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September 2026

DAS IMMUNSYSTEM UNSERER SEELE

Was lässt sich den Stürmen des Lebens entgegensetzen? Eine persönliche Antwortsuche von BENE-Autorin Jutta Oster

Ein dickes Fell, bitte! Oder meinetwegen darf es auch gerne eine ganze Ritterrüstung sein. Silbern glänzend und aus dickem Metall, an der spitze Bemerkungen einfach abprallen und mich nicht mehr verletzen. Eine Rüstung, die all den Zumutungen des Alltags standhält. Wer hätte sich solch ein dickes Fell oder eine Ritterrüstung nicht schon mal gewünscht? Die gute Nachricht aber ist: Wir besitzen sie bereits. Jeder Mensch hat ein gewisses Maß an Resilienz, der Fähigkeit zu Belastbarkeit und innerer Stärke. Sie ist das Rüstzeug unserer Seele, das uns auch mit den Widrigkeiten des Lebens umgehen lässt – und dafür sorgt, dass wir dennoch berührbar bleiben.

Es gibt immer wieder Menschen, die in ihrem Leben außergewöhnliche Stärke zeigen: bekannte Namen wie der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela, der fast drei Jahrzehnte im Gefängnis verbrachte und dennoch seine Vision von einer gleichen und gerechten Gesellschaft niemals aus den Augen verlor. Oder der britische Astrophysiker Stephen Hawking, der trotz unheilbarer Krankheit bahnbrechende Forschung leistete. 

Neben ihnen gibt es aber auch viele unbekannte Menschen, die sich nach schweren Schlägen wieder aufrappeln und eine Art leise Resilienz zeigen. Mich persönlich hat ein Fernsehbeitrag in der Reportage-Reihe „37 Grad“ sehr berührt, in dem die 106-jährige Friedel Zimmer-mann aus ihrem Leben erzählte. Sie verlor früh ihren Mann im Zweiten Weltkrieg, zog ihre beiden Söhne allein groß, erlebte Flucht und Hunger. Dennoch hat sie sich  eine Haltung bewahrt, die sie so beschreibt: „Man kann sich ja auch angewöhnen, im Leben immer unglücklich zu sein. Oder die lächelnde Seite zu wählen. Ich habe die lächelnde Seite gewählt. Ich glaube, die ist besser.“

Die lächelnde Seite wählen – ein schönes Bild dafür, sich vom Leben und von seinen Stürmen nicht unterkriegen zu lassen. Menschen mit starker Resilienz, großer innerer Stärke, verkraften Schicksalsschläge leichter und gehen stabiler aus Krisen hervor. Wo kommt diese Widerstandskraft her? Sicher gehört sie auch zu dem genetischen Rüstzeug, mit dem wir auf die Welt kommen. Doch gleichzeitig ist sie dynamisch und veränderbar, lässt sich trainieren wie ein Muskel. 

Eine aktuelle Studie des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung in Mainz und weiterer Partner hat gezeigt, dass Resilienz kein starrer Grundzustand ist, sondern aktiven Veränderungen im Gehirn unterliegt. So wie das Immunsystem unseres Körpers durch gesunde Ernährung, Bewegung und Schlaf gestärkt wird, können – und sollten – wir auch einiges für eine starke Abwehr unserer Seele tun. Und das gelingt bis ins hohe Alter. Gerade ältere Menschen haben einen Erfahrungsschatz, der ihnen hilft, mit Krisen besser fertigzuwerden. Eine wesentliche Rolle spielt auch der eigene Glaube. An einen guten und barmherzigen Gott zu glauben, kann Menschen stark machen, trösten und miteinander verbinden.

Stärke wird tagtäglich gebraucht. Oftmals sind es gar nicht die großen Schicksalsschläge, sondern die kleinen Ärgernisse des Alltags, die sich zu einer Last summieren. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält Stress für eine der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts. Und davon sind die Deutschen stark betroffen: Laut Stressreport der Techniker Krankenkasse fühlen sich zwei Drittel der Menschen häufig oder manchmal gestresst, vor allem von dem hohen Anspruch an sich selbst (61 Prozent), von Beruf, Schule oder Studium (58 Prozent) und von politischen und gesellschaftlichen Problemen (53 Prozent).

Was kann jeder Mensch tun, um dem entgegenzuwirken und die Seele gesund zu halten? Erste Ansatzpunkte dazu hat die US-Amerikanerin Emmy Werner ermittelt, die als Begründerin der Resilienzforschung gilt. Sie begleitete über mehr als 40 Jahre hinweg fast 700 Kinder, die auf der hawaiianischen Insel Kauai unter schwierigen Bedingungen aufwuchsen. Manche Kinder entwickelten selbst Probleme, andere aber gingen ihren Weg. Was sie verband: Sie suchten sich Verbündete inner- und außerhalb ihrer Familien, glaubten an die eigene Kraft und waren optimistisch und aufgeschlossen. Emmy Werner schuf damit das Fundament für das, was wir heute über Resilienz wissen. 

Wie lässt sich die eigene innere Widerstandskraft wirksam stärken? Auf diese Faktoren kommt es dabei an:  

1.    Kontakte pflegen:
Enge Beziehungen gehören zu unseren wichtigsten Kraft- und Glücksquellen. Sie tragen auch durch Krisen. Ein guter Grund also, Freundschaften, die eigene Partnerschaft und familiäre Beziehungen bewusst zu pflegen, in guten wie in schlechten Zeiten.
Wem schreiben Sie heute eine liebe Nachricht oder wen rufen Sie an?

2.    Zuversichtlich bleiben:
Wer sich Mut und Optimismus bewahrt, weitet seinen Blick – und entdeckt neue Handlungsspielräume statt Hürden. Manchmal gehört dazu aber auch Akzeptanz: die Einsicht, dass sich bestimmte Dinge einfach nicht ändern lassen. Achten Sie heute mal bewusst darauf, welche Gedanken Ihnen Kraft geben!

3.    Gut auf sich selbst achten:
Ein Auto streikt, wenn sein Tank oder Akku leer ist. Ebenso muss der Mensch sorgfältig darauf achten, dass sein Energietank immer gut gefüllt ist. Das gelingt zum Beispiel durch Tätigkeiten, die Kraft und Lebensfreude schenken, und durch ausreichende Entspannungszeiten.
Für welche Ihrer Lieblingsbeschäftigungen nehmen Sie sich heute eine halbe Stunde Zeit? 

4.    Ziele setzen und Sinn finden:

Herausfordernde Ziele, etwa im Beruf, Hobby oder Ehrenamt, stärken das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können und einen sinnvollen Beitrag im eigenen Leben zu leisten.
Welches Projekt möchten Sie schon lange angehen und mit 
welchem kleinen Schritt können Sie heute beginnen?

5.    Das eigene Selbstvertrauen stärken:
Gerade wenn es im Leben stürmisch zugeht, kann es helfen, sich der eigenen Stärken zu versichern. Nehmen Sie sich etwas Zeit und schreiben Sie sich auf, welche Schwierigkeiten Sie schon in der Vergangenheit bewältigt haben und welche Fähigkeiten Ihnen dabei geholfen haben. Solch eine Rückschau stärkt das Vertrauen in die eigene Stärke.
Schreiben Sie doch heute mal drei Ihrer Stärken auf!

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