Dezember 2025
HERBERGEN, UM DAS HERZ DARIN ZU BERGEN
Auf der Suche nach Zuhause, Zuflucht und Zuversicht. Zu Weihnachten.
Zuhause, Zuflucht und Zuversicht. Wo und wie lässt sich das finden – gerade zu Weihnachten? Hanna Buiting begibt sich für BENE auf die Suche. Die Essenerin ist freie Autorin und Bildungsreferentin für kreatives Schreiben.
In der Weihnachtsgeschichte wird erzählt: Maria und Josef suchten eine Herberge. Einen Geburtsort für Jesus, ihr Baby. Doch Herbergs- und Herzenstüren blieben verschlossen. Und so wurde schließlich ein kleiner Stall bei Bethlehem zu einem Zuhause auf Zeit. Er schenkte Zuflucht und Zuversicht. Hinter der Stalltür brannte Licht.
Und ich frage mich alle Jahre wieder: Worin finde ich mich wieder in dieser alten Erzählung von Weihnachten? Was hat sie uns bis heute zu sagen? Was sind darin versteckte Fragen, die uns auch heute noch bewegen?
Es ist ein Gedankenspiel. Sich diese Geschichte genau anzusehen und sie immer wieder auch ein bisschen neu zu verstehen. Je nachdem, wer wir geworden sind. In diesem Jahr. Und was wir deswegen denken über Zuhause, Zuflucht und Zuversicht, über verschlossene Türen, weite Herzen und Orte voller Licht.
ZUHAUSE.
Ich habe in meinem Leben bisher an sechs verschiedenen Orten gelebt. In sechs verschiedenen Wohnungen und Häusern. Fünfmal Umzug, fünfmal Abschied, fünfmal Neuanfang. Wie lange es dauerte, bis ein neuer Ort sich auch wirklich nach Zuhause anfühlte, war unterschiedlich. Sicher hing es auch immer damit zusammen, welche Menschen mit mir dort lebten und aus welchen Gründen ich weitergezogen war.
Was jedenfalls jedes Mal dazu beitrug, dass eine Wohnung wohnlicher wurde und mein Herz ein bisschen
mehr nach Hause kam, waren ein paar vertraute Dinge, für die ich an jedem neuen Ort nach einem passenden Platz suchte. Kleine Schätze. Über Jahre mitgetragen, wie Souvenirs gesammelt, Andenken meiner bisherigen Lebensreise: diese eine Kommode aus Kindertagen, diese eine Lieblingstasse, dieses eine lieb gewonnene Ritual.
Besonders zur Adventszeit, wenn sich das Leben von draußen immer mehr nach drinnen verlagerte, fiel mir auf, wie sehr ich das brauchte: dieses Vertraute. In meinem Fall waren das kleine Klebesternchen. Von meinem Vater einst ausgeschnitten und mir mit auf den Weg gegeben, waren sie so etwas wie der allerkleinste Adventskalender der Welt. Schon als Kind hatte ich auf dem Arm meiner Eltern jeden Tag im Advent ein Sternchen an die Fensterscheibe kleben dürfen. 24-mal. Jeden Morgen, gleich nach dem Wachwerden. Bis schließlich Weihnachten war.
Ich habe nie damit aufgehört. An sechs Orten meines Lebens klebten jedes Jahr im Advent Sternchen am Fenster. Eine schöne Aussicht war das. Und zwar ganz gleich, welchen Ausblick ich aus dem Fenster eigentlich hatte: ob auf die viel befahrene Straße, gegen die Hausfassade in einem Hinterhof oder hinaus in den Garten. Für jeden Tag gab es einen Stern. Bis schließlich Weihnachten war.
In diesem Jahr lebe ich wieder an einem anderen Ort. Und ich weiß schon genau, an welche Fensterscheibe ich die kleinen Sternchen kleben werde.
Jeden Tag einer, bis schließlich Weihnachten ist. In mir. Und hier: Zuhause.
ZUFLUCHT.
In diesem Jahr denke ich oft an das befreundete Paar, das sich selbst schon zu dritt sah. Alle zusammen unterm Weihnachtsbaum. Vater, Mutter und ein Kind. Frisch im Wochenbett würden sie zu Weihnachten sein, so hatten sie geglaubt, darauf hatten sie sich gefreut. Und können jetzt noch kaum glauben, dass alles ganz anders kam und sie nur zu zweit sein werden. Und doch Eltern sind. Von einem Sternenkind.
Eine Tür ist ins Schloss gefallen, die sich doch eigentlich erst öffnen sollte. Und da, wo Raum für besonders viel weihnachtliche Vorfreude war, ist jetzt vor allem Traurigkeit und auch Wut. Darüber, dass das Leben seine ganz eigenen Pläne hatte und es nichts gab, wodurch man es hätte umstimmen können.
Und so wie ein Platz unterm Weihnachtsbaum leer zu bleiben scheint, ist da jetzt auch eine Lücke im Herzen. Und manche Fragen stellen sich neu, weil etwas anders wurde als erhofft.
- Worin kann ein Herz sich bergen? Trotz und inmitten von Traurigkeit.
- Worin kann es Zuflucht finden in einer herausfordernden Zeit?
- Was ist wie ein Dach für die Seele? Ein Hort für das Herz?
- Worin liegt Sicherheit?
- Was kommt nach dem Schmerz?
Der Himmel scheint besonders hoch in diesen Tagen. Ist manchmal wirklich wie ein Zelt. Er umspannt unsere Welt und schafft Verbindung. Zwischen denen, die bleiben, und denen, die gegangen sind. Schaue ich in diesem Jahr in den Himmel, denke ich besonders auch an dich, kleines Sternenhimmelkind.
ZUVERSICHT.
Ich stelle mir gerne vor, vielleicht besonders am Ende von diesem Jahr, wir alle hätten einen großen Schlüsselbund. Und jeder Schlüssel, der sich daran befände, passte zu einer Tür, die sich uns in diesem Jahr geöffnet hat. Führt hin zu etwas, das sich uns eröffnet hat. Zeigt an, wer uns eingelassen hat oder wo wir uns selbst Zutritt verschafft haben. Mit Leichtigkeit oder Bedacht, mit großer Anstrengung und unserer ganzen Kraft. Ein ganzer Bund für all die Schlüsselmomente, die es in diesem Jahr gab.
Und ein Schlüssel passt dann zu der Tür, die zu öffnen wir lange ersehnt haben. Dahinter befindet sich ein neuer Anfang. Eine Idee, ein Projekt, ein Zuhause, ein Traum, ein Wunsch, ein Kind. Alles Anfänge, die einen Unterschied machen und eine neue Perspektive schaffen. Darauf, wer wir in diesem Jahr geworden sind.
Ein weiterer Schlüssel öffnet die Tür zu einem anderen Menschen. Wir haben uns lange nicht gesehen. Da stand so einiges zwischen uns. Es sah schon danach aus, als würden unsere Wege in diesem Leben eher nicht mehr zueinander führen. Aber dann gab es diese eine Begegnung. Dieses Gespräch. Diese Umarmung. Diese Versöhnung. Und jetzt steht fest: Nach allem, was war, werden wir uns wiedersehen. Spätestens im kommenden Jahr.
Ein anderer Schlüssel passt zu einer Tür mit der Aufschrift „Schöne Aussicht“. Von hier aus sehen wir weiter. Aufs Meer. In die Ferne. Hinter den Horizont. Von einem Ufer zum anderen. Von einem Gipfel hinunter ins Tal. Durch diese Tür hindurchzugehen, erwies sich oft als gute Wahl.
Ein Schlüssel schließt eine Türe ab. Für immer. Jedenfalls fühlt es sich gerade sehr danach an. Hier ist etwas zu Ende gegangen. Hier gibt es einen Abschied. Ein Loslassen. Ein letztes „Gute Reise“. Und: die Hoffnung auf ein Wiedersehen. Dann in anderer Weise.
Ein letzter Schlüssel lässt sich ins Schloss einer Tür stecken, hinter der es zu leuchten scheint. Hier hat sich etwas ereignet, von dessen Bedeutung wir auch nach 2.000 Jahren noch erzählen. Etwas, wovon wir bis heute immer noch zehren. Da ist etwas zur Welt gekommen. Da hat sich eine Verheißung erfüllt. Da gibt es Grund für Zuversicht. Durch das Schlüsselloch kann man schon sehen: Hinter dieser Tür, da wartet Licht.
Mehr Infos zur Autorin im Internet unter hannabuiting.de
