Glaubenssatz

10 Thesen, wie der Aufbruch gelingen kann

Benedikt Jürgens, promovierter Theologe von der Ruhruniversität Bochum hat an der "Kirchenaustrittsstudie" des Bistums Essen mitgearbeitet.

Ist die Kirche noch zu retten? Schmerzliche Kirchenaustritte, leere Kirchen auch im Bistum Essen, Glaubwürdigkeitsverluste wegen vergangener Skandale – und nun massive Sparprogramme und Kirchenschließungen. Die katholische Kirche steht vor elementaren Fragen: Wie gestaltet sie ihre Zukunft, ohne christliche Haltungen über Bord zu werfen? Tradition versus Modernität. Was geht überhaupt noch? Und vor allem: Wie und mit wem? BENE hat sie gemeinsam mit Benedikt Jürgens, promovierter Theologe am Zentrum für angewandte Pastoralforschung (ZAP) in Bochum, der an der kürzlich veröffentlichten Studie des Bistums Essen zu Kirchenaustritten beteiligt war, zusammengetragen.

Kirche sollte ...

1. ... gute Dienstleisterin in allen Lebenslagen sein
Eine der großen Erwartungen, die Menschen heute an Kirche haben, ist: Gute Begleitung an drei Lebenswenden. Wenn Kinder geboren werden, wenn geheiratet wird, und wenn Menschen sterben. Und je professioneller, desto besser, denn die Menschen vergleichen mit anderen Angeboten außerhalb von Kirche. Da kommt es auf soziale und kommunikative Kompetenz, liturgische Qualität, Erreichbarkeit und das Eingehen auf Wünsche und Bedürfnisse an. Das kirchliche Personal sollte hier mit sehr hohen Erwartungen rechnen. Umfragen zeigen, dass die Qualität des tatsächlich erlebten Angebots oft weit hinter den Erwartungen zurückbleibt. Entscheidend sind Personal und Strukturen, die es leicht machen, kirchliche Angebote wahrzunehmen und zu erreichen. Die Menschen wissen nicht unbedingt, zu welcher Pfarrei sie gehören. Aber wenn sie zum Beispiel in Bochum heiraten wollen, sollten sie bei der Suche auch auf einer Internetseite der Kirche in Bochum landen.  

2. ... weltoffen und glaubwürdig sein
Die Studie hat unter anderem gezeigt, dass die kirchlichen Normen zu Familie, Sexualität und Frauen zu den am häufigsten genannten Kirchenaustrittsgründen zählen. In Verbindung mit dem Zölibat und den kirchlichen Strukturen tragen sie zum unzeitgemäßen Image der katholischen Kirche bei, das sie selbst bei konservativen Kirchenmitgliedern hat. Dass offizielle Positionen und Erwartungen der Kirchenmitglieder auseinanderlaufen, ist eine besondere Herausforderung für das kirchliche Personal, das diese Spannungen moderieren muss. Bei wiederverheirateten Geschiedenen gibt es ja  vorsichtige Fortschritte – auch wenn das den Menschen zu wenig ist. Hier ist das Personal auf Rückendeckung durch die Kirchenleitung angewiesen, wenn es  die heiklen Themen ansprechen und sich auch den kritischen Fragen stellen soll!   

3. ... sich engagieren
Menschen erwarten von Kirche karitatives Engagement und Einsatz für die Benachteiligten in unserer Gesellschaft. Sie sind auch bereit, das durch Kirchensteuer zu unterstützen. Die Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Grundsatzfragen trifft nur auf wenig positive Resonanz.  Wenn sich die Kirche hingegen für eine humane und gerechte Welt einsetzt, wird das begrüßt. Konkrete humanitäre Einsätze der Kirchen wie zum Beispiel in der Flüchtlingspolitik stoßen auf großes Wohlwollen.

4. ... nah sein und Nähe sichern
Grundsätzlich gibt es eine positive Wahrnehmung der lokalen Vertreter von Kirche – aber je weiter man nach oben kommt, desto schlechter wird das Image. Die Menschen haben in der Regel eher einen guten Eindruck von ihrer Pfarrei,  während das Bistum und die Weltkirche eher kritisch gesehen werden. Es gibt also die Chance, auf der Ortsebene einen guten Eindruck zu hinterlassen. Die Herausforderung für das Bistum Essen liegt darin, in der Größe der Pfarreien, trotzdem eine Nähe zu den Menschen zu sichern. Das ist am Ende wieder eine Frage guter Struktur und Organisation.

5. ... sensibel mit Kirchenabrissen sein
Es wird leider nicht zu vermeiden sein, dass einige Kirchen abgerissen werden. Dafür sollte es aber immer gute Gründe geben, die den Menschen auch erläutert werden sollten. Darüber hinaus werden Rituale oder Plätze benötigt, wo Leute trauern, Abschied nehmen können. Das ist bereits weitgehend gute Praxis im Bistum Essen.

6. ... beim Thema Finanzen transparent sein
Der Skandal von Limburg war extrem schädlich und das darf nie wieder passieren. Wichtig ist, dass die Kirche Rechenschaft darüber ablegt, was sie mit dem Geld der Kirchensteuerzahler tut. Die wenigsten Menschen wollen unmittelbar darüber mitbestimmen, aber sie wollen sicher sein, dass die Kirche keine schwarzen Kassen hat und das Geld sinnvoll ausgibt. Kirche muss also die Finanzen offenlegen. Das nicht zu tun, kann sich kein Bistum mehr leisten. Da ist das Bistum Essen auf einem guten Weg.   

7. ... das Augenmerk auf junge Leute richten
Für die Zukunft der Kirche sind die jungen Leute zwischen 20 und 30 Jahren entscheidend. Im Zusammenhang mit dem Eintritt ins Berufsleben treffen sie die Entscheidung, ob sie bei der Kirche bleiben - oder nicht. Wenn sie zum ersten Mal ihren Gehaltszettel mit der Kirchensteuer bekommen, fragen sie sich, ob sich dieser Beitrag lohnt.  Dann muss Kirche klarmachen, dass man als Mitglied etwas dafür bekommt. Das gelingt bei dieser Gruppe am besten über eine richtig gut geplante Hochzeit, Segnungsgottesdienste für Neugeborene oder eine Taufe – das bleibt in Erinnerung und bindet. Entscheidend ist aber, dass schon vorher eine  Beziehung aufgebaut wurde. Jugendarbeit ist elementar. Jugendliche, gerade im Pubertätsalter, brauchen die persönliche Beziehung. Sie wollen ernstgenommen werden mit ihren Themen. Da hängt vieles vom kirchlichen Personal ab. Wie spricht es die jungen Leute an?  Jugendliche spüren sofort, ob jemand authentisch und überzeugend ist.
 
8. ... Ehrenamtliche würdigen und begleiten
Immer wieder glaubt man, dass man den Rückgang des hauptamtlichen Personals durch größeres ehrenamtliches Engagement kompensieren kann. Das greift zu kurz: Zum einen, weil ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter andere Aufgaben übernehmen sollten als hauptamtliche, zum anderen weil ehrenamtliches Engagement gute organisatorische Rahmenbedingungen braucht. Denn die Ehrenamtlichen haben ja auch noch ein anderes Leben, einen Beruf und andere Verpflichtungen und Interessen. Sie brauchen Struktur, auf die sie sich verlassen können und die sie entlastet. Ehrenamtliches Engagement auch in der Kirche ist nicht rein altruistisch. Menschen engagieren sich, weil sie Anerkennung bekommen, wahrgenommen werden, vielleicht sogar eine Bühne haben. Das müssen wir bedienen! Und man kann schon bei den Kirchenmitgliedern anfangen: Wir schätzen Euch sehr dafür, dass Ihr Kirchensteuer zahlt. Dankeschön!  Wenn sich jemand zeitweilig engagiert? Gut so! Er kann doch mal eine Weihnachtskarte oder eine Karte zum Namenstag bekommen! Das ist aufmerksam.

9. ... modern und konsequent kommunizieren
Gute Unternehmen haben heute eine „Mission“ und machen sie mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekannt.  Die Kirche hatte schon immer eine Sendung und einen Auftrag. Paulus hat das zu seiner Zeit perfekt beherrscht, mit einem Kommunikationsmittel, das bei der Verbreitung der kirchlichen Sendung damals supermodern war: Er hat Briefe geschrieben und die Infrastrukturen des römischen Reiches perfekt genutzt. Wie würde Paulus heute agieren? Er wäre wahrscheinlich auf „Youtube“ und auf „Facebook“. Heute darf ich nicht nur senden, ich muss auch antworten und auf die anderen eingehen. Und ich muss authentisch sein. Wenn ich über den Videokanal „Youtube“ kommuniziere, muss da auch ein echter „Youtuber“ hin. Kirche muss gesprächs- und diskussionsbereit sein und das ist auf vielen Kanälen möglich. Die Kommunikation kann allgemein oder themenbezogen sein, sie bedarf dabei vor allem alltäglicher, niederschwelliger Möglichkeiten, Menschen zu erreichen. Im Bistum Essen geschieht das durch viele verschiedene Social-Media-Aktivitäten, durch neu gestaltete Pfarrbriefe und durch das moderne, bistumsweite Mitgliedermagazin BENE.

10. ... Veränderungen wirksam nach außen tragen
Bei den aktuellen Veränderungsprozessen des Bistums Essen haben sich im Großen und Ganzen die schon Engagierten nochmal engagiert. Aber nicht zum Selbstzweck. Es hat vielmehr dazu geführt, dass die Hauptamtlichen nochmal ein klares Bild bekommen haben und es wirksam nach außen tragen können. Das ist eine wichtiger Prozess, ganz im Sinne einer ansprechenden Leitbild und eines ansteckenden kirchlichen Auftrages. Die, die sporadisch mit Kirche zu tun haben, werden diesen Geist vielleicht spüren: Und wenn man dann einen berührenden Gottesdienst zu seiner Hochzeit bekommt, dann relativiert sich möglicherweise die Aufregung um die anderen, auch die heiklen Themen.

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