Begegnung

Nähe trotz Distanz? Ideen für ein neues Miteinander

Sozialpädagogin Vera Sadowski

Vera Sadowski ist Sozialpädagogin und Fachkraft für strukturelle Prävention. Informationen zu ihrer Arbeit finden Sie im Internet auf der Seite www.sicher-l-ich.de Foto: Volker Lindhauer

Anderthalb Meter liegen zwischen uns und der Welt. Seit gut einem Jahr halten wir Abstand von den Menschen, die uns nahestehen. Von der guten Freundin, die wir nicht mehr mit einem Wangenkuss begrüßen, von der Großmutter, die wir nicht mehr fest umarmen, von dem Geschäftspartner, dem wir nicht mehr die Hand reichen. „Social Distancing“ („soziale Distanzierung“) lautet das Gebot der Stunde. Vorgaben, die uns die Corona-Pandemie aufzwingt und die wir einhalten, um uns selbst und andere zu schützen. Ein Zustand, der uns miteinander verbindet und voneinander entfernt. Wie wir neue Umgangsformen finden können – darüber hat BENE mit Vera Sadowski aus Bottrop gesprochen. Sie ist Fachkraft für strukturelle Prävention. Das heißt: Sie sensibilisiert Menschen für Themen wie die Vermeidung von Grenzüberschreitungen.

BENE: Liebe Frau Sadowski, viele von uns müssen zurzeit auf persönlichen Kontakt zu Kollegen, Freunden oder der Familie weitgehend verzichten. Da ist die Kommunikation über das Internet doch ein gutes Mittel, oder?

Vera Sadowski: Natürlich. Sie ist in Zeiten von Corona notwendig und vor allem im Arbeitskontext sehr hilfreich. Auch im Privaten kann sie eine Art Krücke sein. Ein Freund von mir hat seiner Großmutter ein Tablet geschenkt. Nach dem Motto: „Ich darf dich zwar nicht treffen, aber ich möchte dich trotzdem sehen und mit dir sprechen. Deshalb kümmere ich mich darum, dass das möglich ist“. Man übernimmt so Verantwortung für den anderen. Das schafft eine andere Form von Nähe, die zumindest Zeit überbrücken kann.

Auf gewohnte Rituale wie das Händeschütteln müssen wir verzichten. Wie begrüßen wir uns denn dann?

Sadowski: Wir können Beziehungen auch ohne die herkömmlichen Begrüßungsformeln gestalten, indem wir uns zum Beispiel einen Moment lang gegenüberstehen und uns bewusst wahrnehmen. Es gibt viele Menschen, die das gut finden. Ihnen fehlen die gewohnten Rituale überhaupt nicht. Viele blühen auf, weil sie neue Formen der Kommunikation geschenkt bekommen. Wir haben jetzt die Chance, uns zu überlegen, wie wir uns zukünftig gegenübertreten und welche Rituale wir beibehalten möchten. So werden wir sensibler für unsere eigenen, aber auch für die Grenzen anderer.

Das bedeutet doch, dass wir mehr miteinander sprechen müssen, oder?

Sadowski: Ja. Wir sind jetzt in einer Situation, in der wir viel offener über unsere Wünsche in Bezug auf Nähe und Distanz sprechen können. Und das sollten wir auch tun.

Wir haben bisher über die Distanz zu vertrauten Menschen gesprochen. Was ist mit der Distanz zu Fremden?

Sadowski: Ich glaube, dass sich unser Distanzbedürfnis gegenüber fremden Menschen deutlich verändert hat. Sobald uns jemand zu nah kommt, fühlen wir uns dadurch bedroht. Es geht jetzt nicht mehr nur um eine persönliche Grenze, die überschritten wird, sondern um existenzielle Ängste, die ausgelöst werden. Dennoch fällt es vielen von uns immer noch schwer, jemandem klar und deutlich zu sagen, dass er bitte Abstand halten soll.

Woran liegt das?

Sadowski: Wir sind leider einfach nicht gut darin, zu sagen: „Kommen Sie mir bitte nicht zu nah!“ . Wir befürchten, dass unsere Bitte nicht akzeptiert wird. Allerdings müssen wir dringend lernen, unseren Wunsch nach Distanz zu äußern.

Hat sich unser Verständnis von Nähe und Distanz verändert?

Sadowski: Der Begriff der Distanz hat inzwischen viele positive Zuschreibungen bekommen, die er früher nicht hatte. Er steht für Sicherheit, Verantwortungsbewusstsein und Gesundheit. Mit dem Begriff der Nähe verbindet man das Risiko, krank zu werden. Man sollte Nähe und Distanz allerdings nicht gegeneinander aufwiegen. Nähe ist weiterhin wichtig für uns. Schließlich sind wir soziale Wesen. Eine neue Balance von Nähe und Distanz kann jeder nur für sich selbst finden.

Was ist mit den Menschen, die keine Distanz zueinander halten können? In vielen Familien verbringen Eltern und Kinder mehr Zeit gemeinsam als vor der Pandemie.

Sadowski: Bisher hatten wir aufgrund von Arbeit und weiteren Verpflichtungen nicht genug Zeit füreinander. Daher hieß es immer, die Zeit, die man zusammen verbringe, sei wertvolle Zeit, wovon wir mehr brauchten. Ich behaupte, dass sich das verändert hat.

Inwiefern?

Sadowski: Jeder braucht auch Zeit für sich. Es kann jedoch ganz schön schwer sein, zu seinen Liebsten zu sagen: „Ich brauche Abstand von euch!“ Der Wunsch nach mehr Distanz ist jedoch völlig in Ordnung. Schließlich haben wir uns ein Leben mit bestimmten Strukturen aufgebaut, in dem wir Freiräume hatten. Die Pandemie hat dieses gewohnte Leben radikal verändert. Natürlich ist man da schnell mal überfordert und genervt. Zu viel Nähe kann auch anstrengend sein.

Das Gespräch führte Kathrin Brüggemann.
 

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