Glaubenssatz

Gleiches Recht für alle? Die Sexualmoral der Kirche

„Segnung für homosexuelle Paare anbieten, die für alle sichtbar ist“

Rainer Teuber arbeitet seit 1994 beim Domkapitel des Bistums Essen für den Essener Domschatz. Seit 2017 leitet er dort die Museumspädagogik und den Besucherservice. Nicht nur beruflich, auch privat ist er dem katholischen Glauben verbunden. Er engagiert sich in seiner Gemeinde St. Joseph in Essen-Frintrop und besucht nahezu jeden Sonntag mit seinem Mann Karl-Heinz den Gottesdienst. Das helfe ihm und seinem Partner dabei, die Woche gedanklich abzuschließen und eine neue zu beginnen. Seit 16 Jahren sind die beiden verheiratet. 2004 versuchten sie, ihre Ehe kirchlich segnen zu lassen, fanden jedoch keinen katholischen Geistlichen, dem sie sich hätten offenbaren können. Deshalb baten sie einen evangelischen Pfarrer um Hilfe. Dieser erklärte sich bereit, die Segnung vorzunehmen, allerdings nicht in einer Evangelischen Kirche. Schlussendlich fand die „Segensfeier“ des Paares in einer Gaststätte statt.

„Dass es für meinen Mann und mich nicht die Möglichkeit gibt, an einer würdigen, kirchlichen Segnung teilzuhaben, löst in mir das Gefühl aus, ein Christ zweiter Klasse zu sein. Ich erwarte von der Katholischen Kirche, dass sie dem Grundzug des Christentums nachkommt und anerkennt,dass alle Menschen, ganz unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, von Gott gewollt und von Gott geliebt sind.

Und ich wünsche mir, dass man bei der Bewertung einer Beziehung auf alle Aspekte blickt, die diese ausmachen, nicht nur auf die Sexualität. Es geht doch vielmehr darum, dass Partner in Liebe verantwortungsbewusst miteinander umgehen und einander achten. Das sind die christlichen Werte, die im Vordergrund stehen sollten.

Die Sexualmoral der Kirche ist seit langem nicht nur verklemmt und überholt, sie grenzt auch viele Menschen aus! Ich hoffe sehr, dass KarlHeinz und ich in absehbarer Zeit zu unserer kirchlichen Segnung einladen können. Eine Segnung, die für alle sichtbar ist, die offiziell während eines Gottesdienstes zelebriert wirdund nicht hinter einer verschlossenen oder halb verschlossenen Tür stattfindet.

Es wäre für uns das eindeutige Zeichen, als vollwertige und wertgeschätzte Mitglieder in der Gemeinschaft der Christen angenommen und wahrgenommen zu werden – und zwar so wie wir sind. Mit allem, was uns ausmacht. Und da ist ein Teil auch unsere Sexualität. Einer von ganz vielen.“

„Offen über Sexualität sprechen“

Carsten Müller ist Mitbegründer und Geschäftsführer der „Praxis für Sexualität“, einer Fachberatungsstelle in Duisburg. Mit seinem Team bietet er deutschlandweit Präventionsschulungen, Paartherapien und Einzelberatungen an. Der Sexualtherapeut geht davon aus, dass es in der Gesellschaft in dem Bereich Sexualität eine große Sprachlosigkeit und viele Unsicherheiten gibt. Die Resonanz auf sein Angebot sei, so sagt er, überwältigend. Er hat täglich mit Menschen zu tun, die drängende Fragen zu dem Thema haben. Darunter auch viele gläubige Katholiken.

„Einige von ihnen kommen lieber in meine Praxis, anstatt eine kirchliche Beratungsstelle aufzusuchen. Sie trauen der Katholischen Kirche in diesem Bereich einfach keine Kompetenz zu. Die Kirche hat zwar eine Vorstellung davon, wie Sexualität gelebt werden soll, aber diese kann, um es mal ganz platt zu sagen, kaum jemand ernst nehmen. Sie ist einfach viel zu weit weg von der Lebenswirklichkeit vieler Leute. Ich erlebe tiefgläubige Menschen, die sich in einem Spannungsfeld bewegen zwischen dem, was sie empfinden, und dem, was die Amtskirche von ihnen erwartet. Die Menschen fühlen sich mit ihren Fragen oft alleingelassen. Fragen wie: Wie gehe ich mit Homosexualität um? Wie gehe ich damit um, wenn ich geschieden bin und mich neu verliebe? Wie gehe ich mit dem Thema Sex vor der Ehe um? Kürzlich war ein junger Mann bei mir, der damit hadert, Geschlechtsverkehr mit seiner Freundin zu haben, da man das laut kirchlicher Sexualmoral nicht darf, wenn man nicht verheiratet ist. Es heißt oft: Ich würde ja gern, aber dann verhalte ich mich ja nicht so, wie ich mich verhalten sollte.

Es geht dabei auch um Identität. Sexualität ist Teil dessen. Wenn eine Institution wie die Kirche Menschen daran hindert, ihre Identität auszuleben oder öffentlich zu machen, entstehen Druck und eine innere Zerrissenheit. Wenn man etwas unterdrückt, was zu einem gehört, hat das eine Wirkung: von psychischen Problemen wie Depressionen angefangen bis hin zur Abwendung von der Kirche. Wenn diese es nicht hinbekommt, Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit abzuholen, dann geht es um existenzielle Probleme der Kirche. Auf der einen Seite das christliche Miteinander, auf der anderen das Schubladendenken: Das passt einfach nicht zusammen!

Es wäre grundsätzlich gut, wenn man offen über Sexualität spricht und das Thema aus dieser Scham-Ecke herausholt. Es ist ja schließlich etwas Positives, Schönes und Lustvolles. Und es geht dabei nicht nur um Körperlichkeit, sondern auch um Beziehungen, um das Miteinander und um Selbstwahrnehmung. Natürlich ist es im Hinblick auf den Missbrauchsskandal für die Kirche unheimlich schwer, eine angemessene Form der Kommunikation dafür zu finden. Dennoch muss es Wege geben, um das Thema Sexualität auf positive und angenehme Weise ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. Meiner Ansicht nach könnte man dies bereits mit jungen Menschen besprechen und in Ehevorbereitungskursen oder der Predigt thematisieren.

Diese Form der Sprachfähigkeit hätte auch in präventiver Hinsicht Vorteile. Wenn ich weiß, da ist jemand, mit dem ich offen über meine Sexualität sprechen kann, fällt es mir vielleicht leichter, mich zu offenbaren. Kirche will doch Menschen in ihrem Leben begleiten, und das Thema Sexualität ist nun mal ein essenzieller Teil. Dort, wo Menschen ihren Glauben leben, wird es emotionale Nähe geben müssen. Und wo es emotionale Nähe gibt, gibt es auch körperliche Nähe. Kirche hat meiner Meinung nach doch den Anspruch zu berühren.“

„Unter dem Begriff Fruchtbarkeit kann man viel mehr verstehen“

Ansgar Wucherpfennig ist Professor für das Neue Testament an der Jesuitenhochschule Sankt Georgen in Frankfurt. Er beschreibt Sexualität als eine Schöpfungsgabe, die Gott den Menschen geschenkt hat. Menschen, die sich in unterschiedlicher Weise ergänzen und sich in ihrer Bedürftigkeit und ihrer Sehnsucht nach dem anderen einig sind. Er spricht von zwei Verständnisweisen der Sexualmoral der Kirche: von einem neueren Ansatz, der über die körperliche Genitalität hinausgeht und unter den Begriff auch so etwas wie Flirten oder das Einander-zugewandtsein fasst. Zweitens von einem engeren Verständnis, das sich auf die rein genitale Sexualität beziehe. Laut dem lehramtlichen Verständnis der Kirche ist diese nur innerhalb der Ehe erlaubt. Alles, was an sexueller Aktivität außerhalb der Ehe stattfindet, gilt als schwere Sünde. Gleichgeschlechtliche Liebe schließt die Kirche demzufolge aus. Doch gerade hier habe sich in den letzten 40 Jahren viel getan, sodass es notwendig sei, diese wieder in den Blick zu nehmen.

„Ich glaube, dass die Bibel als Quelle nicht ausreicht für Stellungnahmen der Katholischen Kirche zu dem Thema. Es ist auf jeden Fall wichtig, die christliche Tradition zu erhalten. Dennoch sind Erkenntnisse der heutigen Humanwissenschaften zu berücksichtigen und die oft schmerzenden Erfahrungen der Glaubenden zu hören.Ich kann es sehr gut nachvollziehen, wenn homosexuelle Menschen darunter leiden, dass Segensfeiern nur in der geheimen Kammer oder hinter vorgehaltener Hand stattfinden können. Für diese Segensfeiern braucht es eine offizielle kirchliche Anerkennung, und die könnten mehrere Bischöfe für ihre Bistümer geben. Das wäre mit der bestehenden kirchlichen Lehre durchaus möglich, weil in diesen Beziehungen viel Segensfähiges liegt, wie zum Beispiel Treue, Berücksichtigung der gegenseitigen Freiheit, Gleichheit, Gegenseitigkeit und Verbindlichkeit.

Für solche Segensfeiern liegen verschiedene Vorschläge vor, etwa von der Frankfurter Stadtkirche. Sie sollten ein Angebot an alle Paare sein, die für das Sakrament der Ehe von der Katholischen Kirche nicht zugelassen sind. Das würde gleichgeschlechtliche Paare nicht so isolieren. Dieses Angebot könnte sich dann zum Beispiel auch an Paare richten, die noch nicht bereit sind, eine Ehe einzugehen, ihre Beziehung aber trotzdem segnen lassen wollen. Es kann doch nicht sein, dass durch das Sakrament der Ehe alles geheiligt wird. Was ist, wenn jemand Gewalt in der Ehe erfährt? Eine sexuelle Aktivität, die Gleichberechtigung und Gegenseitigkeit ausschließt, ist moralisch kritisierbar.Dafür reicht aber die Ehe als alleiniges Kriterium nicht aus. Die Kirche muss in ihrer Lehre Werte in Beziehungen nachvollziehbar begründen und etablieren, die gleichgeschlechtlich und andersgeschlechtlich Liebende gleichermaßen verpflichten. Da sehe ich sie in der Verantwortung.

Die Katholische Kirche müsste auch einfach akzeptieren, dass eine Ehe scheitern kann, und andere Lösungen finden als die, die Partnerschaft für ungültig zu erklären. Für viele Menschen, deren Ehe gescheitert ist, ist ,ungültig‘ nicht die passende Kategorie. Die erlebte Beziehung hatte für sie auch im Nachhinein viel Wichtiges und sogar Bereicherndes, auch wenn sie sich dann eingestehen mussten, dass sie sie nicht weiterleben konnten. Die Kirche hat für solche Situationen als Lösung die Annullierung gefunden, weil sie so an der Unauflöslichkeit der Ehe festhalten kann. Es wäre sinnvoller, andere Lösungen zu suchen.

Ich würde auch den Begriff der Fruchtbarkeit weiten, darunter kann man viel mehr als nur die Zeugung von Nachkommen fassen. Wenn jemand sich als Homosexueller in der Schwulenszene offen zum Katholischsein bekennt, dann ist das doch ein überzeugt gelebter Glaube im Alltag. Auch das ist ein Zeichen von Fruchtbarkeit. Ich weiß von homosexuellen Menschen, die Fruchtbarkeit leben, indem sie sich um alte Menschen kümmern oder sozial engagieren.

Die Katholische Kirche muss den weiten Abgrund angehen, der sich zwischen ihrem
Recht und ihrer Moral einerseits und gelebten Beziehungen andererseits heute auftut – ansonsten wird sie zu einer Art Raumschiff Enterprise, losgelöst von allen irdischen Wirklichkeiten.“

Die Gespräche führte Kathrin Brüggemann.

Das Bistum Essen will das System Kirche in vielen Bereichen prüfen und verändern. Dazu gehört es auch, die katholische Sexualmoral in den Blick zu nehmen. Es soll offen über Sexualität, Beziehungen und sexuelle Identitäten und Orientierungen gesprochen werden. Vorurteile und Vorbehalte sollen abgebaut werden, Lebenszeugnisse sollen Gehör finden. Eine Projektgruppe erarbeitet derzeit Vorschläge für konkrete Maßnahmen. Das Ziel ist es, ein Verständnis von Sexualität zu entwickeln, das vielfältigen Lebensmodellen gerecht wird.

Infos: bene.mg/sexualmoral