Probleme haben oder einfach nur reden möchten. „Täterinnen und Täter bleiben Menschen“, sagt sie. „Ich versuche, die Inhaftierten zu bestärken.“ Rebecca S. nickt ihr zustimmend zu und sagt: „Die Seelsorgerin ist die einzige Person, die man rund um die Uhr anfragen kann, wenn es einem schlecht geht.“

In der Haft erleben Gefangene also Zuwendung und einen Umgang auf Augenhöhe, draußen Demütigung und Ausgrenzung? „Verallgemeinern kann man diese These nicht, jedoch ist sie auch nicht gänzlich auszuschließen“, sagt Dominik Zollhofer und gibt zu bedenken: „Der Vollzug ist noch immer ein recht unbekanntes Terrain. Es ist ein schwer einsehbares System und daher für die Außenwelt weitestgehend unbekannt.“

Deshalb bemüht sich der 38-Jährige in seiner Funktion als Pressesprecher um mehr Transparenz. Das sei, so sagt er, eine Möglichkeit, um den Menschen „draußen“ den modernen Strafvollzug näherzubringen und mit Vorurteilen aufzuräumen. 2023 feiert die JVA Gelsenkirchen ihr 25. Jubiläum. Dann soll es einen „Tag der offenen Tür“ für Bedienstete und ihre Familien geben.

Rebecca S. hofft darauf, schon im April nächsten Jahres wieder auf freiem Fuß zu sein. Sie hat einen Antrag auf Haftverkürzung gestellt. Wenn dieser dank ihrer positiven Sozialprognose durchgeht, könnte sie schon nach der Verbüßung der Hälfte der Strafe aus der Haft entlassen werden. Sie sehnt sich danach, einfach „mal wieder in den Urlaub fahren zu dürfen“. Durch das Fenster sieht sie die graue Gefängnismauer. Ein Anblick, den sie noch eine Zeit lang ertragen muss.

Die Gefängnisseelsorge des Bistums Essen hat die Probleme und Nöte der Gefangenen, der Angehörigen und der Bediensteten in den Justizvollzugsanstalten im Blick. Ansprechpartner ist Pfarrer Klaus Schütz. Seine Telefonnummer: 0201 7246-370.

Weitere Informationen zu der Justizvollzugsanstalt in Gelsenkirchen finden Sie im Internet auf www.jva-gelsenkirchen.nrw.de

Text Kathrin Brüggemann

 

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