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Der Sprung in ein neues Leben

Zwei lachende Frauen, die ihren zweijährigen Sohn auf dem Arm tragen.
Annika (links) und Yasemin Sarica, Foto: Nicole Cronauge

Es gibt sie in jeder Stadt in unserer Region: Mädchen und Jungen, die emotional und körperlich vernachlässigt sind, die sich verzweifelt nach liebevollen Bezugspersonen sehnen und endlich einfach nur Kind sein wollen. Abhilfe schaffen möchte Jonathan Will. Er ist Leiter des Pflegekinderdienstes der Caritas Oberhausen. Gemeinsam mit dem Jugendamt versuchen er und sein Team, Säuglinge, Kinder und Jugendliche bei Pflegemuüttern und Pflegevätern unterzubringen. „Der Bedarf an geeigneten Familien ist groß“, sagt er. Inzwischen betreut er mehr als 300 Paare, die fremden Kindern ein Zuhause auf Zeit geben. Drei von ihnen durfte BENE besuchen und kennenlernen.

„Hoffentlich können sich unsere Söhne gut entfalten“

Es dauert ganz schön lange, bis so ein Spielzeugdrache, wie man ihn auf dem Bild sieht, fertig ist. Eine knifflige Angelegenheit, die Disziplin und Durchhaltevermögen erfordert. Für die fünf und sieben Jahre alten Kinder von Vanessa Fröhlich (38) und Ehemann Daniel (42) kein Problem. „Die beiden sind ein gutes Team“, schwärmt die Pflegemutter.

Niklas kam im Alter von sechs Wochen zu der Familie, die am Oberhausener Stadtrand lebt. Seine leibliche Mutter, die bei der Geburt unter 18 war, gab ihn in die Obhut des Jugendamtes. „Ich rechne es ihr hoch an, dass sie trotz ihres jungen Alters so eine schwere Entscheidung getroffen hat“,  sagt Vanessa Fröhlich, die als Projektmanagerin bei einer privaten Bahngesellschaft arbeitet. Sie und ihr Mann bauten Niklas eine stabile Brücke ins Leben. Er wächst in einer idyllischen Umgebung auf. Helle Holzmöbel im Haus, Spielhütte und Grillplatz im Garten. „Unser Pflegesohn ist ein familiäres und aufmerksames Kind“, sagt Daniel Fröhlich stolz. Eine „Vorzeige-Situation“, finden sie. Dass es aber auch anders laufen kann, wenn man sich auf das Abenteuer Pflegekind einlässt, haben sie selbst erlebt.

Sie nahmen nach Niklas ein weiteres Kind auf, eine neunjährige. Pflegetochter. Doch es gelang ihnen nicht, sie in die Familie zu integrieren. Das bedauert Vanessa Fröhlich: „Wir haben einfach keinen Zugang zueinander gefunden“, stellt sie rückblickend fest. Der Pflegekinderdienst fand schließlich eine andere Familie für das Mädchen. Einzusehen, wenn man einfach nicht zusammenpasse, gehöre dazu, ist sich Daniel Fröhlich sicher. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Oberhausener Interessengemeinschaft für Adoptiv- und Pflegeeltern. Aus Erfahrung weiß er, dass man „gerade zu Beginn der Aufnahme eines Pflegekindes überfordert sein kann, da sich das Jugendamt, die leiblichen Eltern und Therapeuten in das eigene Leben einmischen“. Davon solle man sich jedoch nicht abschrecken lassen, rät er.

Die Fröhlichs beschreiben sich als entspannte Eltern, die ihren Kindern Freiheiten lassen. „Wir hoffen, dass sich Paul und Niklas bei uns gut entfalten können und zu offenen, selbstständigen Personen werden“, so Vanessa Fröhlich. Was das Thema Spielzeug angeht, können sich die Jungen nicht beschweren. In ihrem Kinderzimmer gesellen sich zu dem Drachen viele weitere Baustein-Figuren. Das nächste Großprojekt der Mini-Bastler: die Errichtung einer Festung.

„Wir wussten in den ersten Tagen mit Jan gar nicht genau, was wir tun müssen“

Jan (Name von der Redaktion geändert) ist ein echter Wirbelwind. Er rennt über den Rasen, klettert einen Baum hoch und springt auf dem Trampolin wie ein Flummi auf und ab. „Wir haben uns einen kleinen Rabauken gewünscht“, sagt Yasemin Sarica (34). „Und den haben wir auch bekommen.“ Beim Kennenlernen im Dezember 2019 war Jan allerdings eher schüchtern. „Ich weiß noch, wie er die Tür öffnete und mich ansah. Das war Liebe auf den ersten Blick“, erinnert sich Annika Sarica (37).

Zehn Tage nach dem ersten Aufeinandertreffen zog Jan bei den beiden ein. Mit einer kleinen Tasche, in der alles drin war, was ihm gehört. Plötzlich war es da, das lang ersehnte Kind. Ein Einschnitt in das Leben der berufstätigen Frauen, die seit 2012 verheiratet sind. „Wir wussten in den ersten Tagen mit Jan gar nicht genau, was wir tun müssen“, gibt Studienrätin Yasemin Sarica zu. Damals, so erzählt sie, habe sich Jan von seiner besten Seite gezeigt. Er war umgänglich und angepasst. Man hatte das Ehepaar jedoch in einem Seminar darauf vorbereitet, dass sich das Verhalten von Jan ändern kann.

Viele Pflegekinder haben in ihren ersten Lebensjahren Gewalt, Missbrauch oder Vernachlässigung erlebt: Belastende Erfahrungen, mit denen sich die Pflegefamilie auseinandersetzen muss. Bevor Jan zu den Saricas kam, war sein Leben chaotisch und instabil. Er zog mehrfach um, wohnte unter anderem mit seiner leiblichen Mutter in einem Mutter-Kind-Heim. „Wir stellten uns darauf ein, dass er seine Wut und seine Aggressionen an uns auslebt“, sagt Annika Sarica. Und so kam es auch.

Der kleine Junge schlug seinen Kopf gegen die Wand. Er spuckte, biss und schrie wie am Spieß. Die Eheleute holten sich Hilfe bei Experten, nahmen sich Zeit für den Jungen und zeigten ihm: Wir sind auch dann für dich da, wenn es schwierig wird. Feste Strukturen, Zuwendung und viel, viel Liebe – das half Jan schließlich. Er gewöhnte sich an sein neues Zuhause und an seine Pflegemütter, die er liebevoll „Mama Yasemin“ und „Mama Annika“ nennt.

Einmal im Monat bringen die beiden Frauen ihn zu einemTreffen mit seinen leiblichen Eltern. Theoretisch können diese das Sorgerecht für ihn zurückfordern – dem muss allerdings ein Gericht zustimmen. „Wir wissen, dass wir unseren Pflegesohn irgendwann eventuell wieder abgeben müssen“, sagt Yasemin Sarica. „Das ist ein schmerzhafter Gedanke.“ Das Leben mit Jan hat die Beziehung der beiden Frauen herausgefordert, aber auch gestärkt. So sehr, dass sie sich die Aufnahme eines weiteren Kindes vorstellen können. Doch zunächst geht es für sie nur um ihren Jan, dem sie den Sprung in ein neues Leben ermöglichen möchten.

„Es ist schön, die Kinder bei uns aufwachsen zu sehen“

Was bei Familie Wegner sofort auffällt, ist der große Garten hinter ihrem Haus, der Platz zum Spielen und Toben bietet. „Das ist unsere Wohlfühloase“, sagt Patrick Wegner (48) lächelnd. Für den elfjährigen Leon, die vierjährige Anna und die anderthalbjährige Sarah (alle Namen von der Redaktion geändert) scheint dieses Fleckchen Erde eine Art Ruhepol zu sein.

Leon kam mit zwei Jahren zu den Wegners, geprägt von einem Leben in einem Haushalt, in dem Alkohol, Drogen und Gewalt eine Rolle spielten. „Er war unterversorgt“, erinnert sich SimoneWegner (46) mitfühlend und streicht ihm über die Haare. Vor allem zu Emily, der leiblichen Tochter des Ehepaares, habe Leon schnell Vertrauen gefasst, erzählt sie. Die 19-Jährige half von Anfang an bei der Erziehung der Kinder mit: „Es ist schön, sie bei uns aufwachsen zu sehen.“

Mit Pflegetochter Anna, die als Säugling von der Familie aufgenommen wurde, mussten die Wegners eine Entziehungskur machen. Annas leibliche Mutter hatte während der Schwangerschaft mit ihr Alkohol und Cannabis konsumiert. Das hieß für die Pflegeeltern: Schreikrämpfe der Kleinen aushalten, Herzfrequenzen überprüfen, Verlustängste mildern. „Wenn man sich auf ein fremdes Kind einlässt, muss man wissen, dass es auch mal anstrengend werden kann“, gibt Patrick Wegner zu bedenken. Dennoch sei der Job als Pflegevater fu?r ihn „die schönste Aufgabe der Welt“. Es mache ihn glücklich, dass er und seine Frau jungen Menschen einen Ort bieten könnten, an dem sie keine Angst haben müssten. Auch wenn das, wie in dem Fall der kleinen Sarah, manchmal nur für eine begrenzte Zeit geht.

Sie darf so lange bei dem Ehepaar bleiben, bis eine dauerhafte Pflegefamilie für sie gefunden wird. „Wir springen übergangsweise ein“, erklärt Simone Wegner. Sie hat sich bereits um mehrere Kleinkinder und Säuglinge gekümmert, die gezielte Fürsorge brauchten. Natürlich falle der Abschied jedes Mal schwer. Aber immerhin, so sagt die gelernte Verkäuferin, konnte sie den kleinen Menschen für eine Zeit lang „etwas von meinem Glück abgeben“.

Rückhalt finden sie und ihr Mann beim Pflegekinderdienst der Caritas Oberhausen, der sofort zur Stelle sei, wenn es mit dem Zusammenleben mit ihren Schützlingen mal nicht so gut funktioniere. Schließlich sollen sich alle Beteiligten mit der neuen Situation gut fühlen: die Pflegeeltern, die leiblichen Eltern und vor allem die Kinder.

Dringend gesucht: Liebevolle Pflegepersonen

Um hilfsbedürftigen Kindern eine neue Perspektive zu geben, vermittelt der Pflegekinderdienst der Caritas Oberhausen sie dauerhaft (Vollzeitpflege), zeitlich befristet (Kurzzeitpflege) oder in Notsituationen (Bereitschaftspflege) an stabile und liebevolle Pflegepersonen aus Oberhausen oder den angrenzenden Städten und Kommunen. Seit Kurzem gibt es auch die Entlastungspflege, mit der Familien stunden- oder tageweise unterstützt werden. „Vor allem für Kinder, die kurze Pflegezeiten brauchen, suchen wir dringend interessierte Menschen“, sagt Jonathan Will.

Das können Ehepaare, Singles, Lebensgemeinschaften sowie gleichgeschlechtliche Paare sein. „Je schneller eine geeignete Hilfeform für das jeweilige Kind gefunden wird, desto eher hat es die Chance, einen guten Weg einzuschlagen“, so der Leiter der Pflegekinderdienstes.

Eine persönliche Beratung gibt er unter Telefon 0208 9404-451,
E-Mail: pflegekinderdienst@caritas-oberhausen.de.
Weitere Informationen im Internet auf www.caritas-oberhausen.de/pflegekinder.

Wenn Sie sich außerhalb von Oberhausen oder den angrenzenden Städten für die Aufnahmeeines Pflegekindes interessieren, wenden Sie sich bitte an das Jugendamt Ihrer Stadt. Informationen geben auch die jeweiligen Caritasverbändeoder der Sozialdienst Katholischer Frauen.

Text Kathrin Brüggemann

 

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