Begegnung

Blinde Läuferin aus Bochum startet bei den Paralympics

„Drei, zwei, eins, los“, ruft Sebastian Fricke (28) laut, bevor er und Katrin Müller-Rottgardt (34) blitzschnell aus den Startblöcken schießen und synchron über die Tartanbahn fliegen. Die Kommandos, die er ihr mit seiner Stimme und mithilfe eines Armbandes gibt, dienen ihrer Orientierung: Denn die Paralympics-Teilnehmerin ist blind.

Seit ihrer Geburt leidet sie unter einem seltenen Gendefekt, bei dem die Sehleistung schleichend abnimmt. „Im Moment habe ich eine Sehleistung von zwei Prozent, womit ich offiziell als blind gelte“, erklärt die muskulöse Sportlerin, die aus Duisburg stammt und zurzeit beim TV Wattenscheid in Bochum trainiert. „Umrisse und Farben kann ich jedoch noch erkennen.“ Sie ist daher auf ihren „Guide“ Sebastian angewiesen, der bei Wettkämpfen an ihrer Seite läuft.  Ein dünnes Band, das sie an der rechten und er an der linken Hand trägt, verbindet sie miteinander. „Über den Unterarm schiebt er mich entweder nach außen oder er nimmt den Druck weg, so dass ich weiß, dass ich zu ihm rüber muss“, so Katrin Müller-Rottgardt. Wichtig: Er muss schneller laufen können als sie, damit er sich problemlos ihrem Tempo anpassen kann. Und: Er darf nicht vor ihr im Ziel sein, sonst werden beide disqualifiziert. Sobald Sebastian also das Kommando „ab“ gibt, läuft Katrin die letzten fünf Meter allein. 

Ein komplexes Vorgehen, das viel Konzentration, Training und Sensibilität erfordert. „Ich habe zu keiner Sekunde Angst, da ich
Sebastian zu hundert Prozent vertraue.“ Er gibt ihr nicht nur auf der Tartanbahn die Richtung vor, er führt sie auch bei Wettkämp-fen zum Quartier, erklärt ihr, wie sie von A nach B kommt. Die beiden sind perfekt aufeinander eingespielt. „Wir passen nicht nur menschlich gut zusammen, sondern auch körperlich“, freut sich die junge Frau. „Wir sind gleich groß, haben gleich lange Arme und die gleiche Schrittlänge. Deshalb sind wir auch so schnell.“ Perfekte Voraussetzungen also, um bei den Paralympi-schen Spielen in Rio de Janeiro eine Medaille abzuräumen. 

Sie läuft dort 100 Meter, 200 Meter, und nimmt am Weitsprung teil. Den Weitsprung muss sie allerdings ohne Guide bewältigen. Wie sie das schafft? „Ich zähle meine Schritte, bevor ich absprin-ge. Insgesamt sind es 17.“ Bei der Qualifikation für Rio sprang sie 5,49 Meter. Auch bei der Qualifiaktion für die 200-Meter-Strecke lieferte sie ihre Bestleistung ab. Nur eine Teilnehmerin aus Aserbaidschan war schneller. „Sie hat 24:66 Sekunden gebraucht, ich 24:88. Das ist also auch nicht wirklich viel“, sagt Katrin Müller-Rottgardt lächelnd. Sie ist damit zurzeit die zweitbeste behinderte Sprinterin der Welt.

Dass sie Talent hat, merkt sie bereits als Zwölfjährige. Damals begleitet sie eine Freundin zum Leichtathetik-Training. Schon nach wenigen Wochen läuft Katrin Müller-Rottgardt wesentlich schneller als die sehende Freundin, bekommt einen Platz in der Staffel. Sie trainiert emsig, wird immer besser. Ihr Erfolg poliert ihr angekratztes Selbstbewusstsein auf. „Als Kind wurde ich in der Schule gemobbt, weil ich nicht der Norm entsprach“, erinnert sie sich. Sie hat es im Unterricht nicht leicht, muss Texte mühsam mit der Lupe nachlesen. Erst nach der zehnten Klasse lernt sie an der Blindenstudienanstalt in Marburg die Blindenschrift. Nach dem Abitur macht sie eine Ausbildung zur Physiotherapeutin, die sie mit Bravour besteht. „Es ist nun mal so, das man als Blinde ein anderes Tastgefühl hat. Das ist in meinem Job ein großer Vorteil.“  Släuft der erste Kontakt über die Augen ab. Aber ich bekomme nicht mit, wenn mich jemand anguckt. Und ich kann halt auch nicht mal eben jemandem zuzwinkern.“ Wie ihr Partner sein müsste? „Auf jeden Fall sportlich. Und er kann gern sehen können. Ich muss nicht zwangsläufig einen Freund haben, der die gleiche Behinderung hat wie ich.“

Später zieht sie von Marburg nach Berlin, leitet in der Hauptstadt sogar eine Physiotherapiepraxis. Damit sie sich in der Millionen-metropole zurechtfindet, geht ihre Mutter mit ihr die Wege zum Supermarkt und zu ihrer Arbeitsstelle ab. So prägt sich Katrin Müller-Rottgardt ihre Umgebung Schritt für Schritt ein. „Meine Eltern haben mir die Chance gegeben, viele Dinge so zu erlernen, dass ich sie allein machen kann.“ Umso schwerer fällt es der 34-Jährigen, wenn sie fremde Menschen um Hilfe bitten muss. Unglaublich: Wenn sie am Bahnhof Passanten fragt, welcher Zug gerade einfährt, kassiert sie oft barsche Antworten. „Viele Menschen wissen nicht, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollen. Vielleicht glauben sie mir nicht, dass ich blind bin und denken, dass ich sie veräppeln will.“ Auf dem Trainingsgelände in Bochum braucht sie jedoch keine Hilfe. Dort bewegt sie sich sicher. So sicher, dass man es ihr nicht anmerkt, dass sie blind ist.

Auch in ihrer Wohnung in Bochum, in der sie inzwischen wieder lebt, kommt sie allein zurecht. Dennoch ist es wichtig, die Familie in der Nähe zu wissen. Denn: Irgendwann wird sie nichts mehr sehen können. „Das ist eben so“, sagt Katrin Müller-Rottgardt tapfer. „Warum soll ich mich in die Ecke setzen und jammern, das macht es auch nicht besser. Ich versuche, die positiven Sachen mitzunehmen. Vor allem das Reisen genieße ich im Moment sehr.“ Am liebsten würde sie das natürlich mit einem Partner machen. Doch den zu finden, ist nicht leicht. „Normalerweise läuft der erste Kontakt über die Augen ab. Aber ich bekomme nicht mit, wenn mich jemand anguckt. Und ich kann halt auch nicht mal eben jemandem zuzwinkern.“ Wie ihr Partner sein müsste? „Auf jeden Fall sportlich. Und er kann gern sehen können. Ich muss nicht zwangsläufig einen Freund haben, der die gleiche Behinderung hat wie ich.“

Im Moment ist Sebastian wohl der wichtigste Mann in ihrem Leben. Zwei Mal in der Woche trainiert sie mit ihm, macht unzählige Probeläufe an seiner Seite, feilt an jeder Bewegung. Das große Ziel: Paralympics-Siegerin zu werden. Es allen zu zeigen. Katrin Müller-Rottgardt: „Ich glaube, es war Schicksal, dass Sebastian und ich uns getroffen haben.“

 

DIE PARALYMPICS-IDEE

Die Paralympischen Spiele, auch Paralympics genannt, sind die Olympischen Spiele für Sportler mit Behinde-rung. Sie finden immer drei Wochen nach den Olympi-schen Spielen statt. In diesem Jahr werden die Sommer-spiele vom 7. bis zum 18. September 2016 in Rio de Janeiro ausgetragen. Die Athleten treten dort in 22 Sportarten an.  Die Idee für die Paralympics hatte der Arzt Ludwig Guttmann, der durch den Zweiten Weltkrieg geschädigte Soldaten betreute. Mithilfe des Sports brachte er ihnen bei, mit ihren Behinderungen zu leben. 1948 organisierte er ein Sportfest für Rollstuhlfahrer – der Beginn der Paralympics.

 

 

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