Bewusstsein

Ja, ich bin depressiv! Neustart nach der Erkrankung

Andreas Crüsemann in der Volkshochschule Essen (VHS)

Andreas Crüsemann beim zehnjährigen Jubiläum des "Essener Bündnisses gegen Depressionen" in der Volkshochschule Essen (VHS).

Ausgebremst

TOPMANAGER ANDREAS CRÜSEMANN (51) AUS ESSEN WAR
AUF DER ÜBERHOLSPUR – BIS IHN EIN SCHWERER UNFALL AUS
DER BAHN WARF. ER WURDE DEPRESSIV, VERLOR JOB, ANSEHEN,
STATUS. EINES BEHIELT ER: SEINEN MUT.

Eine fehlende Bodenplatte ist es, die Andreas Crüsemann zu Fall bringt. Er geht mit mehreren Kollegen durch eine Fußgängerzone in Baden-Baden, fachsimpelt mit ihnen über einen Fachvortrag, den er zuvor beim Filmtheater-Kongress gehalten hatte. Sein Schritt ist zügig, er darf keine Zeit verlieren: Die nächste Veranstaltung wartet schon. „Ich habe das acht Zentimeter tiefe Loch in der Fußgängerzone einfach übersehen", sagt er rückblickend. Er fällt auf seine rechte Gesichtshälfte. Das ist der Moment, der sein Leben verlangsamt.

Bis dahin hatte Andreas Crüsemann aufs Gaspedal gedrückt. „Ich bin 30 Jahre lang über meine Grenzen gegangen", gibt er zu. „Mein Beruf war mir wichtig. Zu wichtig." Der Betriebswirt aus Essen erklimmt die Karriereleiter im Eiltempo, schafft es bis zur nationalen Marketing- und Vertriebsleitung eines Kino-Marktführers. Jahrzehntelang ackert er mehr als 60 Stunden pro Woche. „Ich bin so so sozialisiert, dass ich mir selbst viel Stress mache und versuche, in allem perfekt zu sein", so der zweifache Vater, der aus einer leistungsorientierten Familie stammt. Sein Großvater und sein Vater führten bis zur Kohlekrise ein vom Urgroßvater gegründetes Stahlbau-Unternehmen.

Kurz vor seinem Unfall war Andreas Crüsemann auf dem Höhepunkt seiner Karriere, arbeitete wochenlang rund um die Uhr. Trotz Lebensmittelvergiftung und Fieber rast er durch sein Leben. „Der liebe Gott hat mir Hinweise gegeben, das Tempo rauszunehmen, aber ich habe sie ignoriert. Ich kannte keine Entspannung, keine Ruhe. Es war kein Wunder, dass ich das Loch im Boden nicht mehr wahrgenommen habe." Nach dem Sturz nimmt sich sein Körper das Recht, das Andreas Crüsemann ihm jahrzehntelang verwehrt hatte: Er baut ab und funktioniert nicht mehr so, wie er soll. Die Makula, der schärfste Punkt des Sehens, platzt erst auf dem rechten und ein Jahr später auf dem linken Auge auf. Andreas Crüsemann droht zu erblinden. „Das war ein Albtraum", sagt er leise, dreht an seinem Ehering. Plötzlich ist er es, der Hilfe braucht, der sich in seiner Welt nicht mehr allein zurechtfindet. Drei Operationen muss er über sich ergehen lassen. „Ich hatte Glück. Die Sehkraft kam irgendwann wieder", sagt er. „Aber das Gehirn musste lernen, mit einem neuen Bild klarzukommen." 

Von da an sieht Andreas Crüsemann Gegenstände wie auf einer welligen Leinwand. Sein Gesichtsfeld ist eingeschränkt, er streift beim Spazierengehen Laternenpfähle, bleibt an Straßenschildern hängen. Nach einer Routineuntersuchung am linken Auge bricht er zusammen. „Als ich auf dem Röntgenbild sah, dass die Makula am linken Auge erneut voller Zysten war, war ich völlig am Ende." Danach entwickeln Körper und Geist Symptome, die er nicht einordnen kann:Panikattacken, Kribbeln im Bein, Schlaflosigkeit, Piepen im Ohr, Rücken- und Gliederschmerzen, Herzrasen. Erst als sein Arzt ihm sagt, dass es für die somatischen Symptome keine Ursache gibt, sucht er einen Therapeuten auf. Der erkennt schnell, dass Andreas Crüsemann an einer schweren Depression leidet. „Als ich das gehört habe, konnte ich damit erstmal nichts anfangen", so der gebürtige Essener. „In Deutschland spricht man über das Thema ja leider so gut wie gar nicht in der Öffentlichkeit.  

Eine befreundete Personalerin rät ihm, seinem Arbeitgeber die Depression zu verschweigen und stattdessen einen Burnout vorzuschieben. Das würde besser klingen. „Zum Glück habe ich das nicht gemacht", so Andreas Crüsemann. „Auch wenn die Depression zunächst als Schwäche wahrgenommen wird, ist es eine große Stärke, dazu zu stehen. Natürlich muss jeder selbst entscheiden, wie offen er mit seiner Erkrankung umgehen möchte. In meinem Fall war es richtig, das Gespräch mit meinem Arbeitgeber zu suchen." Denn nur so kann er seine krankheitsbedingte achtmonatige Ausfallzeit begründen. Sein Chef steht hinter ihm, hilft ihm bei einer betrieblichen Wiedereingliederungsmaßnahme (BEM). Doch Andreas Crüsemann ist nicht mehr so leistungsfähig wie vor seiner Erkrankung. „Obwohl ich wieder besser sehen konnte, funktionierte ich nicht mehr so, wie es von mir als Führungskraft erwartet wurde." Er ist nicht mehr belastbar, kann nicht mehr mit stressigen Situationen umgehen. Pro Tag kann er nur noch drei bis vier Stunden am Bildschirm arbeiten. Ende 2016 erhält er die Kündigung.

Seitdem wird sein Leben nicht mehr von Termindruck, Kongressen und Meetings bestimmt. Andreas Crüsemann bestimmt jetzt selbst über sein Leben und vor allem: über seine Gesundheit. Er macht eine Ausbildung zum Atemtherapeuten, integriert Achtsamkeitsübungen in seinen Alltag. „Ich versuche generell, meine Umwelt bewusster wahrzunehmen. Früher bin ich durch den Wald gepest, ohne nach links und rechts zu schauen. Inzwischen gehe ich durch den Wald, bleibe auch mal stehen und höre den Vögeln beim Singen zu." Der Job sei ihm weiterhin wichtig, aber er stehe nicht mehr vor der Familie und dem eigenen Wohlbefinden. Da die Depression rezidivierend ist, also unter Umständen jederzeit wiederkommen kann, muss er auf Frühwarnzeichen achten. „Eines dieser Zeichen ist bei mir mein Tinnitus. Sobald das Piepen im Ohr lauter wird, schalte ich einen Gang zurück." Er wird, so sagt er, sein ganzes Leben auf sich achten müssen. Er sei immer noch dünnhäutig und sensibel. Er neige immer noch dazu, sich zu überfordern. „Aber ich bin auch authentisch und empathisch. Mir ist nicht egal, was in der Welt und mit meinen Mitmenschen passiert. Das sind Eigenschaften, die mich und andere Menschen mit Depressionen auszeichnen.

Andreas Crüsemann gibt nicht auf – er qualifiziert sich weiter, macht Praktika, stellt sich Bewerbungsgesprächen. Mit Erfolg: Er schafft es, als Teilzeitmanager bei einer Mülheimer Firma für Kälte- und Klimaanlagen eingestellt zu werden. „Ich habe dort keine Führungsposition mehr, die habe ich auch nicht angestrebt", sagt er. Dass er den Job trotz Sehbehinderung und überwundener schwerer Depression bekommen hat, mache ihm Mut. Ihm sei es wichtig gewesen, von Anfang an mit offenen Karten zu spielen. „Jetzt kann ich mit meiner Chefin gemeinsam überlegen, wie wir meinen Arbeitsplatz so gestalten können, dass wir beide dauerhaft davon profitieren." Das bedeutet für ihn: Genügend Pausen, Hilfsmittel bei der Computerarbeit, Nutzung spezieller Lesegeräte. „Früher habe ich nicht darauf geachtet, wie es mir bei der Arbeit geht. Inzwischen trete ich für meine Bedürfnisse ein und sage ganz klar, wenn mich etwas stört."

 

Hilfe für Menschen mit psychischen Erkrankungen:

Integrationsfachdienst Essen 
www.ifd-essen.de, Tel: 0201/7494570

Palette an der Ruhr e.V. 
www.palette-an-der-ruhr.de, Tel.: 0201/2465369

Essener Bündnis gegen Depression: www.ebgd.de

Sollten Sie darüber hinaus Hilfe im Gespräch wünschen, können Sie Tag und Nacht vertraulich, anonym und gebührenfrei die Telefonseelsorge unter der Telefonnummer 0800/1110-111 und 0800/1110-222 oder unter www.telefonseelsorge.de erreichen.

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