Teaser 2

„Ich möchte nicht einfach dasitzen und warten“

Franziska Knost, Foto: Felix Eisenmeiser

"ICH MÖCHTE NICHT EINFACH DASITZEN UND WARTEN"

Diese Stimme! Sie klingt warm und cool zugleich. Freundlich, vertrauenserweckend und lebensfroh. Dass man Franziska Knost einfach gerne zuhört, hat die 41-Jährige zu ihrem Beruf gemacht. Sie hat als professionelle Sprecherin gearbeitet, Werbungen, TV- und Radiobeiträge vertont. Und sie ist die Stimme von „Etwas Gutes für mich“, eines vom Bistum Essen entwickelten Angebots für Alexa, den digitalen Sprachassistenten. Nun hat Franziska Knost einen Podcast im Auftrag des WDR herausgebracht. „Sick of it“ lautet der Titel der Talkshow zum Hören. Man könnte es übersetzen mit „Nase voll“. Dass hier aber nicht von Erkältungsbeschwerden und dergleichen die Rede ist, macht der Untertitel des Formats direkt klar: „Statements einer Sterbenden“.  Franziska Knost bleibt nicht mehr viel Zeit. Mit BENE-Redakteurin Sandra Gerke sprach die Mutter eines 14-Jährigen Sohnes über das, was sie am Ende ihres Lebens beschäftigt.
 

BENE: Liebe Frau Knost, in Ihrem Podcast gehen Sie offen damit um, dass Sie bald sterben werden. Darf ich Sie des-halb auch ganz offen fragen: Mit welcher Krankheit haben Sie zu tun?

Franziska Knost: Ich habe eine seltene Gen-Mutation, die ver-schiedene Krebsarten begünstigt. Mit 20 Jahren ging es los mit Lymphdrüsenkrebs. Ich musste immer wieder Chemo- und andere Therapien machen. Nach einigen Jahren konnte das gut in Schach gehalten werden. Dann kam mit 23 Hautkrebs dazu, in einem sehr massiven Ausmaß. 2018 habe ich heraus-gefunden, dass ich Brustkrebs habe – zum Glück sehr früh, deswegen konnte ich auch damit letztlich gut leben. Wenn-gleich es natürlich auch immer schockierend ist, diese Diagnosen zu bekommen. Die jetzige Erkrankung ist Bauchspeicheldrüsenkrebs. Der wurde leider nicht frühzeitig erkannt. Er ist so aggressiv, dass es keine Heilungsoption gibt.

Warum war es Ihnen so wichtig, auch in dieser Situation weiterzuarbeiten?

Alles, was wirklich Arbeit war, habe ich sofort abgegeben, da mache ich gar nichts mehr. Die Sache mit dem Podcast ist etwas anderes. Das ist ein echtes Herzensprojekt von mir. Bei der Umsetzung hatte ich nur Menschen um mich, die ich kenne und sehr schätze – anders wäre das überhaupt nicht möglich gewesen. Natürlich ist diese Produktion zeit-weise anstrengend. Aber ich fühle mich immer wieder auch sehr gut. Ich möchte nicht einfach dasitzen und warten, was passiert.

Im Trailer zu Ihrem Podcast kündigen Sie an, über Lebensziele zu sprechen, die Ihnen, wie Sie sie es selbst nennen, aus Ihrer „kranken Perspektive mehr als diskussionswürdig“ erscheinen. Zum Beispiel die Wünsche, dazugehören zu wollen, begehrenswert zu sein oder Karriere zu machen. Können Sie hier ein bisschen darüber erzählen?

Klar. Ich werde zum Beispiel von meinem Podcast-Partner Tamer Jandali nach meiner Erfahrung mit Diskriminierung befragt. Menschen mit einer chronischen Erkrankung oder Behinderung kennen das: Andere sprechen einem – unter dem Deckmantel der Fürsorge – ganze Lebensbereiche ab. Als bei mir der Wunsch aufkam, Mutter zu werden, habe ich zu hören bekommen: „Als kranke Frau? Das ist ja völlig unverantwortlich!“ Oder im Beruf: „Sag das hier am besten nicht öffentlich, dass du krank bist. Sonst traut man dir bestimmte Jobs nicht zu oder hat Sorge, dass man dich überbelasten würde.“ Das hat natürlich auch negativen Einfluss auf die eigene Selbstwirksamkeit. Man traut sich selbst nicht so viel zu. Oder bringt viel Mühe auf, um den Schein zu wahren und so zu tun, als würde man ganz normal zur Leistungsgesellschaft gehören. Was aus meiner Sicht bei vielen sowieso nicht der Fall ist. Ich glaube, da gibt es einige Parallelen zwischen kranken und gesunden Menschen.

Also richtet sich Ihr Podcast an ein ganz breites Publikum?

Genau. Was ich erlebt habe, kennen zwar vor allem kranke Menschen. Aber vielmehr möchte ich Leute ansprechen, die die Erfahrung bisher nicht selbst gemacht haben. Menschen, die vielleicht unbewusst Sätze in den Mund nehmen wie „Gesundheit ist doch das Wichtigste“. Ich möchte deutlich machen, wie oft man andere ausschließt oder ihnen das Gefühl gibt, weniger wert zu sein – ohne es zu wollen. Und ich möchte aus meiner Perspektive bestimmte Dinge, die als gesellschaftlich gesetzt gelten, hinterfragen. Das sind auch Themen wie: „Die große Liebe finden – ist das ein Konzept, dem wir alle nacheifern müssen?“ Oder: „Eine gute Mutter sein – was soll das heißen?“ Viele Frauen hadern sehr mit diesen ganzen Anforderungen. Nicht nur, wenn sie krank sind. Haben Sie das Gefühl, dass Ihr offener Umgang mit dem Sterben auch Ihrer Familie und Ihren Freunden hilft? Absolut! Meine Freundinnen zum Beispiel unterstützen mich total, sie haben mir in Vorbereitung auf den Podcast Dinge in Erinnerung gerufen, die ich zum Teil schon verdrängt hatte. Ebenso meine Schwester, die immer an meiner Seite war. Und dann mein Sohn: Wenn ich manchmal gezweifelt habe, weil das Projekt so viel Kraft gekostet hat, meinte er: „Das schaffst du, mach weiter!“. Ich glaube, er weiß: Der Podcast wird noch mal sehr wichtig werden für ihn.

Was erwarten oder erhoffen Sie, wenn es hier irgendwann mal zu Ende geht? Spielt Glaube eine Rolle?

Ich weiß, dass ich mich auch diesen Fragen stellen sollte. Verdrängen ist immer mein Weg gewesen. Ich bin so beschäftigt mit allem, was gerade passiert, dass der Gedanke daran nur zwischendurch immer mal kurz aufflackert. Ich bin christlich aufgewachsen, habe aber den Bezug dazu verloren. Kirchenmitglied bin ich zwar noch, aber aktiv Platz in meinem Leben hat das nicht. Immerhin spüre ich noch eine Verbundenheit. Demnächst spreche ich mit einem Geistlichen, von dem ich denke, dass er offen genug ist, auch zuzulassen, wenn ich nicht wieder komplett zum Glauben finde. Was kommt nach dem Tod? Die Gedanken schwanken zwischen zwei Extremen. Da ist einmal die Vorstellung „Da ist nichts“. Was mir total Angst machen würde. Und die Vorstellung „Da ist eine liebende Kraft, bei der ich gut aufgehoben bin. Und die mich wieder zusammenführt mit den Liebsten, die ich schon verloren habe“.

Franziska Knost hören! Die Podcast-Reihe „Sick of it – Statements einer Sterbenden“ ist ab sofort in der ARD Audiothek und auf allen gängigen PodcastPlattformen verfügbar, zum Beispiel hier: https://www1.wdr.de/kultur/sick-of-it/podcast-sick-of-it-100.html

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