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Weg vom Ideal, hin zum wahren Ich: So geht's...

Zumba-Trainerin und Curvymodel Jacqueline Gradtke
Zumba-Trainerin und Curvymodel Jacqueline Gradtke. Foto: privat

Wir zeigen's euch!

Endlich Frieden schließen mit dem eigenen Körper

Barbie ist nicht mehr das, was sie mal war: Sie ist jetzt mehr. Die „Fashionistas Puppenlinie“ des Herstellers Mattel besteht aus Figuren, die auffällig anders sind. Sie haben Kurven, tragen bunt gefärbte Haare, sitzen im Rollstuhl oder haben Flecken auf der Haut. Ein Zeichen für mehr Vielfalt, mehr Sichtbarkeit und den Mut zum Anderssein. Dieses Phänomen sieht man auch in anderen Bereichen. Models mit Übergewicht flanieren gekonnt über den Laufsteg. Junge Frauen zeigen im Internet selbstbewusst, wie sie mit ihrer Akne umgehen. Auch das Schauspielhaus Bochum orientiert sich am Zeitgeist und besetzt das Theaterstück „Baroque“ (Premiere Februar 2021) mit Darstellerinnen und Darstellern abseits der Norm. Das Ziel: Weg vom Ideal, hin zum wahren Ich. Die „Body Positivity“-Bewegung wirbt dafür, seinen Körper so anzunehmen, wie er ist. Doch das ist leichter gesagt als getan. BENE stellt zwei Menschen vor, die es geschafft haben, zu sich selbst zu stehen.

 

Aufstehen und weitergehen

Mike Schmitz (51) aus Essen ist eine echte Sportskanone. Er läuft fast täglich durch den Wald, fährt Fahrrad und betreibt Boxsport. Möglich macht das seine Hightech-Beinprothese:

„Ich habe mein Bein nach einem Schicksalsschlag vor mehr als 30 Jahren verloren. Ich spielte damals Handball und hatte gerade meine Lehre zum Metzger abgeschlossen. Plötzlich ging nichts mehr! Nach einer Woche Rumjammern habe ich mir gesagt, es bringt alles nichts. Es muss irgendwie weitergehen. Ich muss aufstehen und weitermachen.

Ich habe mich dann zum Bürokaufmann umschulen lassen und eine mechanische Standard-Beinprothese bekommen. Sport war damit allerdings nicht möglich. Die Prothese wollte ich am liebsten verstecken: Ich habe viele negative Erfahrungen damit gemacht, Zurückweisungen erlitten. Vor 18 Jahren lernte ich meine Frau Carmen kennen. Sie sagte zu mir: ,Es ist doch egal, wie viele Beine du hast, solange es bei uns beiden auf menschlicher Ebene passt.‘ Sie hat mir dabei geholfen, den medizinischen Dienst davon zu überzeugen, dass ich eine Hightech-Beinprothese brauche, um wieder am Leben teilnehmen zu können. Diese wird über sechs Mikroprozessoren gesteuert. Damit kann ich bis zu 30 Sportarten ausüben. Inzwischen bestreite ich erfolgreich Nordic Walking-Wettkämpfe – in einer Gruppe mit ,Zweibeinern‘! Ende des Jahres nehme ich an einem öffentlichen Boxkampf teil.

Ich möchte andere Betroffene motivieren, inspirieren und ihnen die Angst vor der Zukunft nehmen. In Deutschland ist das Thema Behinderung immer noch tabu. Das muss endlich aufhören! Doch dafür braucht es Aufklärung. Mein Herzenswunsch ist es, in Kindergärten und Schulen zu gehen, um mit jungen Menschen über meine Geschichte zu sprechen.“

Mehr Informationen zu Mike Schmitz und seinem Leben mit Prothese gibt es auf der Facebook-Seite „Mike macht Mut."

 

Sich selbst glücklich machen"

Ja, diese Frau ist Zumba-Trainerin! Fünf Mal pro Woche gibt Jacqueline Gradtke (33) als Kursleiterin den Takt vor. Der Tanzsport gibt ihr Selbstbewusstsein und Optimismus:

„Alle in meiner Familie sind schlank. Ich bin die einzige, die Übergewicht hat. Mit zehn Jahren habe ich meine erste Diät gemacht. Das hat in mir das Gefühl ausgelöst, nicht passend, nicht gut genug zu sein. Deshalb habe ich mehr Gas gegeben als andere. Ich war immer die, die mehr geleistet hat. Um allen zu beweisen, dass auch ich etwas wert bin.

Ich bin einem Ideal hinterhergejagt. Solange, bis ich krank geworden bin. Ich hatte über Monate hinweg starke Schmerzen. Es stellte sich heraus, dass ich Endometriose habe. Ich hatte Entzündungen und Wucherungen im gesamten Bauchbereich. Damals sagte man mir, dass ich zu krank sei, um weiterzuarbeiten. Mir wurde klar: Sobald man einem gewissen Schema nicht mehr entspricht, wird man abgehakt.

Aus dem Tief habe ich mich dann selbst herausgeholt, indem ich mich von den Menschen, die mir nicht guttaten, abgewandt habe. Ich wollte mich selbst glücklich machen und nicht mehr anderen gefallen. Geholfen hat mir dabei meine Leidenschaft für den Tanzsport Zumba. Klar, in meinen Kursen wird auch mal getuschelt. Wenn man übergewichtig ist, fällt man aus dem Raster. Es hat aber noch nie einer der Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Beginn des Kurses den Raum verlassen. Alle haben mir die Chance gegeben, zu zeigen, was ich kann. Wir sollten andere Menschen nicht aufgrund körperlicher Makel, ihrer Religion oder Hautfarbe bewerten, sondern den Menschen als Ganzes in den Blick nehmen. Es wäre doch viel besser, von der Vielfältigkeit, die uns ausmacht, zu profitieren."

Jacqueline Gradtke bietet über die Internetplattform Zoom Zumba-Kurse an. Kontakt per E-Mail: j.gradtke@web.de

Text Kathrin Brüggemann

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