Lebensart

Zu Besuch im Friedensdorf in Oberhausen

Kinder im Friedensdorf International in Oberhausen
Ziola aus Usbekistan (links), Tupi aus Angola (Mitte) und Zuhal aus Afghanistan haben sich im Friedensdorf International in Oberhausen angefreundet. Foto: Achim Pohl

EIN HALBES JAHR LANG FRIEDEN

Eine Hilfsorganisation in Oberhausen gibt Kindern aus Kriegsgebieten neuen Lebensmut

Sie lachen, machen Scherze und halten sich gegenseitig fest. Viele tragen Beinprothesen, einige sitzen in Rollstühlen. Ein Mädchen hat Brandnarben im Gesicht, ein Junge geht an Krücken. Den Kindern, die zurzeit im „Friedensdorf International“ in Oberhausen leben, sieht man das Leid an, das sie in ihrer Heimat erfahren haben. Und dennoch strahlen sie eine Lebensfreude aus, die ansteckend ist. Betreut werden sie von Helfern und medizinischen Fachleuten. Dazu gehört auch Ludwig Winter. Der Allgemeinmediziner arbeitet seit zwölf Jahren ehrenamtlich für die Einrichtung. Gerade behandelt er den kleinen Rahmatullah. Vorsichtig schiebt der Arzt einen Turnschuh über die Fußschiene, die das Bein des Jungen künstlich verlängert. „Als Rahmatullah zu uns kam, konnte er kaum stehen“, erinnert sich Ludwig Winter. „Er hatte eine tiefe, eitrige Wunde.“ Der Zehnjährige litt an einer Knochenentzündung, die in seinem Heimatland Afghanistan nicht behandelt werden konnte.

Was Rahmatullah passiert ist, möchte er nicht erzählen. „Das muss er auch nicht“, sagt Claudia Peppmüller. Sie ist seit 25 Jahren für das Friedensdorf International tätig. Der Splitter einer Bombe könnte Rahmatullahs Bein getroffen haben, glaubt sie. „Die Kinder, die wir bei uns aufnehmen, haben zum Teil schwere Kriegsverletzungen erlitten", erklärt sie. Zwei Mal im Jahr fliegen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Organisation in Kriegs- und Krisengebiete. Nach Absprache mit ortskundingen Partnern nehmen sie die bedürfigsten Kinder mit nach Deutschland. Die Mädchen und Jungen werden bundesweit kostenlos behandelt. Im Anschluss an die Klinikaufenthalte kommen sie in die Einrichtung in Oberhausen, wo sie sich erholen, regenerieren und Kraft tanken können. Nach sechs Monaten geht es für sie in der Regel zurück in ihr Heimatland.

In der Reha massiert eine Krankengymnastin emsig den Oberkörper eines Jungen, der voller Brandnarben ist. Auf der Liege daneben macht eine Physiotherapeutin Dehnübungen mit einem Jugendlichen. Am anderen Ende des Raumes spielen zwei Mädchen mit Murmeln, um ihre Fingerfertigkeit zu trainieren. „Die Kinder können oft nicht länger als drei Wo­chen in den Kliniken bleiben“, erzählt Claudia Peppmüller. „Sie werden dann bei uns ambulant weiterbehandelt. Wir legen Wert darauf, dass sie die Übungen, die sie bei uns lernen, auch allein machen können.“ Zurzeit wird auf dem weitläufigen Gelände des Dorfes ein Rehabilitationszentrum gebaut. Dort können bald kleinere Eingriffe durchgeführt werden, zum Beispiel das Fixieren von Knochenbrüchen oder die Nachbehandlung von Narben.

Neben der Reha gibt es Wohnhäuser, einen großen Speisesaal, ein Spielzentrum für Kleinkinder und ein Lernhaus, in dem die jungen Menschen unterrichtet werden. „Während ihres Aufenthaltes in Deutschland sollen sie ihren Glauben und ihre Kultur beibehalten können“, erklärt Claudia Peppmüller. „Das haben wir ihren Eltern beim Abschied versprochen.“  

Die Gewohnheiten und Regeln, die die Ankömmlinge von zu Hause kennen, werden gepflegt. So schlafen sie in Mehrbettzimmern und helfen beim Tischabräumen und Wäschemachen. Auf ein friedliches Miteinander wird Wert gelegt. „Wenn ein Kind hinfällt, springt sofort ein anderes Kind auf und hilft ihm“, schildert Claudia Peppmüller. Die Mädchen und Jungen würden ihr immer wieder vor Augen führen, wie leicht man Kontakte knüpfen und Grenzen überwinden kann. „Sie lernen sich hier mit all ihren Unterschieden kennen“, sagt sie. „Das fängt bei den Essgewohnheiten an und hört bei der Sprache auf. Dennoch kommen sie wunderbar miteinander klar. Es ist immer wieder toll zu sehen, wie sie sich gegenseitig respektieren und unterstützen.“

Diesen Gemeinschaftssinn möchte das „Friedensdorf International“ an Kinder aus Deutschland weitergeben. Deshalb kommen regelmäßig Schulgruppen zu Besuch. Diese Begegnungen seien sehr nachhaltig, erzählt die Mitarbeiterin. Die Besuchskinder seien beeindruckt von der positiven Ausstrahlung, die die Bewohnerinnen und Bewohner des Friedensdorfes hätten. Sie erleben hautnah, dass nicht alles selbstverständlich ist, was sie für selbstverständlich halten. Zum Beispiel die Möglichkeit, aufrecht gehen zu können.

Wie sich das anfühlt, weiß die kleine Oisha aus Tadschikistan ganz genau. Sie kam mit einer Beinfehlstellung auf die Welt, konnte nur in der Hocke vorwärtskommen. Inzwischen trägt sie eine Schiene, mit der sie laufen und herumspringen kann. Das Mädchen nimmt an diesem Tag an einer Verabschiedungsfeier teil. Ein großes Fest für die Kinder, die bald die Heimreise antreten dürfen. Oisha führt mit ein paar Freundinnen einen einstudierten Tanz auf. Sie steht in der ersten Reihe und schwenkt fröhlich lachend ihre bunte Landesfahne hin und her. Im nächsten Jahr fliegt auch sie zurück in ihr Heimatland. Zurück zu ihrer geliebten Familie. Zurück in eine ungewisse Zukunft.

Das „Friedensdorf International“ bietet immer wieder Praktika an. Auch ehrenamtliche Helferinnen und Helfer werden im medizinischen, pädagogischen und hauswirtschaftlichen Bereich gebraucht. Die Hilfsorganisation finanziert die Arbeit ausschließlich aus Spenden. Benötigt werden neben Geldspenden auch Sachspenden wie zum Beispiel Bekleidung.

Zusendungen per Post bitte an:
Friedensdorf International
Lanterstraße 21, 46539 Dinslaken
Telefon: 02064/4974-0
Fax: 02064/4974-999
Spendenkonto:
Stadtsparkasse Oberhausen
IBAN: DE59 3655 0000 0000 1024 00

Weitere Informationen unter: www.friedensdorf.de

Text Kathrin Brüggemann

 

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