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Foto: shutterstock.com/Versta

Juni 2026

WIE GESCHWISTER UNS PRÄGEN
Über Nähe, Rivalität und die Suche nach dem eigenen Platz

Sie sind Vorbild und Verbündete – und auch ein Spiegel unserer selbst: Geschwister. Über ihren Einfluss auf unser Leben sprach BENE-Redakteurin Maria Kindler mit der Soziologin Dr. Marion Fischer-Neumann, die zu diesem Thema forscht, zuletzt an der Universität Duisburg-Essen.  

BENE: Welche Rolle spielen Geschwister für unsere Entwicklung?

Dr. Marion Fischer-Neumann: Geschwisterbeziehungen sind eine der prägendsten sozialen Beziehungen überhaupt. Sie bestehen oft ein Leben lang und sind anders als Freundschaften oder Partnerschaften nicht frei gewählt. Mit Geschwistern müssen wir umgehen, so wie sie sind. Diese Unausweichlichkeit schafft eine besondere Vertrautheit: Man kennt sich, teilt gemeinsame Erfahrungen und spricht oft direkter miteinander. Diese Nähe bringt aber auch Konflikte mit sich. Für die persönliche Entwicklung ist beides wichtig: Auseinandersetzungen fördern soziale und emotionale Kompetenzen, Vertrautheit sorgt für Stabilität.

Was lernen wir von Geschwistern, was wir von Eltern nicht lernen?

Von Eltern übernehmen Kinder vor allem Regeln, Werte und Orientierung. Mit Geschwistern lernen sie, nachzugeben, sich durchzusetzen und zu kooperieren. Geschwister sind wichtige Vergleichspersonen: Sie wachsen unter ähnlichen Bedingungen auf. Kinder orientieren sich an ihnen, imitieren sie oder grenzen sich bewusst ab. Das fördert die  Entwicklung der eigenen Identität. Eltern können das so nicht leisten. Wie stark der Einfluss von Geschwistern ist, hängt auch vom Altersabstand, Geschlecht und von der Beziehung zu den Eltern ab.

Erstgeboren, Sandwichkind, Nesthäkchen: Wie prägt die Reihenfolge?

Studien finden nur kleine Effekte wie etwa bessere Leistungen in der Schule bei Erstgeborenen und etwas stärkere soziale Kompetenzen bei jüngeren Geschwistern. Stabile Persönlichkeitsunterschiede gibt es kaum. Entscheidend ist das familiäre Umfeld und wie Eltern Aufmerksamkeit und Mittel verteilen. 

Wie verändern sich Geschwisterbeziehungen im Laufe des Lebens? 

Deutlich. Geschwisterbeziehungen sind in der Kindheit meist intensiv, mit enger Nähe, aber auch vielen Konflikten. Im Erwachsenenalter werden sie oft harmonischer, aber durch Auszug, Partnerschaft oder eigene Familie distanzierter. Meist kommen sich Geschwister im Alter wieder näher, etwa über die Pflege oder den Verlust der Eltern. 

Welche neuen Erkenntnisse gibt es aus der Familiensoziologie?

Früher standen vor allem Eltern im Zentrum. Heute gelten Geschwister nicht mehr als Nebenfiguren, sondern prägen Persönlichkeit und Lebenswege mit – im Zusammenspiel mit den Eltern. Familien werden heute als vernetztes Gefüge verstanden, in dem sich Einflüsse auch gegenseitig verstärken oder ausgleichen können.

Müssen sich Einzelkinder jetzt Sorgen machen?  

Geschwister sind kein Muss für eine gute Entwicklung. Studien zeigen, dass Einzelkinder kognitiv und schulisch oft ähnlich gut oder sogar besser abschneiden – auch weil sie die volle Aufmerksamkeit der Eltern haben. Wichtig für Einzelkinder sind stabile Beziehungen auch außerhalb der Familie und ein unterstützendes soziales Umfeld: Schule, Vereine und Freundschaften bieten ähnliche Entwicklungsräume wie Geschwister. 

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