Glaubenssatz

Hinter den Kulissen mit Patricia Kelly

„Ich muss nicht mehr jedem gefallen": Patricia Kelly im BENE-Interview

Das Telefoninterview mit Patricia Kelly (49, Mitglied der legendären Kelly Family) soll um 12 Uhr beginnen – so der Plan. Doch es kommt anders. „Totales Chaos heute“, entschuldigt sich die sympathische Sängerin. „Es gab eine spontane Anfrage für eine Fernsehshow in Berlin. Ich muss jetzt schnell packen und dann zum Flieger.“ Das Ende vom Lied: Sie telefoniert mit BENE im Taxi, im Wartebereich des Düsseldorfer Flughafens und auf dem Weg zum Hotel. Um 17.05 Uhr legt sie den Hörer auf. Ein Gespräch über das Leben im Staccato-Takt, ihre „wilde Seite“ und ihren Glauben, der auch in Krisenzeiten unerschütterlich ist. Warum sie gerade jetzt zur Kirche steht.

BENE: Frau Kelly, Sie leben in der Nähe des Düsseldorfer Flughafens. Um schneller von A nach B zu kommen?

Patricia Kelly: Ja, das geht leider nicht anders. Ich fliege sehr oft.In diesem Monat waren es bestimmt schon 20 Flüge, die ich absolvieren musste. Im Moment habe ich ja zwei Jobs gleichzeitig. Meine Solo-Projekte und die Aufritte mit der Kelly Family. Ich habe schon Anfragen abgesagt, aber auf meine ,Blessed Christmas‘-Tour, bei der ich in ganz Deutschland Live-Konzerte gebe, möchte ich nicht verzichten. Die CD dazu habe ich selbst produziert. Sie verbindet meine großen Leidenschafen: die Kunst
und den Glauben.

BENE: Sie machen kein Geheimnis daraus, dass Sie praktzierende Katholikin sind.

Kelly: Ich gehe ein oder zwei Mal in der Woche in die Kirche, das ist mir wichtig. Die Heilige Messe ist für mich eine Art Kraftquelle. Wenn ich das sonnstags nicht schaffe, gehe ich am nächsten oder am übernächsten Tag hin. Ich brauche das auch, das ist meine geistige Nahrung. Ich bin wirklich aktiv, was meinen Glauben und das Bibellesen angeht. Ich bewundere Menschen, die keinen Glauben haben und trotzdem versuchen, gut zu sein. Ohne den Glauben wäre ich ein schrecklicher Mensch geworden, um es ganz platt zu sagen.

BENE: Das müssen Sie uns jetzt aber genauer erklären.

Kelly: Ich habe eine Wildheit in mir, die mich dazu bringt, mich immer weiter vorzuwagen, ständig Neues auszuprobieren. Ich habe den Drang, meine Komfortzone zu verlassen. Das ist auf Dauer anstrengend. Mein Glaube hilft mir dabei, meine wilde
Seite zu „zähmen“. Er gibt mir Halt, so dass ich bei den Dingen, die für mich Säulen sind, beständig bleiben kann. Damit meine ich zum Beispiel meinen Ehemann und meine Familie. Mein Glaube gibt mir eine innere Ruhe und hilft mir dabei, mich zu orientieren.
Er gibt mir die Antworten, die ich suche.

BENE: Im Moment steht die Katholische Kirche mit dem Rücken zur Wand. Die kürzlich veröffentlichte Missbrauchsstudie sorgt für Entsetzen. Selbst eingefleischte Katholiken zweifeln gerade.

Kelly: Natürlich macht auch mich das zutiefst traurig. Es ist – bitte entschuldigen Sie die Wortwahl – zum Erbrechen. Ich bin ja selbst Mutter, habe zwei Söhne im Teenageralter. Aber: Mein Glaube an die Katholische Kirche ist nicht erschüttert. Man darf nicht alles
verteufeln. Ich kenne die Kirche in all ihren Facetten. Sie tut auch viel Gutes. Gerade jetzt, wo sie im negatven Fokus ist in Deutschland, stehe ich zu ihr. Und glauben Sie mir, ich tue mir damit keinen Gefallen. Ich verliere viele Aufräge, weil ich öffentlich katholisch bin. Die Musikbranche ist sehr liberal, viele sind gegen die Kirche. Ich bin jetzt allerdings in einem Alter, in dem es mir egal ist, was die Leute von mir denken. Ich gehe nach meiner ethischen und moralischen Philosophie, die ich für mich als richtig empfinde. Es war ein langer Weg, aber ich habe meinen Weg gefunden. Ich muss nicht mehr jedem gefallen.

BENE: Der Ruf nach Reformen in der Katholischen Kirche wird immer lauter. Doch bis sich etwas bewegt, kann es dauern. Was kann man bis dahin tun? Wie hält man diese zähe Phase aus?

Kelly: Es ist doch so: Die vielen einzelnen Personen in der Kirche sind die Kirche, nicht nur die Oberhäupter. Diese sind zwar zuständig für gewisse Dinge – aber was die Kirche wirklich ausmacht, sind doch die Mitglieder. Und genau das vergessen die Leute oft. Ich kann in meinem eigenen kleinen Umfeld viel Positves bewegen. Jeder kann ein bisschen ehrlicher und wahrhaftiger sein, vielleicht nicht immer, aber immer mal wieder. Das ist zumindest für mich der Weg. Zu sagen, wir beginnen bei uns selbst. Ich glaube an die Kraft der kleinen Schritte.

BENE: Wahrhaftig zu sein – wie schafft man das?

Kelly: Man ist wahrhaftig, indem man wahrhaftig lebt. Für mich ist es selbstverständlich, nach den Regeln und den Empfehlungen von Gott zu leben, der uns einen Leitfaden gibt, der uns freier und glücklicher macht. Je mehr ich diesen Weg wage und gehe, desto mehr spüre ich Gott in mir. Er wirkt durch mich, so dass er andere Menschen berühren und erreichen kann. Es ist meine Mission, in seinem Dienste zu handeln. Ich habe früher gedacht, ich gehe ins Kloster. Doch dann hat mein Beichtvater zu mir gesagt, dass Gott mich in der Welt will. Er hat mich aus einem bestmmten Grund in meine Familie hineingeboren, er hat für mich einen Plan. Jetzt bin ich da angekommen, wo ich diesen Plan verstehe. Gott braucht Menschen in der Welt, nicht nur im Kloster.

BENE: Sie sind, wie Sie bereits sagten, selbst Mutter. Ihren beiden Söhnen den Weg zum Glauben zu ebnen, dürfe keine einfache Angelegenheit sein, oder?

Kelly: Das stmmt (lacht). Iggi und Alex sind mit 15 und 17 in einem Alter, in dem sie ihre eigenen Entscheidungen treffen wollen. Ich bin eine Mama, die ihren Kindern sehr nahe steht. Und natürlich versuche ich, meinen Glauben an sie weiterzugeben – in der Hoffnung, dass er ihnen dabei hilft, dieses Leben zu überleben. Das ist ja nicht immer einfach. Iggi kommt noch mit zur Messe, Alex möchte das nicht mehr. Er hadert mit dem Glauben. Das ist auch okay. Ab einem gewissen Alter sollte man nicht aus einer Tradition, sondern aus einer Überzeugung heraus glauben. Das ist ein Prozess, den jeder für sich durchlaufen muss. Nur wenn er ehrlich und nicht aufgesetzt ist, ist der Glaube eine Kraftquelle.

Das Interview führte Kathrin Brüggemann

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