März 2026
EINFACH MAL VERSUCHEN
Eine persönliche Entdeckungsreise zur Fasten- und Osterzeit
„Das passt“, findet Claas Krosse und meint damit das Schwerpunktthema dieses Heftes zur aktuellen Jahreszeit. Was man so alles suchen und finden kann, gerade in der Fasten- und Osterzeit, darüber hat sich der 27-Jährige für BENE Gedanken gemacht. Krosse hat in Münster Theologie studiert und arbeitet nun in der Pfarrei St. Mariä Himmelfahrt in Mülheim an der Ruhr als Pastoralassistent. „Das heißt: Ich bin auf dem Weg, Pastoralreferent zu werden, also hauptamtlicher Seelsorger in der katholischen Kirche. Diese Berufseinführung – vergleichbar mit einem Referendariat im Lehramt – erstreckt sich über drei Jahre.“ Wie kam es zu seiner Berufswahl? „Mir macht es großen Spaß, Ideen zu entwickeln, wie wir in der heutigen Gesellschaft verständlich von Gott sprechen können. Ich möchte Menschen dabei begleiten, dass sie mit ihrer eigenen Lebensgeschichte in der großen Geschichte des Glaubens einen Platz finden können.“ Da sind wir schon beim Finden. Aber Claas Krosse ist erst einmal mit Suchen beschäftigt …
Schon mal was verloren? Den Haustürschlüssel, das Parkticket oder das Portemonnaie? Es gibt Situationen, da sind wir gezwungen zu suchen: ohne Schlüssel kein warmes Bett, ohne Parkticket kein Weg aus dem Parkhaus und ohne Portemonnaie im schlimmsten Fall nicht mal mehr ein letzter Cent. Unter Zeitdruck und Stress gibt es wirklich Schöneres als diese Art des Suchens! Umso größer ist die Erleichterung, wenn das Verlorene plötzlich wieder auftaucht.
Neben diesem unfreiwilligen Suchen gibt es aber auch eine andere Form des Suchens: ein bewusstes Sich-Aufmachen ins Ungewisse, ein waches Ausschau-Halten nach Neuem. Am Anfang dieser Art des Suchens steht kein verloren gegangener Schlüssel, sondern eine Sehnsucht, ein Wunsch, dem Leben mehr Farbe zu verleihen. Die Suche nach frischen Gedanken, nach Sinn, Liebe, Freiheit oder ganz allgemein: nach Glück. Gerade im Frühling, wenn die Tage allmählich wieder länger werden, die Natur zu neuem Leben erwacht und es viele Menschen nach draußen zieht, scheint dieses Bedürfnis besonders stark ausgeprägt zu sein. Etwas liegt in der Luft, das Lust macht, sich innerlich wie äußerlich auf Entdeckungsreise zu begeben: die Gedanken bei einem Spaziergang einfach treiben zu lassen oder ganz praktisch einmal einen neuen Weg zur Arbeit auszuprobieren.
Ich mag diese sehnsüchtige Art des Suchens. Denn anders als beim verlorenen Schlüssel habe ich nicht den Druck, unbedingt fündig werden zu müssen. Es gibt kein „zu spät“ und kein endgültiges Scheitern, weil dieses Suchen Luft zum Atmen lässt und sogar Umwege erlaubt. Oft sind es gerade die kleinen Schlenker, die neue Perspektiven bringen und den Weg insgesamt wertvoll machen. Sie zeigen, dass nicht nur das Erreichen eines bestimmten Ziels oder konkreten Ergebnisses zählt, sondern schon das Suchen an sich bereichernd ist.
Vielleicht lässt sich auch das Fasten, bei dem viele Menschen christlichen Glaubens in den 40 Tagen vor Ostern auf Genussmittel oder bestimmte Gewohnheiten verzichten, so verstehen: als eine ganz eigene, sehnsüchtige Art des Suchens, nicht als strenges Selbstoptimierungsprogramm und auch nicht als „Jetzt-reiß-ich-mich-zusammen-Projekt“, sondern als Versuch – im doppelten Sinn des Wortes. Ein Ausprobieren, ein vorsich tiges Herantasten: Was passiert, wenn ich etwas weglasse? Wenn ich eingefahrene Routinen durchbreche, die mir zwar Sicherheit geben, mich aber vielleicht auch festhalten?
Fasten schafft bewusst Leerstellen – im Kalender, auf dem Teller, im Glas –, damit Raum entsteht für das, was sonst leicht übersehen, leicht überhört wird. Es ist ein Versuch, herauszufinden: Was nährt mich wirklich? Wonach sehne ich mich jenseits von Gewohnheit und Überfluss?
Das ist nicht immer leicht, deshalb begegnet mir in jedem Versuch gleichzeitig auch die Versuchung, doch wieder zum Alten zurückzukehren, es mir bequem zu machen, von meinen Vorsätzen abzuweichen.
Versuch und Versuchung – beides gehört zusammen. Fasten ist kein geradliniger Erfolgsweg, sondern ein suchendes, tastendes Unterwegssein mit Stolpersteinen. Und Ostern, das Fest der Auferstehung Jesu, an dem wir den Sieg des Lebens über den Tod feiern, ist dabei kein fernes Ziel, das ich mir erarbeiten müsste, sondern eher der Horizont dieser Suche: die Hoffnung, dass aus dem Weniger ein Mehr wird, dass sich im Loslassen etwas zeigt, das trägt und neue Lebendigkeit verspricht.
Gleichzeitig kann ich jeden verstehen, der bewusst sagt: „Fasten ist nichts für mich.“ Niemand muss sich auf die Suche schicken lassen. Gott ist größer als alles, was wir planen oder leisten können, stärker als unsere Vorsätze und Übungen. Er zeigt sich nicht nur im bewussten Suchen, sondern manchmal auch ganz unerwartet. Für mich ist das der Gedanke des Zufallsfundes: Manchmal werde ich fündig, ohne je gesucht zu haben.
Ich erinnere mich noch gut an einen Winterurlaub in Stockholm. Nach einer längeren Fährfahrt durch dichtes Schneetreiben kamen wir kalt und durchnässt auf einer Schäreninsel an. Alles schien geschlossen – ein Aufwärmen unmöglich. Doch hinter der nächsten Kreuzung entdeckten wir plötzlich eine geöffnete Pizzeria: unsere Rettung! Und als wäre das nicht genug, gab es sogar noch einen Kaffee aufs Haus. An diese kleine, unerwartete Geste der Gastfreundschaft denke ich noch gerne zurück. Sie zeigt: Solche Zufallsfunde sind selten, aber oft die schönsten! Und: Gottes Zuwendung wird manchmal genau dann spürbar, wenn wir sie am wenigsten erwarten.
Welche Art des Suchens dem Finden auch immer vorausgehen mag: Finden ist immer mit Freude verbunden, mit Erleichterung, mit Dankbarkeit und manchmal mit Staunen. Wenn Sie die Gelegenheit haben, schauen Sie in die strahlenden Kinderaugen bei der Ostereiersuche! Das Finden markiert das Ende einer Wegetappe, die nicht zwingend mit einem klaren Ziel vor Augen begonnen haben muss. Vielleicht liegt genau darin eine Einladung dieser Zeit: sich auf die Suche zu machen – oder offen zu bleiben für das, was sich plötzlich und unerwartet finden lässt.
