Leben

Geschlechtervielfalt: Was bedeutet das eigentlich?

BENE: Herr Kortüm-Jung, Sie engagieren sich für die KjG nicht nur im Bistum Essen. Sie sind seit Kurzem auch auf Bundesebene tätg, sitzen im Sachausschuss „Geschlechtervielfalt“.

Paul Kortüm-Jung: Dabei geht es vorrangig um die geschlechtliche Identität eines Menschen – nicht um die sexuelle Orienterung. Es geht also um die Frage, ob ich mich als Mann, als Frau oder als jemand ganz anderes defniere. Dabei ist wichtig, dass es nicht „entweder oder“ gibt, sondern dass man auch hier von einer Vielfalt spricht. Wichtig ist auch, dass die äußeren Geschlechtsmerkmale nicht zwingend geschlechtsdefinierend sind. Es kann sich also auch ein biologischer Mann als weiblich identifzieren und umgekehrt.

BENE: Warum ist das der KjG wichtg?

Kortüm-Jung: Wir kämpfen für eine Gesellschaft, in der sich alle wohlfühlen. Es ist ja nun mal so, dass es bei uns nach wie vor das binäre, also das Mann-Frau-System gibt. Diese Sichtweise schränkt Menschen in ihrer Entwicklung allerdings ein. Wenn einem vorgegeben wird, was oder wie man sein muss, kann man sich nicht frei entfalten und die eigene Identität finden. Es gibt nicht nur männlich und weiblich, es gibt auch Menschen, die sich in biologischer und sozialer Hinsicht keinem Geschlecht eindeutig zuordnen können oder die von Geburt an spüren, dass sie das „falsche“ Geschlecht haben. Wir setzen uns dafür ein, dass Abweichungen von der Norm keine Abweichungen mehr sind, sondern irgendwann zur Norm werden.

BENE: Wie setzt die KjG das um?

Kortüm-Jung: Wir wollen zum Beispiel alle Geschlechter in der geschriebenen und gesprochenen Sprache berücksichtigen. Dafür verwenden wir ein Sternchen. Bei uns heißt es dann Teilnehmer*innen. Das Sternchen ist ein Platzhalter zwischen männlicher und weiblicher Form, in dem sich die Menschen wiederfinden, die sich nicht eindeutig als Mann oder als Frau definieren. In der KjG bieten wir einen Raum zur freien Entfaltung, eine Art Wohlfühlzone, in der sich jeder so zeigen kann, wie er ist.

BENE: Was bedeutet das für die Kirche?

Kortüm-Jung: Wer anerkennt, dass ihm*ihr in jedem Menschen ein Ebenbild
Gottes begegnet, ist herausgefordert, allen Menschen mit Nächstenliebe zu begegnen. Und genau darum geht es der Kirche doch. Wenn sie sich vielen unterschiedlichen Menschen öffnet, wird sie zu einer allumfassenden Kirche. Wenn also mehr Menschen von ihrer Kirche willkommen geheißen werden – unabhängig von ihrer geschlechtlichen Identität und ihrer sexuellen Orientierung – stärkt das das Gemeinschaftsgefühl.

 

 

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