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Die Folgen der Flut: Zu Besuch in Altena

Thomas Grüber, Ehefrau Dimitra und Sohn Raphael in ihrem Hausflur. Tochter Nathalie fehlt auf dem Bild. Foto: Achim Pohl

DIE FOLGEN DER FLUT: ZU BESUCH IN ALTENA

Zwischen Spachtelmasse und Werkzeugsteht ein Adventsgesteck, das einen Hauchvon Hoffnung verströmt. Dimitra Grüber versucht, es sich und ihren Liebsten in ihrem Hausim sauerländischen Altena so gemütlich wie möglichzu machen. Seit fünf Monaten lebt sie mit ihrer Familie in kahlen, sanierungsbedürftigen Räumen – ohne Türen, Tapeten und Teppiche, ohne Couch und Küche. Das Unwetter hat das Erdgeschoss ihres zweistöckigen Hausesim Ortsteil Nettekomplett zerstört.

Als der Starkregen Mitte Juli Teile des Ruhrbistums überschwemmte, waren Dimitra Grüber, ihr Ehemann Thomas und Sohn Raphael im Sommerurlaub an der Ostsee. Die 18-jährige Tochter war allein zu Hause. „Nathalie ist das erste Mal nicht mit uns verreist, weil sie mit ihrem Freund nach Mallorca fahren wollte“, berichtet Dimitra Grüber.

Sie hielt am Tag der Katastrophe telefonisch Kontakt zu ihrer Tochter, die von den immer weiter ansteigenden Wassermassen berichtete. Die Feuerwehr habe Nathalie dazu aufgefordert, Sandsäcke vor die Haustür zu legen. „Doch das hat nichts gebracht! Das Wasser lief durch die Ritzen ins Haus“, erzählt Dimitra Grüber mit ernstem Blick. Ihre Tochter sei in ihr Zimmer im oberen Stockwerk gelaufen, um ein paar Sachen zu packen. Als Nathalie wieder im Erdgeschoss war, habe sie bis zu den Knien im Wasser gestanden: „Sie musste auf die Fensterbank im Wohnzimmer klettern, damit die Feuerwehr sie aus dem Haus tragen konnte.“

Thomas Grüber hatte sich in der Zwischenzeit auf den Rück-weg gemacht. In Altena kämpfte er sich durch die reißenden Fluten, die die schmalen Gassen der Grabenstraße entlang-strömten und alles mit sich rissen. Als er mit einer Taschen-lampe in das Küchenfenster seines Hauses leuchtete, traute er seinen Augen nicht: „Zu sehen, wie unsere Einrichtung im Wasser schwimmt, war hart. Damit rechnet man nicht.“ Zwölf Stunden später war das Wasser abgeflossen. Zurück blieben hartnäckiger Schlamm, Dreck und Chaos. 14 Tage lang trugen Helferinnen und Helfer alles, was zerstört worden war, aus dem Haus: neu gekaufte Möbel, Schränke, Vitrinen, Töpfe, Besteck, Ordner, Dokumente. „Wildfremde Menschen fragten uns, wie sie helfen können“, sagt Dimitra Grüber. „Das war großartig, aber es hat uns auch überfordert. Wir hatten von einem Moment auf den anderen keine Kontrolle mehr über unser Leben.“

Die Familie war plötzlich auf Spenden angewie-sen. Sie kocht derzeit auf einer elektrischen Kochplatte und spült im Gästebad im oberen Stockwerk. Ein Kühlschrank und eine Waschmaschine stehen im „Wohnzimmer“. Die Eltern machen sich Sorgen um die Finanzierung des Wiederaufbaus ihres Heimes. Den Gesamtschaden schätzen Sach-verständige auf 80.000 Euro. Bisher haben die Grübers nur ein paar tausend Euro Soforthilfe erhalten. „Auf die Spenden-gelder, die die Stadt Altena gesammelt hat, warten wir immer noch“, erzählt Dimitra Grüber. Diese werden erst ausgezahlt, wenn die Mittel von Land und Bund ausgeschöpft sind.

Der Fluthilfeantrag des Ehepaares liegt jetzt beim Land NRW. „Die Renovierung des Hauses wird weit bis ins nächste Jahr dauern, da eine komplette Etage nicht in ein paar Wochen fertig sein kann“, so Thomas Grüber. Die Kücheneinrichtung wird erst nach Weihnachten ankommen. Auch auf die Türen muss die Familie aufgrund der langen Lieferzeiten noch warten.

In einer ähnlichen Situation wie die Grübers ist Ute Kettenmann. BENE trifft sie bei einem Straßenfest für die Nach-barschaft des Grennigloher Wegs – eine von der Flut stark beschädigte Straße, die sich durch hohe Berge schlängelt. Als das Regenwasser herunterkam, zog es das Geröll aus den Bergen mit sich. Eine Lawine aus Steinen und Schutt rollte bis vor die Wohnungen. Weil ein Erdrutsch drohte, mussten Ute Kettenmann und ihre Familie evakuiert werden.

„Ich hatte nur fünf Minuten, um das Nötigste aus dem Haus zu holen“, erinnert sie sich. Tränen stehen in ihren Augen. Für zweieinhalb Wochen kamen sie und die anderen Betroffenen in einer Tagungsstätte in Altena unter: „Es hat mir viel gebracht, dass ich mit meinen Nachbarinnen und Nachbarn evakuiert worden bin“, erzählt sie. „Wir haben gemeinsam gelacht und geweint. Das hat uns zusammengeschweißt.“

Eine Erfahrung, die auch Kim Hücking gemacht hat. Die 37-Jährige ist Geschäftsführerin der Drahtzieherei Brüning-haus. „Auf diese teambildende Maßnahme hätte ich gut ver-zichten können“, sagt sie. Das Wasser schoss nicht nur durch die Türen in die Fertigungshallen des Familiengeschäfts – es drückte sich auch aus dem Boden nach oben. Der Grund dafür war ein Bach, der unterhalb des Betriebsgebäudes verläuft. „In unserer Stadt war nicht die Lenne das Problem. Es waren die kleinen Bäche, die bei der Flut zu einer Gefahr wurden“, erklärt Kim Hücking.

Nach der Katastrophe hat sie drucksi-chere Kanaldeckel anbringen lassen. „Es ging alles so schnell“, erinnert sich die Betriebswirtin. „Obwohl ich das Unwetter im Sommer miterlebt habe, kann ich das, was geschehen ist, nicht so richtig begreifen.“ Sie höre noch immer das laute Rauschen des Wassers. Trotz des Schocks musste sie damals zügig handeln: Maschi-nen reparieren lassen, die Elektrik erneuern, wartende Kund-schaft vertrösten – und das Leid der anderen im Blick haben. Die Mitarbeitenden ihrer Firma spendeten Überstunden, um mit dem Geld Familien in den schwer beschädigten Ortsteilen zu unterstützen. „Es gibt viele Menschen in Altena, die nicht versichert sind und die es schlimmer getroffen hat als uns“, so Kim Hücking. „Das sind vor allem die Privatleute.“

Text Kathrin Brüggemann

Nothilfe nach der Flutkatastrophe in Deutschland leistet unter anderem Caritasinternational.Wer Betroffenenhelfen möchte, kann über folgendes Konto spenden:

Caritas international
IBAN: DE88 6602 0500 0202 0202 02
BIC: BFSWDE33KRL
Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe
Spendenzweck: Nothilfe für Betroffene der Fluten in Deutschland

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