Glaubenssatz

Beten – Was bringt das schon?

Die Missionsärtzlichen Schwestern v.l.n.r.: Karin Ripp, Beate Harst, Mariotte Hillebrand

BENE: Wie oft beten Sie? Und wie muss man sich Ihr Beten vorstellen?

Beate Harst: Jede Schwester in unserer Gemeinschaft hat natürlich ihre eigene Art zu beten, nimmt sich täglich Zeit, zu meditieren, in die Stille zu gehen. Aber es gibt natürlich auch feste Zeiten, in denen wir miteinander beten und andere Menschen an unserem Gebet teilnehmen lassen. In diesem Gebet hat alles seinen Platz – das, was wir erlebt haben, die Menschen, deren Schicksal uns berührt, die Welt, in der wir leben. In diesem Sinne geht es für mich beim Gebet darum, in mich hineinzuhorchen, zu spüren, was da ist und mich bewegt. Mit all dem bin ich vor Gott da. Das würden manche gar nicht als Gebet bezeichnen. Wer das nicht konkret mit Gott verbinden kann oder will, für den ist es vielleicht einfach eine Achtsamkeitsübung. Wir bieten Menschen die Einführung in das kontemplative Gebet an. Zunächst aktivieren wir unsere Sinne: Wir gehen gemeinsam hinaus, nehmen wahr, was hören, sehen, riechen wir? Dann versuchen wir, bewusst in unserem Leib zu sein, unseren Atem zu spüren – eine Möglichkeit, Gott wahrzunehmen. In allem, was wir spüren und was wir erleben, kann und will Gott uns begegnen. Bei diesem Weg der Meditation passiert innerlich ganz viel, auch wenn ich äußerlich nur einfach da sitze.

BENE: Das klingt gar nicht unbedingt nach Kirche. Wie zeitgemäß ist das klassische Beten heute überhaupt noch?
Harst: (zögert!) Angebracht ist es jedenfalls, weil wir uns dabei bewusst werden, dass wir nicht allmächtig sind.

Mariotte Hillebrand: Für mich ist Beten nicht vom Alltagsleben getrennt. Ich frage zum Beispiel, wenn wir Texte aus der Bibel lesen: Warum spricht mich gerade das eine an, das andere aber nicht und was hat das mit meinem Alltag zu tun?

Karin Ripp: Beten liegt nicht unbedingt im Trend. Aber es ist schon zeitgemäß, wenn man sieht, welch hoher Erwartungsdruck in unserer Gesellschaft existiert. Wenn man sich die zunehmenden Krankschreibungen aufgrund psychischer Belastungen anschaut! Da hat das Gebet doch etwas Befreiendes und Entlastendes. Ich bin nicht allein mit meinem Problem und ich vertraue darauf, dass Gott mir hilft. Das kann eine sehr heilsame Wirkung haben. Auch Beten in Gemeinschaft gibt große Kraft.

BENE: Könnte also ein Gebet den Psychotherapeuten ersetzen?
Harst: Ich habe schon Menschen geistlich begleitet, die auch in psychotherapeutischer Behandung waren. Der Therapieweg war wichtig. Aber eine tiefere Heilung wird oft erst durch den Glauben ermöglicht.

Hillebrand: Früher standen viele Therapeuten dem Glauben und dem Gebet sehr skeptisch gegenüber oder haben es sogar abgelehnt. Gerade diese Berufsgruppe entdeckt mehr und mehr, dass wenn jemand ein solches Fundament, einen solchen Zugang hat, da enorme zusa?tzliche Ressourcen auf dem Weg der Therapie freigesetzt werden ko?nnen.

Harst: Menschen suchen ja auch ihre eigenen Wege, in Beziehung zu Gott zu treten. Das stellen wir zum Beispiel bei Segnungsfeiern fest: Menschen erfahren hier eine heilsame Begegnung mit Gott. Diese Form des Gebetes wird sehr angenommen.

BENE: Gibt es Gebetsregeln? Oder anders gefragt: Kann man falsch beten?
Harst: Ich glaube nicht. Ich kann still sein, ich kann leer sein, leise lächeln, hin und her laufen, weinen, schreien. Das kann alles Gebet sein! Es geht darum, zu erspüren, was passiert mit mir, in mir? Und dies in Kontakt mit Gott zu bringen.

Ripp: Naja, wenn ich meine, ich müsste Gott immer nur danken, weil es der liebe Gott ist, dann finde ich das falsch. Ich darf Gott auch mal anklagen! Authentisch vor Gott stehen, das ist urchristlich und heilsam.

Hillebrand: Ich würde nicht sagen, man betet falsch. Es geht vielleicht eher um die Frage: Laufe ich Gefahr, mich nur um mich selbst zu drehen. Es ist manchmal gar nicht so einfach, auch Platz im Gebet zu lassen, auch mal hinzuhören. Ja, ich bringe mein Anliegen vor Gott, aber ich horche auch mal, was Gott mir vielleicht sagen will. Und diese Stille muss ich aushalten. Ich weiß nicht, was passiert. Dafür offen zu sein, ist nicht so einfach.

Harst: Es ist wie in Beziehungen unter Menschen auch. Wenn ich nur monologisiere, dann bleibt ein Gespräch einseitig und es wird nicht viel passieren. Dann rechne ich vielleicht nicht mit einer Reakti-on des anderen, beziehungsweise, es interessiert mich auch gar nicht. Das ist beim Gebet, also beim Gespräch mit Gott, genauso. Spannender also ist es, Reaktionen zuzulassen ...

BENE: Und wie ist das mit den Menschen, die sagen, dass sie an nichts glauben, die beten doch in bestimmten (Not-)Situationen auch, oder?

Harst: Schwierig zu beurteilen! Ich würde sagen, die Zahl derer, die tatsächlich Atheisten sind, ist sehr gering. Viele geben doch an, zumindest an irgendetwas, das über das Materielle, Mathematisch-Messbare hinausgeht, zu glauben. „Irgendeine höhere Macht“ – sie würden es nicht Gott nennen. Und sie würden nicht wollen, dass wir ihr eventuelles Bitten für etwas, dann „Beten“ nennen. Es fällt Menschen heute schwerer, den Zugang zum Glauben und Gebet zu finden. Und es ist heute natürlich auch möglich zu sagen: „Nein, ich glaube nicht an Gott“. Vielleicht sind sie auch nicht auf der Suche. Das muss man respektieren, alles andere wäre anmaßend.

Hillebrand: Es ist ja auch bei uns nicht so, dass wir diesen Zugang zum Glauben ständig haben. Wir haben ja jetzt nicht ständig das Gefühl: Ja wir sind getragen! Ich muss mir manchmal auch wieder Zeit nehmen, um zur Quelle meines Glaubens zurückzukommen. Die liegt nicht jeden Tag frei und sprudelt.

BENE: Hadern und Zweifeln gehört also zum Beten?
Harst: Ich bin sehr dankbar, dass ich Momente habe und hatte, wo ich mehr spüre, wo ich spüre, es gibt Gott. Es ist, da stimme ich meiner Vorrednerin zu, aber kein Dauerzustand. Und es gab andererseits auch eine sehr schmerzliche Situation in meinen Leben, wo ich Gott wirklich gefragt habe, warum er mir das zumutet. Ich weiß nicht, wie ich damals herausgekommen bin. Ich glaube, ich habe es nur geschafft, weil ich nicht aufgegeben habe. Und weil es eine andere Schwester gab, die für mich das Beten übernommen hat. Soviel zur Kraft der Gemeinschaft. Das hat mir damals sehr geholfen.

BENE: Sie sind ja auch in der Sterbebegleitung tätig und werden mit vielen un- abänderlichen Situationen konfrontiert. Was sagen Sie Menschen, deren inständige Gebete nicht erhört werden?

Harst: Da kann man gar nichts beschönigen. Da muss man die Menschen, ehrlich gesagt, ermutigen, den Kontakt mit Gott zu halten, wenn es geht, nicht ganz im Schmerz zu erstarren! Menschen reagieren unterschiedlich, es sind ja die tiefen Grundfragen unseres Lebens, die hier berührt werden, und ganz prägende existenzielle Erfahrungen. Wir haben als Seelsorgerinnen den lieben Gott, sprich die Lösung, nicht in der Tasche. Und deshalb ist es ganz wichtig, diese Gefühle, Wut, Enttäuschung, Trauer, mit auszuhalten, ja – und auch mit auszuhalten, dass es vielleicht keine Antworten gibt.

Hillebrand: Es ist ja letztlich die Frage des Warum? Und das bleibt eine Wunde. Ich kann vielleicht irgendwann persönlich eine Antwort finden. Aber ich würde es als anmaßend empfinden, wenn ich dann jemandem sage: Das hat seinen Sinn.

Harst: Ich erinnere mich noch an eine junge Frau, die sterbenskrank war und die mir im Gespräch sagte: „Ich nehme einen Baseballschläger mit.“ Der, also Gott, kannsich auf was gefasst machen. In dieser Enttäuschung und Wut war sie ganz ehrlich in ihrer Beziehung zu Gott. Und es geschah dann etwas anderes. Sie ist ihren Weg gegangen und nicht im Protest stehen geblieben. Sie hat für sich zum Frieden gefunden, dass war deutlich zu spüren und ein kleiner Trost.

BENE: Machen wir einen Schwenk zu etwas Leichterem. Vom Existenziellen zum Materiellen – Janis Joplin sang einst: „Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz?“ („Gott, kannst Du mir nicht einen Mercedes Benz kaufen?“) Wie legitim sind materielle Wünsche beim Beten?

Ripp (lacht): Da muss ich an unseren eigenen Orden denken, als er gerade gegründet war. Da gab es auch schon mal finanzielle Engpässe. Und wenn es nicht genug Geld gab, haben die Schwestern um finanzielle Hilfe gebetet. Es ist häufiger vorgekommen, dass Briefumschläge mit Geld in entsprechender Höhe bald darauf im Briefkasten zu finden waren ...

Alle drei lachen

Harst: Jetzt mal ernsthaft. Gott ist ja auch mehr als der Weihnachtsmann! Das Materielle kann ja nicht alles sein. Wenn ich das wieder auf das Thema Beziehung zueinander übertrage ist es so, wie bei der Großmutter, deren Enkel nur zu Besuch kommt, wenn er Geld braucht. Also wenn ich Geldfragen zum Dreh- und Angelpunkt einer Beziehung mache, finde ich es komisch.

Hillebrand: Um noch mal auf die Frage zurückzukommen, ich finde es legitim, darum zu bitten. Die Frage ist, ob ich vom Ergebnis der Bitte oder des Gebets abhängig mache, dass ich glaube. Also, wenn der legitime Wunsch geäußert wird, sollte die Offenheit da sein, dass es auch anders kommen kann –, und dass das dann auch seinen Sinn hat.

BENE: In allen Religionen wird gebetet. Beten ist überkonfessionell. Das müsste doch die Verständigung untereinander erleichtern?

Hillebrand: Ich vermute, die Schwierigkeiten bei der Verständigung haben grundsätzlich eher mit unseren menschlichen Bedingungen und Konditionierungen zu tun, mit den unterschiedlichen Kulturen und Identitäten, weniger mit Religion. Es geht um die Begegnung mit dem Fremden. Und das Anderssein des anderen macht vielen Angst.

Harst: Es braucht letztlich die Bereitschaft aller zur Verständigung. Ich erlebe im gemeinsamen Gebet verschiedener Konfessionen, dass wir uns in der Stille vor Gott sehr nahe sind. Das gemeinsame Gebet der verschiedenen Religionen ist für mich ein Weg zum Frieden.

BENE: Mal zur plakativen Ausgangsfrage zurück: Hilft Beten denn überhaupt?

Harst: Gegenfrage: Wobei soll’s mir denn helfen? Ich will mit Beten nichts grundsätzlich bezwecken, also im Sinne von: Es muss mir helfen. Es geht um eine Beziehung, nicht um eine Zweckgemeinschaft. In Beziehung sein heißt in erster Linie: mich getragen fühlen.

Hillebrand: Beten ist eine Bereicherung. Und um das Wörtchen „helfen“ noch mal aufzunehmen: Beten hilft mir in anstrengenden Phasen des Lebens und manchmal in einer völlig anderen Form – weil ich überrascht werde oder meine Erwartungen sogar übertroffen werden.

Das Gespräch führte Jutta Laege

 

 

 

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