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Foto: Ocean Collective GmbH

September 2026

„HAIE HABEN MICH ZU EINEM BESSEREN MENSCHEN GEMACHT“

7 Fragen an … Haiforscher Lukas Müller

Während bei anderen schon der Gedanke an die Begegnung mit einem Hai Unbehagen auslöst, sucht Lukas Müller ganz bewusst seine Nähe. Der Essener ist Haiforscher: Er taucht ohne schützenden Käfig mit den Raubtieren im Ozean und beobachtet ihr Verhalten. „Offen für das zu sein, was kommt, mit einem Bewusstsein für meine Stärken und Schwächen und mit einer Bodenständigkeit – und zwar im Wasser und an Land –, das habe ich durch Haie gelernt“, sagt der 35-­Jährige. Frisch zurück von einer Expedition in Frankreich, wo er mit Heringshaien im Wasser war, hat sich der Meeresbiologe Zeit für die Fragen von BENE-­Redakteurin Maria Kindler genommen.

BENE: Was empfinden Sie, wenn Sie ohne Barriere mit Haien im Wasser sind? 
Lukas Müller: Ich empfinde eine tiefe Ruhe. Kein Telefon, kein Terminkalender, keine digitale Ablenkung: Ich bin ganz im Moment. Die Begegnung verlangt meine volle Aufmerksamkeit. Jede Zelle meines Körpers ist präsent – und zwar aus tiefer Verbundenheit mit den Haien, nicht aus Stress. Eine Fülle aus Neurotransmittern, also körpereigenen Botenstoffen, lassen mich das Gefühl für Zeit völlig verlieren. Gleichzeitig spüre ich Dankbarkeit: dass ich mit diesen sehr intelligenten Raubtieren zusammen sein darf, solange sie noch existieren. Denn wir machen im Ozean das, was wir in den vergangenen 400 Jahren an Land gemacht haben: die Giganten der Naturlandschaften ausdünnen.

Hand aufs Herz: Haben Sie wirklich gar keine Angst?
Nein. Ich habe das Tauchen mit Haien nie als Gefahr wahrgenommen. Für mich ist es wie viele andere Aktivitäten im Leben: potenziell riskant. Autofahren zum Beispiel wird gefährlich, wenn ich nachts ohne Licht, übermüdet und zu schnell fahre und die Musik so laut aufdrehe, dass ich meine Umgebung kaum noch wahrnehme. Wenn ich aber angeschnallt bin, das Tempolimit einhalte und aufmerksam fahre, ist es vergleichsweise sicher. Genauso verhält es sich beim Haitauchen. Der Unterschied ist nur, dass ein Hai für uns sichtbar bedrohlich ist. Durch die Evolution sind wir darauf programmiert, Raubtieren mit Vorsicht zu begegnen – ein tief verankerter Überlebensinstinkt. Risiken beim Autofahren, Bergsteigen oder Fliegen nehmen wir hingegen als abstrakt wahr. Statistisch betrachtet ist Haitauchen aber sicherlich um einiges ungefährlicher als Autofahren.

Was haben Haie Ihnen über den Umgang mit Angst beigebracht? 
Angst ist eine Frage der Perspektive. Ich bin ein Mensch, der sehr selbstkritisch ist, der seine Gedanken oft kreisen lässt und sich fragt: Wieso funktioniert dies und jenes nicht? Doch in dem Moment, in dem ich in den Ozean springe, bekomme ich direktes Feedback. Unter mir liegt 1.200 Meter tiefes Blau. Im Wasser geht es nur darum, präsent zu sein und sich auf den nächsten Moment zu konzentrieren. Es gibt keine Möglichkeit zu entkommen. Hier merkt man, dass man widerstandsfähiger ist, als man glaubt. Man muss sich nur trauen, seine Komfortzone zu verlassen.

Erinnern Sie sich an eine Situation im Wasser, die Ihren Blick auf Haie und auf sich selbst geprägt hat?
Das war die Begegnung mit einem Weißen Hai vor Guadalupe, einer mexikanischen Pazifik-Insel. Wir waren mit einem Team erfahrener Freitaucher unterwegs, als ich plötzlich bemerkte, dass sich ein vermeintlicher Stein langsam genau unter uns positioniert hatte: Es war ein sechs Meter langer Weißer Hai. Als einer von uns abtauchte, zog er sich zurück. In diesem Moment wurde mir klar: Egal, was ich zu wissen glaube, im Ozean bin ich nur ein Gast. Diese Erfahrung lehrte mich Demut. Sie zeigte mir, wie wir Menschen unsere Bedeutung überschätzen.

Haie haben mich verändert und letztlich zu einem besseren Menschen gemacht. Sie haben mich gezwungen, mich selbst besser zu verstehen und meine Stärken und Schwächen realistisch einzuschätzen. Erfolgreiches Haitauchen funktioniert nur mit Selbstkenntnis, Respekt und Teamarbeit. Noch etwas: Haie haben Persönlichkeiten. Manche sind schüchtern, manche neugierig, andere selbstbewusst. Die Offenheit für ihre Individualität hat auch meinen Blick auf Menschen verändert und mir geholfen, anderen ohne Vorurteile zu begegnen.

Welches Missverständnis über Haie begegnet Ihnen immer wieder?
Das größte Missverständnis über Haie ist, dass wir ihre Bedeutung für unser Überleben unterschätzen. Haie sind ökologisch unverzichtbar. Der Ozean, der 71 Prozent unseres Planeten bedeckt, produziert 50 Prozent des Sauerstoffs, den wir atmen; jeder zweite Atemzug hängt von seinem Gleichgewicht ab. Ohne Haie verlieren wir einen Teil unserer „Lunge des Planeten“. Die wahre Gefahr geht von unserer Ignoranz aus: Wir regen uns über Einzelfälle von Haiangriffen auf, verschweigen aber, dass Europa zu den größten Haifleischexporteuren der Welt gehört und jährlich 100 Millionen Haie getötet werden. Bevor es zu spät ist, sollten wir uns ernsthaft fragen: Wie können wir zusammen mit Haien existieren?

Von Essen hinaus in die Weltmeere: Wann wurde Ihnen klar, dass Ihr Weg ungewöhnlich ist?
Auch wenn er für meine Familie und mich inzwischen normal ist: Mein Weg ist ungewöhnlich, ja. Begonnen hat er als Kind beim Angeln mit meinem Vater an der Ruhr. Ich erinnere mich noch genau, wie ich zum ersten Mal einen Flussbarsch in der Hand hielt. Diese grün-braunen Kontraste – und dieser Blick! Ich fragte mich: Wie kann so etwas Schönes aus der trüben Ruhr kommen? Meine Faszination für das Wasser war geweckt. Mit 18 ging ich nach Südafrika, um mit Weißen Haien zu arbeiten. Dort fand ich meine Bestimmung: körperliche Arbeit, internationale Teams, Forschung, Abenteuer und das Wasser als mein Element. Ein Pionier des Haitauchens ermutigte mich, meinen eigenen Weg zu gehen. Er sagte: „Das kannst du auch lernen. Du musst dich nur trauen.“ Heute weiß ich aber auch, wie viel mein Weg meiner Familie abverlangt: Meine Mutter macht sich Sorgen, meine Frau muss oft auf mich verzichten.

Sie erleben die Schönheit der Meere, sehen aber auch aus nächster  Nähe ihre Verletzlichkeit. Was gibt Ihnen Zuversicht? 
Die unglaubliche Anpassungsfähigkeit der Menschheit und die unerschütterliche Kraft der Natur – auch wenn die Herausforderungen gewaltig sind. Die Menschheit hat schon Kriege, Pandemien und sogar die Bedrohung durch Atombomben überstanden. Statistisch gesehen war die Wahrscheinlichkeit, dass wir heute noch hier sind, verschwindend gering. Und doch sind wir hier: Wir machen Musik, entwickeln Medizin, ziehen Kinder groß und erkunden die Tiefen der Ozeane. Gleichzeitig bin ich nicht zuversichtlich, dass wir mit unserer Unersättlichkeit und unserem verschwenderischen Umgang mit Ressourcen die Lebensgrundlagen der kommenden 50 Jahre sichern können. Die Natur wird uns auf die Finger klopfen, und das wird wehtun. Genau darin liegt aber auch eine Chance: dass wir lernen, Glück nicht im Überfluss, sondern in den einfachen Dingen zu finden. Und: Ich werde bald Vater. Das gibt mir Hoffnung, dass wir für die nächsten Generationen eine lebenswerte Zukunft bewahren können, wenn wir bereit sind umzudenken.

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