Teaser 4

„Kein Leid auf dieser Erde hat das letzte Wort“

Bischof Franz-Josef Overbeck

Liebe Leserinnen und Leser!

Das hätten wir uns zu Beginn des Jahres nicht vorstellen können, was in den letzten Wochen Wirklichkeit geworden ist: Ein Virus stellt unser gesamtes Leben auf den Kopf. Bis zu diesem Frühjahr kannten wir nur von Fernsehbildern aus anderen Regionen der Welt, was nahezu über Nacht zur Wirklichkeit unseres Alltags wurde: leer gefegte Innenstädte, Ausgangsbeschränkungen, Kontaktverbote, Quarantäne für viele Menschen, Absage aller öffentlichen Veranstaltungen und vieles mehr. Dass wir Christen unsere Gottesdienste komplett einstellen müssen und selbst zu Ostern, unserem höchsten Festtag, davon keine Ausnahme machen konnten, hätte ich nicht für möglich gehalten. Es ist ein Ausnahmezustand, wie ihn die meisten von uns noch nie erlebt haben.

Was mich beeindruckt in diesen Wochen, ist die große Solidarität, die sich unter uns breitgemacht hat: Die große Mehrheit in unserem Land ist sich einig, dass wir alles tun müssen, um Leben zu schützen und zu retten. Alles andere steht dahinter zurück. Ein starkes Zeichen. Viele Menschen wachsen über sich hinaus in ihrem Einsatz, um diese Krisensituation zu steuern und zu bewältigen. Ein großer Zusammenhalt ist zu spüren, der sich in vielen Hilfsaktionen zeigt, die vielerorts entstehen:Besuchsdienste, Nachbarschafts-hilfen und vieles mehr. Viele Brücken werden gebaut, um angesichts der notwendigen körperlichen Distanz miteinander in Verbindung zu bleiben. Das gute alte Telefon, aber vor allem die modernen digitalen Möglichkeiten helfen, einander nahe zu bleiben.

Für uns Christen sind auch das Aneinander-Denken und das Füreinander-Beten eine Hilfe, um verbunden zu bleiben und nicht zu sehr den Ängsten zu erliegen. Viele haben Gottesdienste oder Impulse im Internet verfolgt. Auf erstaunliche Resonanz ist eine Initiative aus Oberhausen gestoßen, an jedem Abend eine Kerze ins Fenster zu stellen und jeweils um 19 Uhr – vielerorts auch um 19.30 Uhr – miteinander das „Vaterunser“ zu beten. All das tut gut, tröstet und ermutigt in diesen Wochen und Monaten der Ungewissheit. Niemand von uns aber weiß, wann die Corona-Pandemie überwunden sein wird. Das ist das Bedrückende: Uns wird vor Augen geführt, dass unser normales Leben gar nicht so „normal“ ist. Von einem Tag auf den anderen kann alles plötzlich ganz anders sein.

Das Leben auf dieser Erde ist eine unsichere Angelegenheit. Wir müssen mit Grenzen und Bedrohungen vielerlei Art leben – und eine befriedigende Antwort auf die Frage nach dem „Warum?“ gibt es nicht. Auch als gläubiger Christ bin ich sprachlos angesichts des Leids, das uns Menschen auf dieser Erde zugemutet wird – und das noch dazu oft sehr ungerecht
verteilt ist.

Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass sich die Corona-Katastrophe ausgerechnet in der Passions- und Osterzeit zuspitzte: Wir Christen erinnern uns in dieser Zeit daran, dass auch der Gottessohn Jesus das menschliche Leben mit seinen bitteren und leidvollen Seiten durchgestanden hat. Aber das Leid hatte für ihn nicht das letzte Wort; vielmehr war es ein Durchbruch zu neuem und unendlichem Leben.

Mir gibt diese zentrale Botschaft des christlichen Glaubens jede Menge Mut und Zuversicht: Kein Leid auf dieser Erde hat das letzte Wort. Wir kommen zwar nicht daran vorbei, aber wir kommen hindurch, und wir können es auch überwinden. Es steht nicht in unserer Macht, für ein leidfreies Leben zu sorgen. Aber wir können zusammenhalten, einander beistehen und miteinander alles Menschenmögliche tun, um entstandenes Leid zu lindern, einzudämmen und zu überwinden.

Wir bezeugen unsere Größe, wenn wir in der Krise und im Leid menschlich und liebevoll bleiben – und fest daran glauben, dass wir auch in den dunklen Zeiten auf dieser Erde von der lichtvollen Güte Gottes begleitet werden. Gerne bete ich im 139. Psalm den vertrauensvollen Satz: „Du, Gott, bist vertraut mit all meinen Wegen; von hinten und von vorn hast du mich umschlossen, hast deine Hand auf mich gelegt. Auch die Finsternis ist nicht finster vor dir, die Nachtleuchtet wie der Tag, wie das Licht wird die Finsternis.“

Während ich diese Zeilen schreibe, befinden wir uns noch mitten in der Krise – und ich weiß nicht, was sein wird, wenn Sie diese BENE-Ausgabe in Ihren Händen halten. Was auch immer sein mag – ich hoffe und vertraue darauf, dass Gott uns allen miteinander die Kraft geben wird, diese schwierige Zeit nicht nur durchzuhalten, sondern auch mit Solidarität und Nächstenliebe zu gestalten und zu verwandeln.

Kommen Sie alle gut behütet durch diese Zeit!

Ihr Franz-Josef Overbeck