Bestimmung

Gehen oder bleiben? Ergebnisse der Kirchenstudie

BENE: Prof. Riegel, geben Sie uns in aller Kürze noch einmal einen Überblick über das Verfahren Ihrer Untersuchung!

Ulrich Riegel: Zunächst einmal möchte ich sagen: Das Bistum Essen ist sehr fortschrittlich, es geht dem Thema nicht aus dem Weg. Gemeinsam mit einer Projektgruppe des Bistums und weiteren Forscherteams aus Bochum und Berlin sind wir der Frage nachgegangen: Warum verlassen die Menschen die Kirche? Der Ansatz war dabei kein repräsentativer, sondern ein qualitativer. Also: in direkten Kontakt mit Menschen im Bistum zu treten und die genauen Ursachen für einen Austritt zu erforschen. Mehr als 3000 Menschen haben sich an einer ersten Fragebogen-Aktion beteiligt, von denen 305 aus der Kirche ausgetreten waren. Schließlich haben wir dann noch 41 Einzel-Gespräche geführt. Wir wollten auf den Einzelfall gucken und in die Tiefe gehen.

BENE: Welche Hauptmotive hat es für den Austritt aus der Kirche gegeben?

Riegel: Bei den 305 Aussagen kristallisierten sich zwei Ding heraus: erstens Entfremdung und zweitens fehlende Bindung. Hinter diesen beiden Nennungen steckt, dass Kirche von Ausgetretenen als Institituon erlebt wird, die aus Machtinteressen und Ränkespielen besteht, dass sie unglaubwürdig ist, Botschaften und Verhalten von Kirchenvertretern auseinanderlaufen, nach dem Motto: Wasser predigen, Wein trinken. Ein Kirchenaustritt ist, das haben auch frühere Studien gezeigt, eher ein langfristiger Prozess. Wir unterscheiden deshalb nochmal die oben genannten Gründe von den konkreten Anlässen. Und da wurden häufig die Kirchensteuer oder ein konkretes persönliches Erlebnis genannt.

BENE: Das klingt nicht sehr spektakulär, sondern erwartbar.

Riegel: Ja, das ist richtig. Aber darin liegt vielleicht das Provokante! Seit den 1970er Jahren gibt es eine konsistente Linie von Befunden. Also, was hat sich geändert? Ich kann als Wissenschaftler da nur feststellen: Es tut sich nichts. Andererseits, was neu ist: Es gibt auch Menschen, die die Kirche nicht mehr für fromm genug halten, die sagen: Sie komme nicht mehr ihrem eigentlichen Auftrag nach, Eucharistie zu feiern und die Seele der Menschen zu retten. Es ist nur eine kleine Gruppe, aber das hat mich überrascht. Demzufolge ist es also nicht damit getan, zu sagen: Lasst uns an der Kirchensteuer feilen, an den Gewändern rumdesignen, moderner predigen – so einfach ist es nicht.

BENE: Inwieweit wurde „Glaubensverlust“ benannt?

Riegel: Wir leben in einer Welt, in der das Christentum nur eines von vielen Sinn-Angeboten ist. Ökologischer oder humanistischer Lebensstil, Fitnessbewegungen, andere Religionen, andere spirituelle Angebote. Was kann, was will ich glauben? Die Offenheit in der Frage, dessen, was mich trägt, ist jedenfalls nichts, was in der Kirche hält. Du kannst auch ohne glücklich werden. Dass heute jemand austritt, weil er nicht mehr glaubt – diesen Grund gibt es eher selten. In unserer Gesellschaft haben wir gelernt, dass wir ausweichen oder weggehen, wenn uns etwas stört. Die Kirche hat keine Möglichkeit mehr, eine Mitgliedschaft zu erzwingen. Oder positiv formuliert: Ich habe die Freiheit, mich für meinen Lebensentwurf zu entscheiden. Und dass ich für eine Sache, die mich innerlich kaum berührt, keine Energie aufbringe, ist normal, oder?

BENE: Gefühle spielen aber dennoch eine große Rolle, leider eher im negativen Sinne. Ihre Studie zeigt: Oft führen persönlich enttäuschende Erlebnisse mit der Kirche zum Austritt.

Riegel: Das ist uns mehrfach begegnet. Bei denen, die Kirche in ihrem Kosten-Nutzen-Kalkül auf der positiven Seite hatten, weil sie beispielsweise Hochzeit oder Taufe feiern wollen, dann aber teils schwerwiegende Enttäuschungen gemacht haben. Wie beispielsweise eine Mutter, deren Kind vor der Taufe verstarb und der Pfarrer in der Trauerbegleitung versagte. Oder ganz banal: der Vater, der die Firmvorbereitung seines Kindes miterlebte und überhaupt keine Glaubensfreude mehr entdecken konnte. Beide haben gesagt: Das reicht, jetzt ist Schluss.

BENE: Die Schlagworte Zölibat, Frauenbild, Homosexualität wurden in Ihren Interviews auch genannt. Wie wichtig sind die aus Ihrer Sicht?

Riegel: Sie sind insofern relevant, als sie in den Befund der antimodernen Haltung mit reinspielen: Es sind leicht abrufbare Reizthemen, die in einer Umfragesituation schnell kommen, die aber weniger über konkrete Austrittsgründe als über das Image der Kirche aussagen. 

BENE: Deshalb darf man sie aber nicht vernachlässigen, oder?

Riegel: Wir sprechen jetzt in der Theorie. Aber ich denke, im konkreten Erlebnisbereich von Pastoral gibt es Handlungsmöglichkeiten. Das hängt natürlich vom Personal ab, das den Menschen eine Chance geben muss, mitzugehen. Das Bistum Essen hat ja mal eine Kampagne gestartet: „Wir brauchen keine frommen Jungs, wir brauchen Priester.“ Aber mutmaßlich haben sich keine anderen Priesteramtskandidaten gemeldet, bloß weil eine andere Imagekampagne gelaufen ist. Ich weiß ja, wofür ich mich da bewerbe, in welchem „Club“ ich da mitmachen will. Und das gilt ja auch für die Pastoral. Menschen, die von solchen Aufgaben angezogen werden, haben natürlich auch ein Publikum, das diese Menschen erwartet. Und dann prallen bei bestimmten Anlässen Welten aufeinander! Nochmal das Beispiel Firmkatechese: Mir hat ein Vater über die in der Gemeinde durchaus beliebte und wohlgelittene Katechetin gesagt: „Weißt du, was das Schlimme ist? Die glaubt auch noch das, was sie sagt!“

BENE: Sind kirchliche Feste und Feiern dennoch eine gute Möglichkeit, Menschen zu binden, die kirchenfern sind?

Riegel: Für mich als Theologe steht da natürlich die Frage: Bis zu welchem Punkt kann ich mich anpassen, ohne meine eigene Idee zu verraten? Wenn also heute ein Vater seine Tochter zum Traualtar führt und dem Bräutigam abliefert, ist das eigentlich ein mittelalterliches, antiquiertes, heute romantisch wahrgenommenes Ritual und nicht das theologische Verständnis von Ehesakrament vor Gott. Aber definitiv sind Feiern wie Hochzeiten, Kommunion oder Taufen die Momente, wo Kirche noch am meisten Leute erreicht, eine gewisse Monopolstellung hat und punkten kann.

BENE: Gab es eigentlich auch Stellungnahmen zum bewussten Verbleib in der Kirche?

Riegel: Das sollte der nächste Schritt sein. Es gibt eine Bandbreite von Menschen, die mehr oder weniger drin sind, die nur punktuell mit Kirche zu haben. Diese Gruppe finde ich sehr spannend. Die Frage ist, ob diese Menschen vielleicht durch eine bestimmt Art von Religiosität gekennzeichnet sind, und ob ich sehen kann, wie nah sie am Austritt oder wie fest sie noch in der Kirche drin sind.*

Das Gespräch führte Jutta Laege

Kommentare

  1. Stefanie Ackermann, Berlin am 08.02.2018
    Interessanter Text!
    Aber alle diese Themen sind letztlich irrelevant. Die Frage ist doch folgende:
    Weshalb erhalten die sog. Laien nicht endlich alle den Auftrag, die BIBELtexte SELBST zu lesen? Nur wenn die Laien SELBST wissen, was in der Bibel steht, werden sie die grandiose Qualität Jesu selbst erfahren lernen. Selbst Papst Benedikt 16 sagte ganz klar: Wer die Bibel nicht kennt, kennt Jesus nicht". Warum sagen diese Päpste alles das, sorgen dann aber nicht ausdrücklich dafür, dass genau das auch in jedem katholischen HAUSHALT auch passiert?
    Unfassbar, diese sinnlose Hoffnung, Gott selbst würde es schon richten. GOTT hat uns die BIBEL geschenkt, aber die Laien sind zu religösen Analphabeten mutiert und jetzt sind wir unfähig, die Bösartigkeit des Islams zu demaskieren. Es wäre mit der Bibel in der Hand so leicht, liebevoll mit Moslems über die besondere Qualität JESU zu sprechen. Die würden sogar hören. Aber unsere Laien und sogar unsere katholischen Experten sind zu debilen Idioten mutiert, die JESUS nicht mehr wirklich kennen und schon gar nicht verstehen, wie SEHR ER uns geliebt hat und immer lieben wird. Weshalb nehmen wir SEINE LIEBE nicht endlich an? www.tlig.org kann sehr helfen, neu fühlen zu lernen, wer JESUS ist und immer für uns sein wird.
    Geben wir nicht auf, an JESUS zu glauben, aber wir müssen IHN auch mit den Verstand verstehen lernen und mit anderen Religionen vergleichen können. Dazu müssen wir die BIBEL selbst lesen und interpretieren lernen.

    Noch ein letztes: Ich kann kein DATUM finden, an dem der Artikel veröffentlicht wurde. Ist nicht sooo entscheidend, trotzdem hilft es bei der Einschätzung des Inhaltes.

    Wir dürfen und brauchen Europa nicht den Heiden, den anderen Religionen und schon gar nicht dem Teufel überlassen. GOTT wird uns die Kraft schenken, endlich auf zu brechen mit Mut und der gelesenen BIBEL in der Hand.

    Gottes SEGEN!
    S. Ackermann
  2. Norbert Thiemann am 02.09.2018
    Wenn es seit den 1970er Jahren eine konsistente Linie von Befunden gibt, fragt man sich allen Ernstes, warum hat die Kirche nicht früher reagiert und ggf. „gegengesteuert“? Man kann aber auch fragen: steuert sie denn jetzt „gegen“? In welcher Form? Wogegen?

    Müsste man nicht endlich eine „substantielle Veränderung“ angehen, die natürlich nicht von heute auf morgen zu leisten ist, an der sich aber seit Jahrzehnten engagierte Christen immer frustrierter abarbeiten?!

    Will und kann die Kirche denn das überhaupt?
    Oder bemüht man sich (wie in der vorliegenden Untersuchung und wie es sich im Bene-Konzept zeigt) wie ein Unternehmen mit einem neuen Marketingkonzept „zeitgemäßer“ rüberzukommen?

    Substantiell wird sich in absehbarer Zeit wohl kaum etwas verändern, wenn nicht ganz grundsätzliche Ansprüche der katholischen Kirche überdacht werden.
    Wenn Kirche so auftritt, wie z.B. Kardinal Müller sie versteht, dann kann man jegliche Veränderungs-Hoffnung gleich fahren lassen: „Die Kirche ist kein Philosophenclub, der sich der Wahrheit annähert, sondern die Offenbarung ist uns gegeben, um sie zu bewahren und treu auszulegen.“ Müller mit brüsker Überzeitlichkeit: „Die Glaubenslehre ist keine von Menschen konstruierte Theorie“. (FAZ vom 5.1.2016)

    Mag mag diese Position in Bezug auf das ursprüngliche Bibel- und Glaubensverständnis bedenken.

    Man darf aber doch auch wohl fragen:
    ? Sind 1000 Jahre alte Zölibat-Vorschriften „unverfügbare Wahrheiten“?
    ? Wer wollte bezweifeln, dass die Rolle der Frau in der Kirche und die hierarchisch überhöhte Stellung der Männer dem patriarchalischen Denken und dem alttestamentlichen Zeitgeist geschuldet sind?
    ? Hat nicht (erst) der Heilige Augustinus mit der Abwertung des Leibes (und der Sexualität) und ganz besonders mit seiner Erbsünden- und Prädestinationslehre einiges an „Un-Sinn“ in die Welt getragen? Die von ihm forcierte Unterordnung des Individuums unter die Kirche als Institution scheint m.E. eine der „Ursünden“ der heute beklagten „Diaspora-Situation“.
    ? Sind die Moral-Vorgaben der katholischen Kirche „unverfügbare Wahrheiten“?
    ? Sind nicht viele zum starren Kodex von Vorschriften degenerierte „Werte“ eher einem politischen Machtstreben und dem Bemühen um Sicherung eben bestimmter Machtpositionen geschuldet als der Sorge um das „Heil“ der Menschen?
    ? Mussten die „unverfügbaren Wahrheiten“ gleich in einem äußerst umstrittenen Unfehlbarkeitsdogma festgeschrieben werden? (Wenn man dann noch bedenkt, dass einer der Hauptverfasser der offiziellen Unfehlbarkeitsbulle, der Jesuit Josef Kleutgen, „der einer sexbesessenen Nonne und Novizenmeisterin verfiel, deren Liebhaber und Bettgenosse war - oder war er der Sexbesessene, der sich die Nonne gefügig machte? - und der später seine Verfehlungen spirituell-mystisch zu rechtfertigen suchte“ (dokumentiert in: H. Wolf in „Die Nonnen von Sant’Ambrogio. Eine wahre Geschichte).
    ? Hat die Kirche jemals substantiell auf Hans Küngs entsprechende „Anfrage“ geantwortet? - Außer dass sie ihm (1979) die Lehrerlaubnis entzogen hat, wie später auch E. Drewermann?

    Kenntnisreiche Leser könnten sicherlich noch viel mehr heute beklagte Zustände aus historischen „Fehl-Entwicklungen“ herleiten (Geburtenregelung, Zulassung der wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten bzw. deren Entlassung aus kirchlichen Institutionen, Blockade bei der Ökumene, Frauenordination usw. - von den Missbrauchs-Skandalen nicht einmal zu reden)!

    Göttliche Autorisierungen machen die Kirche vielleicht – für eine gewisse Zeit – unangreifbar. Sie machen sie aber auch mehr und mehr unreformierbar.

    Zum Kommentar von Frau Ackermann:

    Wenn ich den Duktus Ihrer Stellungnahme richtig verstanden habe, dann halten Sie die mangelnde bzw. die von der Kirche nicht hinreichend forcierte / verordnete Bibel-Lektüre durch die Laien für das Kernproblem.
    Allen Ernstes: Wie sollen denn die Päpste – so Ihre Forderung - ausdrücklich dafür sorgen, dass eben die Lektüre auch in jedem katholischen Haushalt passiert. Und allen Ernstes: glauben Sie wirklich, dass die eigenständige Lektüre (wer verhindert die denn?) der Bibel die Struktur- und Glaubensprobleme lösen hilft?

    Was bitte hat denn die angebliche Unfähigkeit, „die (vermeintliche) Bösartigkeit des Islams zu demaskieren“ mit den diskutierten (Austritts-)Problemen zu tun?

    „Wir dürfen und brauchen Europa nicht den Heiden, den anderen Religionen und schon gar nicht dem Teufel überlassen. GOTT wird uns die Kraft schenken, endlich auf zu brechen mit Mut und der gelesenen BIBEL in der Hand.“ - So ihr Forderung / Hoffnung.

    Sollte die Kirche tatsächlich Ihre „Vorschläge“ anbieten und verfolgen… - der Exodus aus der Kirche würde sich m.E. rasant beschleunigen!

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