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Das macht mich stark! In der Krise Kraft finden

Grundschullehrerin Mariella von der Burg, Foto: Achim Pohl

„Nicht immer stark sein müssen“

Im Deutschunterricht von Mariella von der Burg (38) steht der Buchstabe D auf dem Stundenplan. Passend dazu hat die 38-Jährige, die seit sieben Jahren als Lehrerin an der Weiltor-Grundschule St. Franziskus in Hattingen arbeitet, einen Drachen an die Tafel gemalt. Kraftvoll speit er Feuer. Das Thema Kraft spielt in von der Burgs Leben seit ihrer Erkrankung an einer Depression eine zentrale Rolle.

„Ich weiß sehr gut, wie es ist, wenn man keine Kraft mehr hat. Das erste Mal habe ich das im Studium gespürt. Damals habe ich Ansprüche an mich gestellt, die ich gar nicht erfüllen konnte. Nach einer Reise durch Südamerika ging es mir immer schlechter. Ich habe eine Trennung durchgemacht, war auf der Suche nach einer neuen Wohnung. Meine Gedanken kreisten ununterbrochen, sodass ich kaum noch schlief. Ich verlor die emotionale Verbindung zu Freunden und zur Familie. Und ich war mir sicher, dass mich niemand versteht. Auch Gott nicht. Wo war er in der Zeit, in der ich keinen Sinn mehr in meinem Leben sah? Das fragte ich mich immer wieder.

Dann fing mein Referendariat an der Grundschule an. Ich wurde am ersten Tag durch die Klassenräume geführt und dachte mir: Wie soll ich das bloß schaffen? Zum Glück haben meine Kolleginnen und Kollegen mich sehr nett in Empfang genommen. Und das Unterrichten machte mir Spaß. Meine Schülerinnen und Schüler riefen mir zum Abschied ,Bis morgen, Frau von der Burg' zu. Da musste ich am nächsten Tag einfach wiederkommen, auch wenn ich mich lieber zu Hause verkrochen hätte. Im Job funktionierte ich, privat hatte ich nichts mehr im Griff. Bei meinem Hausarzt bekam ich schließlich Hilfe. Er verschrieb mir Medikamente und verordnete mir regelmäßige Besuche bei einem Psychotherapeuten.

Mittlerweile geht es mir wieder viel besser. Natürlich habe ich mal schlechte Tage – wie alle anderen Menschen auch. Mir ist bewusst, dass mich die Depression noch mal erwischen kann. Aber das macht mir keine Angst. Ich habe ,Werkzeuge‘ entwickeln müssen und dürfen, auf die ich bei Bedarf zurückgreifen kann. Wenn es mir mal nicht gut geht, reduziere ich den Stress und suche den Kontakt zu guten Freunden.

Mich macht stark, zu wissen, dass ich nicht immer stark sein muss. Ich finde es schön, für andere da sein zu können, so wie ich es tagtäglich in der Schule bin. Das ist für mich diese spezielle Art der Verantwortung, die ich als besonders sinnstiftend empfinde. Dank meiner Vorgeschichte bin ich sensibel für die Probleme anderer. Sobald meine Schülerinnen und Schüler etwas belastet, vermittle ich ihnen, dass es völlig in Ordnung ist, wenn man mal Angst hat, traurig ist oder etwas doof findet. Wenn sie mit meiner Hilfe ebenfalls stärker werden, wäre das wundervoll.“

Einsamen Menschen Lebensfreude schenken

Wenn Moritz Bott (28) vor der Tür steht, geht die Sonne auf. Für viele Seniorinnen und Senioren aus Gelsenkirchen ist der Sozialarbeiter ein echter Lichtblick. Bott besucht alte und einsame Menschen, um ihnen neue Kraft zu geben. Er leitet in Gelsenkirchen das Malteser-Projekt „Miteinander – Füreinander: Kontakt und Gemeinschaft im Alter“, das bundesweit an 100 Standorten angeboten wird.

„Einsamkeit ist in unserer Gesellschaft ein Thema, das vor allem Ältere betrifft. Wir möchten Menschen über 70 dazu ermutigen, ihre vier Wände zu verlassen, um mal etwas Neues zu erleben. Viele wissen gar nicht, was für tolle Angebote es in ihrem Stadtteil gibt. Deshalb informieren wir sie über Veranstaltungen und Organisationen in ihrer Nähe.

Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter helfen mir bei den Hausbesuchen – alles junge Leute, die für ihren Job brennen! Wenn Jung und Alt sich treffen, profitieren beide Seiten davon. Die Jungen erhalten viel Dankbarkeit, die Älteren freuen sich über die Unterstützung. Viele der Menschen, die Hilfe von uns brauchen, haben kein Internet. Da sind wir dann so eine Art mobiles Google-Lexikon.

Wir springen nicht nur ein, wenn es um die Gestaltung der Freizeit geht. Wir vermitteln ältere Menschen auch an die städtische Pflegeberatung. Einige von ihnen schaffen es nicht, sich selbst Hilfe zu holen. Oder es ist ihnen peinlich, zuzugeben, dass sie nicht mehr allein zurechtkommen.

Manchmal leisten wir den älteren Semestern einfach nur etwas Gesellschaft. Mit einer Dame aus Gelsenkirchen haben wir uns kürzlich mehr als zwei Stunden unterhalten. Einsame Menschen zu unterstützen, gibt mir Kraft und Stärke, die ich wiederum in das Projekt stecke. Mir ist es wichtig, Lebensfreude zu vermitteln. Die sollten wir bis ins hohe Alter haben.“

Wenn Sie sich selbst oder eine andere Person für das Projekt in Gelsenkirchen anmelden möchten oder wenn Sie Lust auf eine ehrenamtliche Mithilfe bei den Maltesern im Bistum Essen haben, können Sie Moritz Bott unter der Telefonnum- mer 0800 755-2561 kontaktieren.

Weitere Informationen zu dem Projekt finden Sie im Internet unter www.malteser.de/standorte/malteser-im-bistum- essen. Langfristig soll das Projekt auf weitere Städte im Ruhrbistum ausgeweitet werden.

Mut machen und Ängste nehmen

Kinder schon früh zu stärken: Das ist das Ziel von Meryem Sönmez (28). Dafür arbeitet die Erziehungswissenschaftlerin bei RuhrFutur mit vielen Expertinnen und Experten aus dem Ruhrgebiet zusammen. RuhrFutur ist eine Essener Bildungsinitiative, die vom Land Nordrhein-Westfalen und vom Regionalverband Ruhr gefördert wird. Sönmez plant Seminare und entwickelt neue Projekte. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist das Thema Resilienz.

„Unter Resilienz versteht man die Fähigkeit, innere Kräfte zu mobilisieren, um Probleme zu bewältigen. Je früher Kinder das können, desto besser ist das. Sie gehen schließlich auch schon durch Krisen oder stehen vor Herausforderungen. Vor allem dann, wenn ihr Leben schwierig ist. Das kann bei Armut der Eltern, Trennungen, Flucht- und Kriegserfahrungen oder auch bei einer Pandemie der Fall sein. Laut aktueller Forschungen ist die Resilienz eines Menschen bis zu 75 Prozent vom Umfeld formbar.

Was Kinder stark macht, ist die enge Bindung zu einer Person, die an sie glaubt und die zu ihnen sagt: Ihr schafft das! Im Idealfall sind das beide Eltern oder ein Elternteil. Es kann aber auch die Sporttrainerin oder der Klassenlehrer sein. Mut machen und Ängste nehmen – darum geht es! Auch die soziale Kompetenz ist wichtig. Wenn Kinder wissen, wie sie Teil einer Gruppe werden, macht das ihr Leben leichter. Deshalb haben wir das Projekt ,Kinderstubenentwickelt. Das ist ein Angebot, mit dem wir Ein- bis Vierjährige aus neu zugewanderten Familien auf den Besuch des Kindergartens vorbereiten möchten.

Wir bringen den Kleinkindern auf spielerische Art und Weise bei, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen können. Wenn sie zum Beispiel wütend sind, überlegen wir gemeinsam mit ihnen, wie sie sich beruhigen können. Manchmal reichen da schon Kleinigkeiten: sich hinlegen, tief durchatmen oder in einem Buch blättern.

Ein Kind, das Angst vor einer bestimmten Aufgabe hat, kann man fragen, was es bisher schon alles geschafft hat. Vielleicht erinnert es sich dann daran, wie es das Radfahren gelernt hat oder wie es sich das erste Mal allein die Schnürsenkel zubin- den konnte. Wenn Kinder sich ernst genommen, unterstützt und sicher fühlen, stärkt das ihre Widerstandskraft enorm.“

Die Bildungsinitiative RuhrFutur hat das Ziel, das Bildungssystem in der Metropole Ruhr leistungsfähiger zu machen, damit Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unabhängig von ihrer Herkunft faire Bildungschancen haben.

Wenn Sie mehr über das Thema Resilienz erfahren möchten, finden Sie Informationen zu kostenlosen Seminaren für Eltern und Fachkräfte unter www.ruhrfutur.de. Wie man Kinder im Umgang mit eigenen Gefühlen und Gedanken spielerisch fördern kann, zeigt unter anderem die Internetseite www.superheldenkids.de.

Texte Kathrin Brüggemann

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