Glaubenssatz

Wird das gutgehen? Was uns Sicherheit gibt

shutterstock.com/Mary Long

September 2025

 

WIRD DAS GUTGEHEN?

Wie sich das Leben anpacken lässt – auch wenn man nicht immer alles im Griff haben kann

Stephan Trescher ist ein Mensch, der gerne Risiken vermeidet und deshalb alles Mögliche gut plant. Dass das nicht immer funktioniert, damit hat der gebürtige Schwarzwälder, der seit Mai im Bistum Essen arbeitet, schon seine Erfahrungen gemacht. Der Referent für Spiritualität beim „team exercitia“ fasst es so zusammen: „Mir zeigt das Unvorhersehbare, dass es neben dem, was ich planen und kontrollieren kann, noch viel mehr gibt, was mich durchs Leben trägt.“ Was das alles sein kann und wie man damit gestärkt den Alltag meistern kann, erklärt der Theologe hier.

DEN BODEN SPÜREN

Wie beneidenswert, wenn jemand spontan ist und schnell improvisieren kann! Ich bin jemand, der gerne plant und auf Nummer sicher geht. Dieses Verhaltensmuster kommt in meinem Job aber schnell an Grenzen. Ich arbeite mit Menschen. Das ist unberechenbar! Vor Seelsorgegesprächen beschäftigt mich: Was bringt mein Gegenüber wohl heute an Themen mit? Kommen wir gut in Kontakt? Mit welcher emotionalen Last werde ich konfrontiert? Fallen mir die passenden Worte ein?

Wenn ich merke, dass der Stresspegel steigt, spüre ich bewusst den Boden: durch die Fußsohlen, über die Sitzfläche ... Ich merke: Der Boden trägt mich. Ich entspanne. Ich atme in den Boden aus. Noch mehr Anspannung kann aus den Schultern abfließen. Der Körper signalisiert meinem Gehirn: „Du brauchst keine Angst zu haben!“ Ich beruhige mich auch emotional und bin zuversichtlich, dass mir etwas Hilfreiches einfallen wird. Jetzt bin ich offener, auch auf Gott zu vertrauen. Diese unsichtbare Dimension ist im Gespräch dabei. Ich stelle mir vor, wie uns göttliche Hände von unten tragen. Im Halt des Bodens wird für mich ein viel tieferer Halt spürbar. Puh! Das kann mir keiner nehmen!

Hier habe ich eine Sicherheit, die bleibt, auch wenn alles in der Welt zusammenbrechen sollte. Ich glaube zwar nicht, dass Gott direkt eingreift in den Lauf der Welt oder dass er einen genauen Plan für mich hat. Aber ich bin sicher: Gott ist da. Und ich kann nicht tiefer fallen als in diese Hände. Zwar reicht es nicht, mir das mit dem Kopf zu sagen. Aber wenn ich körperlich den Boden spüre, kann ich es glauben. „Bodenspüren“ ist mittlerweile meine häufigste Form des Stoßgebets. Es ist sehr schlicht. Vielleicht funktioniert es deshalb so verlässlich.

 

FREUNDLICH MIT SICH SEIN

In einem Gespräch vor ein paar Wochen erzählt mir ein Mann von der Krankheit seiner Frau. Die Situation bringt ihn an seine Grenze. Sein Psychologe hat ihn gefragt, ob er sich nicht trennen möchte. Das hat ihn empört.

Er hat sich dann vom Psychologen getrennt. Er liebt seine Frau und möchte ihr beistehen, so wie sie ihm schon oft beigestanden hat. Eigentlich ist er ein Macher. Vor zwei Jahren ist seine Firma abgebrannt. Er hat sie wieder aufgebaut und zum Laufen gebracht. Aber gegen die Krankheit seiner Frau kann er nichts machen. „Sie fühlen sich total ohnmächtig, oder?“ „Ja, das ist es. Ohnmächtig. Es ist so furchtbar!“ Er fühlt sich verstanden.

Beim nächsten Treffen erzählt er: „Ich kann nichts machen. Das ist für mich das Schlimmste. Ich bin wie gelähmt und könnte zugleich platzen. Zumindest will ich jetzt aufhören, mir selbst zusätzlich Druck zu machen. Wenn ich Druck spüre, setze ich mich hin, massiere meinen Nacken und sage mir, dass es gerade nicht leicht ist und dass ich es genau richtig finde, wie ich jetzt für meine Frau einfach da bin. Dann merke ich, dass ich es aushalten kann, auch diese Ohnmacht, dann spüre ich Stärke in mir.“

Ich staune, wie der Mann sich selbst stützt. In so einer schicksalhaften Situation, die man nicht ändern, die man mehr oder weniger nur aushalten kann, ist das ja das Entscheidende – neben dem Dasein von anderen: sich selbst beizustehen. Verständnisvoll, freundlich, empathisch können wir nicht nur mit anderen sein, sondern auch mit uns selbst.

Dem Mann scheint das in die Wiege gelegt zu sein. Vielleicht hat es ihn auch das Leben gelehrt. Die meisten sind erst einmal recht hart mit sich, härter als mit anderen. „Stell dich nicht so an!“ „Nur du hast wieder solche Probleme.“ Oder: „Du hast nicht genug getan!“ „Du hast es nicht anders verdient.“ Jeder hat andere typische innere Sätze. Ich selbst brauche meist einen bewussten Moment Aufmerksamkeit, um mich in eine selbst-freundliche Haltung zu bringen.

Wenn ich in einer schwierigen Situation bin, hilft mir zum Beispiel eine einfache Meditation: Ich mache mir klar, dass ich in Gottes Nähe so sein kann, wie ich bin. Auch unangenehme Gefühle und Unzulänglichkeiten lasse ich dann an mich ran. Ich mache mir klar, dass es anderen ähnlich ergehen würde in meiner Situation. Und dass Gott nicht Abstand zu mir hält, sondern mich mit freundlicher Zuwendung umhüllt. Ich lege eine Hand auf mein Herz. Es öffnet sich wie eine Tür. Ich kann selbst freundlich auf mich schauen.

 

VERTRAUEN

Der Schlüssel für die Unvorhersehbarkeiten des Lebens ist für mich etwas, was man „Gottvertrauen“ oder „Urvertrauen“ nennen kann. Jeder hat seine eigene Form davon. Ich weiß noch, wie beeindruckt ich von einer jungen Frau war in einem Meditationskurs mit Studierenden. Sie sagte: „Ich kann nicht mehr glauben. Ob es einen Gott gibt, der mich trägt, ob es einen Sinn im Leben gibt, woher soll ich das wissen? Für mich ist das Leben wie ein Weg, bei dem ich Schritt für Schritt meine Füße in die Luft setze, ins völlig Ungewisse hinein. Dabei erlebe ich auch Schwieriges. Aber bisher habe ich noch immer die Erfahrung gemacht, dass die Luft trägt.“

Sie ist fasziniert von dieser Erfahrung des leeren Raumes und der Luft, die irgendwie trägt. Ich staune über ihr Vertrauen und muss an die Geschichte von Petrus denken, der versucht, übers Wasser zu gehen – auf Jesus zu, der auf dem See steht. Und ich gebe der jungen Frau recht, auch wenn ich „gläubig“ bin. Denn woran ich glaube, ist nichts Greifbares, nichts Kontrollierbares. Es ist keine Sicherheit, wie die Welt sie gibt. Es ist wie Gehen in der Luft. Und die Erfahrung, dass sie trägt.

 

KONTAKT ZUM „TEAM EXERCITIA“

Das „team exercitia“, für das Dr. Stephan Trescher arbeitet, ist eine Einrichtung des Bistums Essen für alle, die nach dem Sinn und dem Göttlichen im Leben suchen. Die erfahrenen Teammitglieder bieten unter anderem spirituelle Auszeiten („Oasentage“), Meditationskurse sowie persönliche Gespräche und geistliche Begleitung an. Die Angebote gibt’s neben dem Hauptstandort in Hattingen-Welper in verschiedenen Häusern der Region, auch auf Anfrage. Erreichbar ist das „team exercitia“ telefonisch unter 02324 39197-0 oder per Mail an team.exercitia@bistum- essen.de. Einen Überblick gibt die Internetseite team-exercitia.de.

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