Lebensart

Online-Sucht: Bist du gefährdet?

Das Team von "OASIS" Bochum: Martin Bielefeld, unsere Interviewpartnerin Laura Bottel und der Leiter des Projektes: Bert te Wildt (r.) Foto: ZTG/Lippsmeier

Rund 2,5 Millionen Menschen zwischen 16 und 64 gelten in Deutschland laut Studie als gefährdet, rund 560 000 schon als abhängig. Beschränkte sich die so genannte Internetsucht früher auf Jugendliche, die nächtelang am Computer spielen, breiten sich mit dem Smartphone nun die Abhängigkeitsmerkmale nahezu in der gesamten Gesellschaft aus. Ständig auf Empfang – das kann zur Sucht werden. Seit einem Jahr gibt es den Online-Ambulanz-Service für Internetsüchtige und deren Angehörige,?kurz „OASIS“, an der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie des LWL Universitätsklinikums Bochum. Zeit für eine Zwischenbilanz mit der OASIS-Psychologin Laura Bottel.

BENE: Wie vielen Menschen konnten Sie in diesem ersten Jahr helfen?
Bottel: Seit Beginn von OASIS im September 2016 haben über 10.000 Personen den frei zugänglichen Selbsttest auf unserem Portal durchgeführt. Unser Programm läuft erstmal über zwei Jahre. Zur Halbzeit haben bereits mehr als die Hälfte der anvisierten Betroffenen und Angehörigen OASIS in Anspruch genommen.

BENE: Was genau ist Online-Sucht? Ist es Spielsucht, ist man vom Internet abhängig oder von sozialen Medien? Oder sind es alle Bereiche gleichermaßen?
Bottel: Es gibt verschiedene Arten der Internetabhängigkeit. Die häufigste Art ist die Online-Computerspielsucht, gefolgt von der Online-Pornographiesucht. Diese beiden Arten der Internetsucht treten insbesondere bei (jungen) Männern auf. Die Abhängigkeit oder eine missbräuchliche Nutzung von sozialen Netzwerken ist häufiger bei (jungen) Frauen zu sehen. Somit zeigt sich in den meisten Fällen, dass eine Abhängigkeit von einem bestimmten Bereich des Internets besteht.

BENE: Online-Sucht ist ein relativ junges Abhängigkeitsbild. Wen trifft es am häufigsten?
Bottel: Da es viele verschiedene Bereiche im Internet gibt, von denen man abhängig werden kann, trifft es auch unterschiedliche Personengruppen. Aus unserer Erfahrung sind aber insbesondere junge Männer häufig betroffen.

BENE: Sie bieten einen Selbsttest und auch einen Test für Angehörige an, um Online-Sucht feststellen zu können. Wie zuverlässig ist er?
Bottel: Der Selbsttest für Betroffene sowie für Angehörige besteht aus neun Fragen, die sich an den Diagnosekriterien für eine Internetabhängigkeit orientieren. Der Selbsttest soll den Betroffenen und Angehörigen eine erste Rückmeldung und Einschätzung zum Internetnutzungsverhalten geben. Das Stellen einer Diagnose ist durch die Beantwortung der Fragen allerdings nicht möglich.

BENE: Was sind denn Alarmsignale, die Betroffene oder auch Angehörige ernst nehmen sollten?
Bottel: Wir sprechen von einer Internet- sucht, wenn es durch die exzessive Inter- netnutzung zu erheblichen Problemen im sozialen Leben, auf der Arbeit oder in der Schule kommt. Das bedeutet, dass ein sozialer Rückzug stattfindet, Hobbys oder anderen Aktivitäten kaum bis gar nicht mehr nachgegangen wird und/oder der Job oder eine Bildungs- beziehungsweise Karrierechance gefährdet oder schon verloren ist. Häufig zeigt sich bei den Betroffenen auch eine Vernachlässigung der Kör- perpflege und/oder Ernährung.

BENE: Welche Behandlungsmethoden gibt es? Was passiert also, wenn der Test bei Ihnen positiv ausgefallen ist?
Bottel: Wenn der Selbsttest positiv ausgefallen ist, empfehlen wir eine Teilnahme am OASIS-Projekt. Im Zuge dessen nehmen die Betroffenen oder Angehörigen an zwei Online-Sprechstunden teil. In der ersten Online-Sprechstunde geht es um das Inter-netnutzungsverhalten und eine Diagnosestellung. In der zweiten Online-Sprech- stunde beraten wir die Betroffenen und Angehörigen hinsichtlich allgemeiner und spezifischer Behandlungsmöglichkeiten bei ihnen vor Ort und stärken ihre Verän- derungs- und Therapiemotivation für eine analoge Behandlung. Das bedeutet, dass wir mit OASIS eine Brücke zwischen der digitalen und analogen Welt bilden mit dem Ziel, den Betroffenen und Angehörigen Unterstützung durch Beratungsstellen, Kliniken oder Praxen bei ihnen vor Ort aufzuzeigen und sie in die entsprechenden Anlaufstellen zu vermitteln.

BENE: Bei Alkohol- oder Drogensucht spricht man von Krankheiten, die nur durch komplette Abstinenz in den Griff zu bekommen sind. Das klingt bei Online-Sucht fast unmöglich, oder?
Bottel: In der Regel sind die Betroffenen von einem bestimmten Aspekt des Internets abhängig und in solchen Fällen empfehlen wir die Abstinenz von diesem einen Aspekt des Internets.

BENE: Diese Gesellschaft, die globalisierte Welt, ist ohne die digitalen Kanäle und Kommunikationsmöglichkeiten nicht mehr denkbar. Die digitale Revolution ist in vollem Gange. Ist sie Fluch oder Segen?
Bottel: Das Internet hat viele positive Aspekte und ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken und das ist auch gut so. Trotzdem ist es wichtig zu sehen, dass es auch negative Aspekte des Internets gibt, die nicht zu unterschätzen oder zu verharmlosen sind.

Die Fragen stellte Jutta Laege

Info: www.onlinesucht-ambulanz.de

 

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