Querbeet

Mission zum Mond: Essenerin bei der NASA

shutterstock.com/muratart

September 2025

 

„WIR ALLE SIND AUS STERNENSTAUB“

Juliane Groß aus Essen ist bei der NASA für Gesteinsproben vom Mond verantwortlich

Wenn die USA bald ihr neuestes Raumfahrtprojekt Richtung Mond schicken, dann ist in gewisser Weise auch geballte Fachkompetenz aus dem Ruhrgebiet mit an Bord. Die gebürtige Essenerin Juliane Groß (46) bereitet von Houston/Texas aus alle Missionen der „Artemis“-Reihe mit vor. Insgesamt sieben sind derzeit geplant, die nächsten zwei schon ganz konkret: Mit „Artemis II“ soll im kommenden Frühjahr das erste Mal seit 1972 eine Raumfähre samt Besatzung zum Mond aufbrechen und ihn umrunden. Ziel ist, die Systeme und Arbeitsabläufe für das folgende Vorhaben zu erproben: Mitte 2027 soll mit „Artemis III“ erneut eine Crew zum Mond fliegen – und diesmal auch dort landen. Bis dahin ist noch viel zu tun in der US-Raumfahrtbehörde NASA – auch für ihre deutsche Mitarbeiterin. Als Geologin ist Juliane Groß unter anderem Expertin für Gesteinskunde. Was genau ihre Aufgaben im Rahmen der Mond-Mission sind und wie sie von Essen aus zur Weltraumforschung kam, erzählt sie im Gespräch mit BENE-Redaktionsleiterin Sandra Gerke.

BENE: Kann man sagen: Ihr Weg zur NASA startete in gewisser Weise schon im Ruhrgebiet?

Juliane Groß: Es hat auf jeden Fall alles im Ruhrgebiet angefangen mit meiner Liebe für die Natur und den Weltraum. Nach dem Abitur in Essen habe ich an der Ruhr-Uni Bochum Geowissenschaften studiert. Kurse in Planetologie hatte ich aber nicht. Während meiner Doktoranden-Zeit habe ich dann gesehen, dass ein wissenschaftliches Institut für Mond- und Planetenkunde in Texas ein Forschungsstipendium in Zusammenarbeit mit der NASA ausschreibt. Darauf habe ich mich einfach beworben, hätte aber nie gedacht, dass ich tatsächlich eingestellt werde. Das war 2009. Zwei Jahre war ich dort und habe an Mond- und Marsgesteinen geforscht.

Sie haben dann im berühmten Amerikanischen Museum für Naturgeschichte in New York City und als Professorin für Planetologie an der Rutgers-Universität in New Jersey weiter Forschung betrieben. Und sind schließlich doch wieder in Houston gelandet ...

Ende 2019 hat die NASA mich von der Rutgers University zunächst „ausgeliehen“ für drei Jahre, um ihnen zu helfen, einen der letzten Bohrkerne vom Mond von der „Apollo 17“-Mission zu öffnen und zu untersuchen. Die „Apollo“-Missionen haben insgesamt 382 Kilogramm an Mondgesteinen zurück zur Erde gebracht.

Da der Mond keine Atmosphäre hat und geologisch nicht aktiv ist wie die Erde, hat er sich seit seiner Entstehung kaum verändert. Alle unsere Hypothesen, wie die Erde entstanden ist und sich im Laufe der letzten 4,5 Milliarden Jahre entwickelt hat, basieren auf diesen Steinen von „Apollo“. Aber: Sie wurden nur von einem eingeschränkten Bereich der Mondoberfläche genommen. Einem Bereich, der geologisch gesehen sehr interessant ist – aber nicht repräsentativ für den gesamten Mond. Das wäre so, als würden wir versuchen, die Geologie von Deutschland zu verstehen, und alle unsere Gesteinsproben nur in der Vulkaneifel sammeln. Wir würden vieles verfehlen.

Um mehr zu erfahren, folgen auf „Apollo“ nun die „Artemis“-Missionen. Und Sie sind daran beteiligt ...

Die NASA hat mich 2023, nachdem ich für ein Jahr wieder an der Uni gelehrt hatte, fest eingestellt und verbeamtet. In Houston bin ich seitdem leitende Verantwortliche für die Proben, die „Artemis III“ vom Mond mitbringen soll: Wir hoffen, das werden 96 Kilogramm an Mondgesteinen sein inklusive Behälter.

Jetzt im Vorfeld helfe ich, die „Artemis“-Besatzung wissenschaftlich zu trainieren: Es geht dabei zum Beispiel um Mondgesteinskunde und darum, wie man Beobach- tungen vom Mond macht und aufzeichnet während der Umrundung. Während der Mission nächsten April werde ich dann im „Science Evaluation Room“ sein, das ist quasi das wissenschaftliche Hinterzimmer von „Mission Control“, der offiziellen Leitstelle. Von dort aus werden mein Team und ich Fragen der Astronauten beantworten, ihnen Aufgaben erklären und Daten auswerten. Ich bin jetzt schon ganz aufgeregt und kann es gar nicht abwarten! Wir testen gerade alles, damit wir im April bereit sind.

Das Motto von BENE lautet diesmal „Alles im Griff“. Inwiefern kann Weltraumforschung dazu beitragen, Herausforderungen auf der Erde besser „in den Griff“ zu bekommen?

Die Erforschung des Weltraums ist für die Zukunft der Menschheit wichtig, weil sie unser Verständnis der Erde und unseres Sonnensystems erweitert. Durch die Erforschung der Mondgesteine haben wir zum Beispiel gelernt, wie sich Planetenkrusten bilden, was uns natürlich hilft, die Erde besser zu verstehen. Oder nehmen wir den Mondstaub: Dieses „Regolith“ kommt seit 4,5 Milliarden Jahren mit dem Wind der Sonne in Berührung, was Spuren hinterlassen hat. Es ist sozusagen ein Archiv, das zeigt, wie sich alles verändert hat. Wir können daraus etwas über den Klimawandel im Sonnensystem lernen. Je besser wir unsere Vergangenheit verstehen, desto besser können wir uns auf unsere Zukunft vorbereiten. Außerdem treibt Weltraumforschung technologische Innovationen voran, die für uns auf der Erde von großem Nutzen sind. Sie inspiriert zukünftige Generationen und fördert internationale Zusammenarbeit.

Wenn sich beruflich bei Ihnen alles ums Aufspüren von Fakten dreht, können Sie da privat an etwas glauben, was man nicht nachweisen kann, also: an Gott?

Meine Eltern waren vor ihrem Ruhestand beide im Kirchendienst. Mein Vater war Pastor in der evangelischen Gemeinde Essen-Rüttenscheid, meine Mutter Pastorin im Herzzentrum Duisburg. Ich bin also mit Gott aufgewachsen. Aber ich liebe Fakten! Wir sind alle aus Sternenstaub zusammengesetzt. Würde man die Atome von uns allen jeweils zu einem Haufen legen, hätte man nur Staub und sähe, dass wir alle sehr gleich sind. Setzt man die Atome anders zusammen, entsteht daraus ein Baum, ein Stein oder ein Mensch ... Und warum kann der Mensch denken, aber der Stein nicht? Einige nennen es Gott, was sie dahinter erkennen. Ich nenne es Natur oder Universum. Ich glaube an die Liebe, das Gute in den Menschen und das Verbundensein durch die Wissenschaft.

Apropos Verbundensein: Wie hat sich Ihr Draht nach Deutschland entwickelt?

Das Ruhrgebiet ist meine Heimat! Ich habe viele Kleinig-keiten von dort hier in Houston: zum Beispiel Ruhrpott- Butterbrot-Brettchen, Geschirrtücher aus alten Zechentüchern und Ohrringe mit Kohle, die mir meine Schwester geschenkt hat. Ich vermisse meine Familie und Freunde sehr! Wenigstens einmal im Jahr versuche ich nach Hause zu kommen. Manchmal klappt das nicht wegen der Arbeit, manchmal schaffe ich es sogar zweimal, wenn die Flüge nicht so teuer sind. Ich freue mich schon aufs nächste Mal, wenn ich alle sehen kann!

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