Bestimmung

Christian Sievers über seine Zeit im Heiligen Land

Moderator Christian Sievers Fotos: ZDF/Jana Kay

BENE: Lieber Herr Sievers, warum haben Sie Ihr Buch „Grauzonen" genannt?

Sievers: Unsere wilde Welt ist nicht schwarz und weiß, so sehr sich das manche Menschen auch wünschen mögen. Ich verstehe die Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten in komplizierten Zeiten, und gerade wir Journalisten ticken da oft ähnlich: Problem erkannt, Schuldige benannt, fertig. Aber wenn Sie als Reporter an den Brennpunkten der Welt unterwegs sind, merken sie: So einfach ist es nicht.

BENE: Sie haben als Auslandskorrespondent zwei Kriege miterlebt, über Bombenanschläge, Flüchtlingsdramen und Regierungskrisen berichtet.

Sievers: Ich bin niemand, der die Gefahr sucht. Aber natürlich wollen Sie als Reporter so nah wie irgend möglich am Geschehen sein. Ich glaube, da hilft ein gesundes Maß an Angst. Und dennoch gibt es dann Situationen, wie wir sie in Gaza erlebt haben, als wir plötzlich festsaßen und nichts ahnend in einen israelischen Luftangriff gerieten. So eine Nacht wie diese brauche ich nie wieder.

BENE: Haben Sie die Hoffnung, dass sich die Lage in Nahost irgendwann bessert?

Sievers: Die Lage derzeit ist verfahren, sie ist auswegloser denn je, und das heißt für die Menschen insbesondere in den Palästinensergebieten, dass es an dem fehlt, was sie vielleicht am dringendsten brauchen: einer Perspektive.

BENE: Neben all dem Elend: Gibt es etwas, was Sie vor Ort überrascht hat?

Sievers: Die Menschen selbst sind die größte Überraschung. Die meisten von ihnen sind offen, neugierig und geradezu beschämend gastfreundlich. Was mich immer wieder beeindruckt: Wie sie selbst in schwierigsten Situationen nach vorn gucken und einen Ausweg suchen, mit viel Energie und Improvisationskunst.

BENE: Wie hat Sie diese Zeit verändert?

Sievers: Ich hoffe, ich bin gelassener geworden. Gerade wir Deutschen können uns bei den Menschen in Nahost eine Menge abgucken, finde ich: Ein bisschen Kulanz im Alltag. Regeln sind wichtig, aber sie funktionieren besser, wenn Raum bleibt für eigenes Ermessen. Ein bisschen Augenzwinkern im Alltag. Wenn an einem warmen Abend im Sommer um 22 Uhr noch jemand draußen sitzt, muss das doch kein Fall für die Polizei sein.

BENE: Wie haben Sie Papst Franziskus bei seinen Besuchen in Israel erlebt?

Sievers: Ich habe den Papst im Heiligen Land erlebt als einen, der extrem auf die Macht der Bilder setzt. Papst Franziskus weiß genau, was er damit auslöst, wenn er an Israels Sperrmauer in Bethlehem anhalten lässt und seine Hand auf den Beton legt. Er hat dort nichts gesagt, aber diese Geste hat mehr Eindruck gemacht als tausend Worte.

BENE: Im Sommer 2014 kehrten Sie nach Deutschland zurück, arbeiten seitdem im ZDF-Nachrichtenstudio in Mainz. Vermissen Sie Ihren Job als Reporter?

Sievers: Dieser Beruf bietet jeden Tag Neues und Überraschendes. Das gilt natürlich besonders in der Nachrichten-Zentrale von Deutschlands meistgesehenem Fernsehsender. Aber, ja, es stimmt, bei vielen Ereignissen denke ich mir schon, da wäre ich jetzt gerne selbst vor Ort und würde mit eigenen Augen sehen, was passiert. Einmal Reporter, immer Reporter.

Das Interview führte Kathrin Brüggemann

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