Begegnung

Der Wiederkehrer

Sein Job war es, Leben zu retten.
Bis Thomas Optelaak selbst zum Notfall wurde.
Eine Geschichte zwischen Leben und Tod.

Sein Mund ist trocken. Er kann nicht richtig Luft holen, spürt das Beatmungsgerät auf seinem Gesicht. Der Versuch, Beine und Arme zu bewegen, misslingt – sein Körper gehorcht ihm nicht mehr. Thomas Optelaak steht kurz vor einem Multiorganversagen.

„Ich habe gemerkt, wie schlecht es um mich steht“, erinnert sich der 52-Jährige, der seit mehr als 25 Jahren bei der Berufsfeuerwehr Bochum arbeitet. Schließlich hat er bereits etliche schwerverletzte Menschen im Rettungswagen behandelt. „Mein Job ist meine Berufung, mein Lebensinhalt“, schwärmt der hochgewachsene Mann, der seine Geschichte ganz ruhig erzählt. Dass sein eigenes Leben einmal in ernsthafte Gefahr geraten könnte und er derjenige ist, der Hilfe braucht – das hatte er nicht auf dem Plan.

Rückblick: Thomas Optelaak erfährt im Oktober 2013, dass er am Herzen operiert werden muss. Der Grund: Ein Sehnenfaden, der von der Herzklappe abgerissen war. Was zunächst nach einem Routineeingriff aussieht, endet in einer Katastrophe: Thomas Optelaak muss ins künstliche Koma versetzt werden. Doch es kommt noch schlimmer. Während der Intensivtherapie in einer Klinik in Niedersachsen erleidet der Familienmensch einen Herzkreislauf- Stillstand. Er fällt in einen bedrohlichen Zustand, der den Übergang zwischen Leben und Tod markiert. Der Mann, der schon so viele Leben gerettet hat, droht nun selbst zu sterben. „Ich wurde oft gefragt, ob ich das sogenannte Licht am Ende des Tunnels gesehen habe“, erzählt er. „Doch das war bei mir nicht so. Ich kann mich an kaum etwas erinnern. Ich weiß nur, dass ich gespürt habe, wenn meine Frau und mein Bruder bei mir waren.“

Thomas Optelaak hat Glück im Unglück: Er kann reanimiert werden. Dennoch liegt er weiterhin im Koma. Seine Freundin, die er liebevoll „meine Frau“ nennt, besucht ihn so oft es geht, sein 13-jähriger Stiefsohn betet jeden Abend für ihn. Doch die Komplikationen halten an. In der schwierigen Aufwachphase durchlebt Optelaak Momente, in denen er nicht zwischen Wirklichkeit, Traum und Fiktion unterscheiden kann. In diesem Zustand drohen seine Organe zu versagen. Die Ärzte wollen ihn in eine Spezialklinik nach Osnabrück bringen. Doch seine Freundin ist davon überzeugt, dass er nur in seiner Heimatstadt eine Chance hat. Sie ruft bei seiner Dienststelle an, informiert seine Kollegen. Nach Absprache mit der Klinik steht fest: Seine Feuerwehr-Kumpanen holen ihn mit dem Rettungswagen ab, um ihn ins St. Elisabeth-Hospital nach Bochum zu bringen. „Sie haben den Wagen stundenlang geputzt und sich darum geprügelt, wer fahren darf“, sagt Thomas Optelaak mit erstickter Stimme. Tränen der Rührung glänzen in seinen Augen. Seine Kollegen befürchten, dass er die Fahrt nicht lebend übersteht. Sie sprechen mit ihm, halten seine Hand. Thomas Optelaak: „Als ich in Bochum angekommen bin, habe ich gedacht, jetzt bist du daheim, jetzt kannst du sterben.“

Im St. Elisabeth-Hospital kümmern sich Krankenschwestern und Pfleger aufopferungsvoll um den schwerkranken Patienten. Ärzte können 13 Kilogramm Wasser aus seinem aufgeschwemmten Körper pumpen. Dann ein erneuter Schock: Thomas Optelaak ist vom Hals abwärts gelähmt, Arme und Beine versagen den Dienst. Er kann nicht sprechen, muss gefüttert werden. „Das war der größte Schlag. Wenn man immer agil war, ist das furchtbar.“ Er will nicht damit leben, für immer ans Bett gefesselt zu sein. Nie mehr in einem Feuerwehrwagen sitzen zu können. Anderen zur Last zu fallen. Erst nach drei quälenden Wochen kann er seine rechte Hand wieder spüren. Er fasst Mut, bekommt täglich Krankengymnastik. „Ich konnte mich schließlich allein vom Bett in den Rollstuhl hieven. Das habe ich vor allem dem Personal zu verdanken. Es war immer jemand für mich da.“

In der Rehaphase geht es endlich bergauf. Optelaak entwickelt einen unbändigen Willen. Er lernt, wieder selbstständig zu essen, zu laufen und zu sprechen. Er übt auch zwischen den Einheiten. Steigt Treppen, erklimmt Stufe für Stufe. „Ich wollte unbedingt wieder in meinen Job zurück. Dass alle an mich geglaubt haben, hat mich unheimlich motiviert.“ Der Wunsch, anderen zu helfen, setzt nie geahnte Kräfte in ihm frei. Nach mehr als anderthalb Jahren harter Arbeit hat er tatsächlich 90 Prozent seiner ursprünglichen Kräfte wieder. Er kehrt in seinen Job zurück, arbeitet zurzeit als Ausbilder in der Feuerwehrschule.

Er ist dankbar dafür, dass er ein zweites Leben geschenkt bekommen hat. „Gott hat mich nochmal aufs richtige Gleis geschoben“, freut er sich. Ihm ist es wichtig, anderen Menschen mit seinen Erlebnissen Mut zu machen. Mut, um an Wunder zu glauben. Mut, um auf die Kraft des Lebens zu vertrauen. „Mich kann nichts mehr erschüttern. Ich versuche, nicht mehr so viel zu planen und im Moment zu leben“, erklärt er. Bis Ostern will er voll einsatzfähig sein. „Mein Ziel ist es, wieder Alarmdienst zu machen. Rausfahren, Feuer löschen, Menschen retten. Das ist mein Leben.“


Was bedeutet „KLINISCHER TOD“?

Dr. Privatdozent Dr. Christoph Hanefeld (Foto) ist Klinikdirektor der medizinischen Klinik im St. Elisabeth- Hospital in Bochum. Dieses gehört zum Katholischen Klinikum Bochum (www.klinikum-bochum.de). Er sagt über Thomas Optelaak: „Der Patient hat nicht nur das künstliche Koma und einen Herzkreislauf- Stillstand, bei dem Organe und Gehirn nicht mehr durchblutet werden, überlebt. Er hat auch die postoperative Tetraparese, also die Lähmung aller vier Extremitäten, ohne neurologische Schäden überstanden. Er war ein schwerer Pflegefall, der jetzt wieder ins Berufsleben einsteigen kann – das ist aus medizinischer Sicht ein Ausnahmefall. Bestimmt haben dabei seine gute Konstitution, aber auch sein starker Überlebenswille und das positive Umfeld aus einem engagiertem Ärzte- und Pflegeteam sowie fürsorglichen Angehörigen eine entscheidende Rolle gespielt.“

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