Glaubenssatz

Was bedeutet eigentlich Heimat?

Welche Bedeutung hat das Thema Heimat für junge Menschen? Wir haben nachgefragt.

Heimat ist Sprache und Miteinander"

Der Mülheimer Regisseur Alexander Waldhelm hat mit dem Film „Pottkinder" ein Abbild des Ruhrgebiets geschaffen: Das ging sogar ohne Kohle", aber mit ganz vielen, engagierten Menschen aus dem Pott.


Wäre Sylvester Stallone nicht gewesen – die Geschichte wäre vermutlich anders gelaufen. Als 24-Jähriger war Alexander Waldhelm mal Kandidat in der ZDF-Quizshow „Risiko“, Spezialgebiet „Rocky“. Das war seine erste Beschäftigung mit dem Thema Film. Waldhelm erinnert sich, dass er in der Sendung „knapp an 11 000 Mark Siegprämie vorbeigeschrappt“ ist, stattdessen einen 15-bändigen Brockhaus bekam und sich „in Grund und Boden geschämt“ hat, als er sich in der Aufzeichnung der Sendung hörte. „Ich dachte, du klingst ja wie der letzte Ruhrpott-Asi!

Knapp 20 Jahre später hat er aus der Sprache des Ruhrgebiets ein wahres Klangschauspiel gemacht. „Pottkinder“ erzählt nicht nur von einer Region, der Film klingt auch von der ersten bis zur letzten Minute so. „Das, was im Film passiert, sind ja Sachen, mit denen ich mich auskenne“, erklärt Waldhelm. „Es sollte vor allem real sein. So wie die Menschen hier rüberkommen.“ Familienbande, Arbeitsumfeld, Studium, Nachbarschaft, Kneipe – alles so, wie es sich bei Waldhelm und anderen im Pott wohl millionenfach abgespielt hat und noch abspielt.

Eine engagierte Crew und dutzende Laiendarsteller aus dem Ruhrgebiet wirkten bei „Pottkinder“ mit, dazu prominente Comedians wie Gerburg Jahnke, René Steinberg, Torsten Sträter, Hennes Bender, Kai Magnus Sting und Fritz Eckenga – alle ebenfalls aus dem Revier. Im Mai gab es die erfolgreiche Kino-Premiere in Essen, die Waldhelm sehr berührt hat. Roter Teppich, ausverkauft, hunderte Fans draußen, so viel Zuspruch. Und als die Meldung „Pottkinder in der Lichtburg“ direkt nach „Trump hat seinen FBI-Chef gefeuert“ im Radio läuft, hinterlässt auch das mächtig Eindruck beim Macher.

Drei Jahre intensiver Arbeit stecken in dem Film. Waldhelm war alles in Personalunion: Drehbuchautor, Regisseur, Produzent, Darsteller. Verleih? Klar, auch er. 1000 Minuten Material hatte er am Ende der Dreharbeiten, die im Wesentlichen in Mülheim und Oberhausen stattfanden. Die wurden auf rund 115 gekürzt, ohne jemanden aus dem Film herauszuschneiden. „Das hätte ich unmoralisch gefunden,“ sagt der 41-Jährige. Er ist zutiefst dankbar, schließlich haben ja alle ehrenamtlich mitgemacht.

Was zeichnet denn nun Pottkinder aus? „Im Grunde ist das Klischee ja richtig“, meint Waldhelm. „Die Leute hier sind wenig subtil, sehr direkt, ein bisschen rau, aber auch offen.“ Die Kneipe „Zum schrägen Eck“, übrigens Treffpunkt für das BENE-Gespräch mit dem Regisseur, in der auch einige Szenen gedreht wurden, ist für Waldhelm Sinnbild des Potts: „Ein wunderbares Sammelbecken. Hier sind alle Gesellschaftsschichten vertreten. Da spielt ein Malocher mit einem Galeristen Billard, da sind Hautfarbe, Alter oder Berufsstand egal. Es gibt einen Tipp-Club, einen Spar-Club, einen Dart-Club, Bayern-, Dortmund- und Schalke- Fans gucken samstags zusammen Bundesliga. Natürlich weiß Waldhelm, dass solche Kneipen selten geworden sind, aber Sorge um den Fortbestand der besonderen Ruhrpott-DNA macht er sich nicht. „Selbst die heute 14-, 15-, 16-Jährigen, die vielleicht kein Detailwissen mehr über die Geschichte der Region haben, sagen selbstbewusst, wenn sie woanders sind: Ich bin aus dem Ruhrpott.“ Waldhelm grinst: „Das kann man nicht rational erklären!“

„Pott“ schlägt moderne Marketing-Begriffe demzufolge um Längen, findet Waldhelm. „Es hat ja in erster Linie mit den Menschen zu tun. Und 95 Prozent der Leute, die hier wohnen, haben ,Metropole Ruhr‘ noch nie gehört.“ Er selbst hat mal sieben Monate in Bayern gelebt. „Es war ganz schlimm. Ich hab‘ schon dienstags gedacht: Noch dreimal schlafen, dann darfst du wieder nach Hause!“ Heimatliebe, Verwurzelung, das alles lässt sich also am besten an der Sprache und dem Miteinander festmachen. Wobei ... „Alle stehen ja so auf die A40 – die Hauptschlagader des Ruhrpotts“, sinniert Waldhelm. „Ich muss ganz ehrlich sagen, meine Lieblingsautobahn ist die A42. Meine Güte! Da fährt man am Gasometer vorbei, an der Glückauf-Kampfbahn auf Schalke, am Tetraeder. Ich erwische mich jedes Mal, wie meine Gedanken abschweifen.“

Glücklich ist er, dass er kurz vor Schluss nochmal Untertage gehen durfte „7. Sohle, 1300 Meter, in Marl. Diese Chance werden meine Kinder nicht mehr haben.“ Und so komplettiert sich das Bild vom heimatverbundenen, offenen, durchaus selbstironischen Regisseur, der selbstbewusst nach vorne schaut und die Botschaft vergangener Jahrzehnte auf dem T-Shirt und in die Zukunft trägt: „Auf Kohle geboren.“ Auch ein Statement! Und das, wo doch in seinem Film kein einziger Förderturm zu sehen ist.

Schließlich, und weil wir mit großen Namen des Films begonnen haben: Nachhaltiger als von Rocky war Waldhelm aber wohl doch von „Bang Boom Bang“ beeindruckt, dem Kultfilm des Ruhrgebiets schlechthin, der in Bochum auch nach knapp 20 Jahren immer noch jede Woche gespielt wird. Wo gibt‘s denn sowas sonst noch? „Die machen sogar ,Bang Boom Bang‘-Touren“, sagt Waldhelm bewundernd. „Fahren für 75 Euro und unter anderem zwei Dosen Bier die Drehorte ab!“ An soviel Ruhm muss er noch arbeiten. Aber: Die nächste Runde ist schon eingeläutet. „Auf meiner Visitenkarte stehen schon meine beiden nächsten Filme“, lacht er. „Nicht kleckern, klotzen!“ Und irgendwie blitzen da alle auf: Rocky, Kalle Grabowski und das Pottkind Waldhelm.

 

Ich gucke viel durch die rosarote Brille"

Ja, das Wort „Selbstmord“ fällt. Als Sarah Meyer-Dietrich 2001 begann, in Bochum zu studieren, eilte dem Campus der Ruf der „Selbstmord-Uni“ voraus. Alles Quatsch, natürlich. Die Ruhruniversität hatte als einzige Uni Zahlen dazu bekannt gegeben und war fortan mit dem Todesraten- Fluch gestraft. Jung-Autorin Meyer-Dietrich ließ sich damals nicht schrecken und heute schon gar nicht: Ortstermin? Genau hier, bitte!

Ein schöner Sommertag, Suche nach dem Bilderbuchblick über die Heimat? Dafür ist die Ruhruniversität Bochum prädestiniert. Bevor sich von der Terrasse der Caféteria das Ruhrtalpanorama ausbreitet, muss man allerdings erst mal an den riesigen Uni-Betonklötzen vorbei, die Sarah Meyer- Dietrich heute mit einem Lächeln goutiert. „Schäbig fand ich es hier“, sagt sie. „Als ich über die losen Betonplatten lief, war ich sicher, dass ich da irgendwann durchkrache.“ Die gebürtige Gelsenkirchenerin wollte zum Studium nach Berlin oder Hamburg, ja, in die Großstadt – jedenfalls nicht nach Bochum! Das Leben wollte es anders. Das erste Praktikum nach dem Abitur führte sie nach Bochum. „Ich musste zuhause nur in die Tram einsteigen.“ Dann zog sie ins Europahaus, wechselnde Wohngemeinschaften, Multi-Kulti, tolle Leute aus aller Herren Länder. Das hätte Berlin auch nicht besser gekonnt.

Sarah Meyer-Dietrich hat Wirtschaftswissenschaften studiert und auch in Bochum promoviert. Sie ist Autorin geworden, ein Herzenswunsch seit Jugendtagen, und einen Großteil ihrer Geschichten zieht sie aus dem Erlebten in ihrer Heimat. „Immer muss man mit Stellwerksbränden, Streiks und Tagebrüchen rechnen“, könnte ihre Quintessenz sein – und ist gleichzeitig der Titel ihres jüngsten Romans. Der nächste steht kurz vor der Veröffentlichung. „Ruhrpottkind“ wird er heißen, und eine fiktive Geschichte aus den 1980ern erzählen. Sie kann aus dem Vollen schöpfen, von Kindesbeinen an im Ruhrgebiet unterwegs, zur Schule nach Gelsenkirchen, zur Uni nach Bochum, zum Einkaufen nach Essen, zum Tanzen nach Oberhausen oder Duisburg. Düsseldorf war schon zu weit weg. Vor allem mental. „Ich hab dort auch mal gearbeitet, mich aber gar nicht wohl gefühlt“, berichtet Sarah Meyer-Dietrich.

Wie nun dieses Heimatgefühl zu beschreiben ist? „Letztens stand ich an der Pommesbude und kam mit anderen Kunden ins Gespräch. Es ging wirklich von Currywurst bis Yoga“, erzählt sie. „Und ich gehe aus solchen Begegnungen immer fröhlich raus.“ Meistens seien es diese kleinen Momente, in denen sie feststelle: „Ja, hier bin ich zuhause!“ Sie beobachet viel und hört hin, weil es ihr Beruf so mit sich bringt. „Mir fällt immer wieder diese Schlagfertigkeit auf, das manchmal Kurze, Knappe und Rauhe. Schon beim Erstkontakt mit Menschen von hier weiß man, woran man ist.“

Die Wurzeln dieses Verhaltens liegen für sie in der spezifischen Geschichte des Kultur- und Wirtschaftsraums Ruhrgebiet. „Im Bergbau wurde hart gearbeitet, hier war man aufeinander angewiesen. Einer für alle, alle für einen.“ Das präge – auch die nachfolgenden Generationen. Und es lohne sich, sich das hin und wieder zu vergegenwärtigen. „Für mich war im Kulturhauptstadtjahr 2010 ein besonderer Moment, als ich auf der Halde Hoheward stand und die gelben Ballons über den alten Schächten hochflogen. Da habe ich viel von der Geschichte des Ruhrpotts gespürt und begriffen!“ Das klingt mit dem Abstand von sieben Jahren heute eher kitschig und rührend. Was die Autorin auch gerne einräumt. „Ich gucke mir das Ruhrgebiet auch viel durch die rosarote Brille an.“ Den Glauben an eine positive Entwicklung nährt sie jedenfalls aus ihren Beobachtungen. Aktuell schreibt sie Texte für einen Ausstellungskatalog mit Fotos von 1972. „Das Ruhrgebiet ist viel bunter und heller geworden“, findet sie. Erfolgreicher Strukturwandel also? Nicht ganz, reklamiert die Autorin. „Es darf keine völlige Musealisierung werden.“ Sie würde sich über eine schönere Gestaltung der Plätze in den Innenstädten und mehr Radwege freuen. Die Mutmaßung, dass das Ruhrgebiet im bundesrepublikanischen Vergleich abgehängt sei, weckt den Widerstand in ihr. „Man darf dieses Gefühl nicht unterschätzen“, gibt sie zu, doch sie setzt auf den Pragmatismus und das Urvertrauen der Menschen hier. „Es gibt diesen Glauben, dass man die Dinge schon bewältigen kann: Wird schon schiefgehen!“ Und für alle, die noch Argumentationshilfe „pro Pott“ benötigen, hat Sarah Meyer-Dietrich diese drei ultimativen Liebes-Argumente an der Hand: 1. der „Ruhri“ an sich, 2. die integrative Kraft, 3. die kulturelle Vielfalt. Gerne auch in Rosarot.

Kommentare

  1. Ein Ruhrpottkind am 08.07.2017
    Mir sprechen die Beiträge sehr aus dem Herzen. Auch ich bin ein Ruhrpottkind. Ich lasse auf die Region nichts kommen. Den Strukturwandel konnte ich in Duisburg selbst erleben mit allen Facetten: Veränderungen von Stadtteilen durch Zuzug anderer Kulturen, Entstehung des Landschaftsparks, das Ringen um Gelder, um Image und um Arbeitsplätze. Es sind aber auch Erfolge erzielt worden durch Logport und Innenhafen.
    Ich stehe zu meinem "Ruhrpottdeutsch" und ich liebe die Kreativität der Menschen hier, sich eine eigene Grammatik zu schaffen. Meine erste Freundin hieß Gülgün und meine Familie hatte eine herzliche nachbarschaftliche Beziehung zu der Gastarbeiterfamilie.
    Was mich für Duisburg traurig stimmt ist die Loveparade-Katastrophe und der Untergang von aufstrebenden Stadtteilen aufgrund des verdichteten Zuzugs von Menschen aus Rumänien und Bulgarien. letzteres belastet auch dort bereits gut integrierte Familien mit Migrationshintergrund. Aber ich bin sicher, diese Herausforderung schaffen die Menschen hier, wenn die Sprachbarrieren fallen. Denn das können und tun wir: Miteinander labern und so Probleme in den Griff kriegen. Dabei ist uns egal, ob schwarz oder weiß. Ich hege nicht den Wunsch, in einer anderen Region leben zu wollen. Mein Herz hängt an den Städten und den Typen im Ruhrgebiet und von beiden könnte ich Vorschläge für Oscar-Nominierungen machen.

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