Begegnung

Ich brauche eine Chance!

Er hatte ein gutes Leben in seinem Heimatland, jedenfalls, wenn man es nach Status, Konstitution und Wohl­stand bemisst. Davoud Behnamnejad war Fußballprofi im Iran, reiste als Auswahlspieler zu Turnieren durch Asien, besaß ein kleines Geschäft, hatte Freunde, Familie. Doch dann hatte er eine Begegnung, die alles Bisherige auf den Kopf stellte und die ihn am Ende zwang, seine Heimat zu verlassen. Der, dem er begegnete, war Jesus Christus.

„Ich habe meine Liebe gefunden“, ganz zart und andächtig sagt der 28-Jährige diesen Satz, der eine Gänsehaut verursacht. Denn was er zuvor beschrieben hat, ist so eindringlich und pur, wie man es bei Gesprächen mit anderen, hier bei uns groß gewordenen Christen, eher selten erlebt. Behnamnejad war Moslem. Nicht aus Überzeugung, sondern weil in seiner Familie alle Moslems waren. Hineingeboren eben. Jetzt ist er ein getaufter Christ.

Ein Besprechungszimmer in der Bochumer Pfarrei St. Peter und Paul: Hier und in der dazugehörigen Gemeinde Herz Jesu in Hamme kennen ihn alle. Hier ist er gelandet vor etwas mehr als anderthalb Jahren, nachdem er den Iran verlassen musste. Seine sportliche Karriere sieht man ihm an. Er ist durchtrainiert, hält sich fit, so gut es unter den momentanen Umständen geht. 

###CE1###

„Schon im ersten Moment, als ich den Pastor traf, habe ich das Gefühl gehabt, ich bin ein Christ.“ Wieder so ein tonnenschwerer Satz. Der Genannte ist ein Pastor, den Behnamnejad im Iran kennenlernte. Über Freunde stieß der Ex-Fußballprofi zu einer christlichen Gruppe, begann sich mit Religionen und dem Sinn seines Lebens auseinanderzusetzen. „Ich wollte einfach wissen, was dahinter steckt“, sagt er. Die Inhalte der Bibel, die Geschichte Jesu faszinieren ihn, aber noch mehr sind es die Menschen um ihn, die ihrem Christsein Taten folgen lassen. „Diese Gruppe hat Kranken, Alten und armen Familien geholfen“, berichtet Behnamnejad.
„Das wollte ich auch. Ich habe nur auf mein Herz gehört.“ Er engagiert sich im Verborgenen, besorgt Geld, stiftet Haushaltsgeräte und trifft sich mit denen, dessen Glauben er von Staats wegen nicht angehören darf. „Ja, ich hatte Angst“, erinnert er sich. „Aber ich war vorsichtig – und das Gefühl, das Richtige zu tun, war ent-scheidend.“ 

Während eines Trainingscamps wird in seinem Zimmer unterm Kopfkissen die Bibel entdeckt, berichtet er. Von jetzt an ist Behnamnejad nicht mehr sicher. „Ich wurde befragt und verhört von Trainern, Funktionären, Behörden, Polizei und Religions-wächtern, durfte nicht mehr spielen, mich mit niemandem treffen, dann wurde meine Wohnung durchsucht. An meinem Schrank hing ein Bild von Jesus. Ich wurde inhaftiert“, schildert er. Er kommt wieder frei, weiß aber, dass er nicht mehr bleiben kann.

Er verabschiedet sich von seiner Familie und flieht im Frühsom-mer 2015 über die türkische Grenze, kommt schließlich über Umwege nach Bochum. Warum Deutschland? Jetzt huscht einmal ein Lächeln über sein Gesicht: „Ich wurde gefragt: ‚Magst Du Germany?‘ Ich antwortete: ‚Ja, die haben eine gute Fußballmannschaft!‘“ An Fußballspielen ist anfangs nicht zu denken. Acht Monate lebt Behnamnejad in einer Turnhalle. Erste Anlaufstelle ist für ihn die Kirche Herz-Jesu. „Ich will getauft werden“, erklärt er dem zuständigen Pastor, Thomas Quadt. Der ist überrascht über dessen Klarheit. In den Taufgesprächen geht es vor allem darum zu ergründen, warum ihn das Christentum beeindruckt und was die Geschichte Jesu bei ihm ausgelöst hat. „Dabei hat er nie ein abwertendes Wort über den Islam gesagt“, betont der Pastor.

Behnamnejad gewinnt die Herzen der Gemeindemitglieder sofort. „Er ist ein ausgesprochen freundlicher, aufgeschlossener Mensch“, sagt Quadt. „Er hängt uns allen sehr am Herzen“, erklärt auch Heike Renner von der Flüchtlingsinitiative „Hamme hilft“, die ihn bei seinem Weg durch den Behördendschungel unter-stützt. Sie ist von seiner Disziplin fasziniert: „Fragen Sie sich doch mal, wer für seinen Glauben das alles auf sich nehmen würde?“

Der Geflüchtete lernt akribisch Deutsch, belegt Weiterbildungskurse, vor allem die Musik hat es ihm angetan. In der Gruppe „Padi“ singt und trommelt er gemeinsam mit anderen Flüchtlingen. Er ist Akteur bei einem Hörspiel, das 2016 vom Ottilie-Schönewald-Kolleg und der Musikschule Bochum inszeniert wird. Einige Monate nach seiner Ankunft darf der gelernte Verteidiger auch wieder kicken. Beim SV Eppendorf und bei der Vereinigung der Vertragsfußballspieler e.V. (VdV) in Duisburg, wo er regelmäßig an Trainingscamps und Spielen teilnimmt. Er trainiert täglich zwei Stunden seine Fitness, hofft – mithilfe des Trainers eventuell in der vierten Liga an seine Fußballer-Laufbahn anknüpfen, endlich auch Geld verdienen zu können. Dazu bedarf es aber des wichtigen Aufenthaltstitels durch das BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge). Der fehlt immer noch und lässt Behnamnejad langsam verzweifeln: „Seit 20 Monaten warte ich schon, was muss ich noch machen? Ich lerne Deutsch, bilde mich weiter, trainiere. Ich hänge nicht rum!“, beteuert er. „Ich möchte doch nur wissen, ob ich mir hier etwas aufbauen darf.“

„Zurück kann er nicht“, bekräftigen die Unterstützer in Bochum. Sie suchen gerade nach einem Ausbildungsplatz für ihn. Behna-mnejad hat im Iran sein Abitur im Fachbereich IT und Elektronik gemacht. Er versteckt sich nicht, will weiterlernen. „Ich brauche eine Chance“, fleht er. Regelmäßig hilft er in der Gemeinde mit, beim Begegnungscafé oder in der Kommunionkinder-Vorberei-tung ist er gern gesehener Gesprächspartner. Kontakt zu seiner Familie habe er inzwischen regelmäßig, berichtet Heike Renner: „Er will aber nicht, dass sie weiß, was er aufgeben hat.“ Der Geflüchtete sucht indes weiter Halt in seinem tiefen Glauben. Trotz aller Angst und Sorgen, aller Unwägbarkeiten für die Zukunft, ist er überzeugt: „Ich bin den richtigen Weg gegangen.“

Fotos: Achim Pohl/ Heinrich Brinkmöller-Becker/ Razak Ghazali

„Fragen Sie doch mal, wer für seinen Glauben das alles auf sich nehmen würde!“

Heike Renner, Mitbegünderin der Bochumer Flüchtlingsinitiative „Hamme hilft“

Kommentare

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben