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Eine grüne Oase – Bestattungskultur heute

Friedhofsgärtner- und verwalter Thomas Seppelfricke
September 2022

EINE GRÜNE OASE
Bestattungskultur im Wandel

Enten ziehen ihre Kreise auf dem kleinen Teich. Ein Insektenhotel wartet auf seine Gäste. Vögel brüten in den Nistkästen. Der Waldfriedhof ist voller Leben. „Bei schönem Wetter nutzen viele Leute die Möglichkeit, über das Gelände zu gehen und sich von der Natur begeistern zu lassen“, sagt Thomas Seppelfricke (Foto).

Der Friedhofsgärtner pflegt und verwaltet seit knapp 40 Jahren die Begräbnisstätten „Am Stäfflingshof“, die zur Großpfarrei St. Augustinus in Gelsenkirchen gehören. Der Friedhof als grüne Oase – eine Entwicklung, die Elke Herrnberger, Sprecherin des Bundesverbandes Deutscher Bestatter, bestätigt: „Mittlerweile haben Friedhöfe in den Großstädten eine wichtige ökologische und klimatische Bedeutung. Sie gelten als Räume für Blumen- und Tiervielfalt und als Ruhezonen, in denen man sich erholen kann.“

Die Nähe zur Natur liegt im Trend. „Beerdigungen unter einem Baum sind momentan besonders beliebt“, so Elke Herrnberger. Das erkannte Thomas Seppelfricke schon vor ein paar Jahren. 2018 ließ er die 800 Quadratmeter große waldähnliche Grabanlage mit vielen Bäumen, Beeten und mehr als 5.000 Blütenstauden für mehr als 30.000 Euro errichten. „Die meisten Menschen sehnen sich bereits zu Lebzeiten danach, Zeit im Wald zu verbringen“, sagt er. „Nachvollziehbar ist daher auch die Idee, dort die letzte Ruhestätte zu finden.“ Die Pflege der Gräber übernimmt er bei Bedarf selbst. „Viele wünschen sich für ihre Angehörigen eine schöne Gedenkstätte“, sagt er. „Aber sie können sich oft nicht selbst darum kümmern, da sie nicht mehr an dem Ort leben, an dem der Verstorbene beerdigt wurde.“

Thomas Seppelfrickes Handy, das in der Brusttasche seines Arbeitsanzuges steckt, steht an diesem Vormittag nicht still. „Besonders gefragt ist momentan der Vorsorgevertrag, mit dem man die eigene Beerdigung schon zu Lebzeiten planen kann“, erzählt er. Knapp 100 Anfragen habe er in den letzten Monaten zu dem Thema bekommen. Mehr als sonst. Das hängt auch mit der Corona-Pandemie zusammen.

„Die Anzahl abgeschlossener Vorsorgeverträge hat in den letzten beiden Jahren deutlich zugenommen“, sagt Bestattungsexpertin Elke Herrnberger. Wie schnell das Leben vorbei sein kann, sei vielen Menschen in dieser dramatischen Zeit bewusst geworden. Das habe immerhin den positiven Nebeneffekt, dass man im Familien- und Freundeskreis bespricht, wie man bestattet werden möchte.

Schon früh den Tod zum Thema zu machen – das ist auch das Ziel von Thomas Seppelfricke. Deshalb bietet er Führungen für Kindergartenkinder an. Seine Mitarbeiterin und er gehen mit den Kleinen über den Friedhof, in die Trauerhalle, zünden mit ihnen Kerzen an und beantworten geduldig ihre Fragen.

Außerdem stellt der Gärtner seinen Friedhof für die praktische Ausbildung der ehrenamtlichen Begräbnis-leiterinnen und -leiter im Bistum Essen zur Verfügung. Die Frauen und Männer werden dazu befähigt, in ihren Gemeinden Wortgottesdienste mit anschließender Beisetzung zu feiern. Auf dem Friedhof in Gelsenkirchen lernen sie, wie eine Beerdigung ordnungsgemäß abläuft und worauf sie achten müssen.

Eine der Begräbnisleiterinnen ist Marianne Maesen aus Oberhausen. Die Rentnerin ist erst seit Kurzem im Dienst. Sie erinnert sich noch gut an die erste Beerdigung, die sie durchführen durfte. Anstatt einer Trauergemeinde in Schwarz hatte sie auf dem Ostfriedhof in Oberhausen 35 Menschen in blauer und weißer Kleidung vor sich. „Der Verstorbene war Schalke-Fan“, erzählt sie. „Er wollte, dass sich seine Verwandten und Freunde in den Farben seines Lieblingsfußballvereins von ihm verabschieden.“ Eine Geste, die Marianne Maesen ans Herz ging. Doch sie unterdrückte ihre eigenen Gefühle: „Es geht nicht um mich“, sagt sie. „Ich habe die Zunge fest gegen den Gaumen gedrückt, damit die Tränen nicht fließen.“  

Die Trauerrede verfasste die gelernte Radiologieassistentin selbst. Zum Abschluss sagte sie zu den Anwesenden: „So segne, tröste und ermutige euch alle unter einem blau-weißen Himmel der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.“ Nach diesem Satz sei am Grab gelacht worden, erzählt Marianne Maesen. Sie kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Mit dem „blau-weißen Himmel“ habe niemand gerechnet. „Beerdigungen sind heute anders als früher“, so die 68-Jährige. „Moderner, individueller, bunter. Dennoch dürfen die traditionellen christlichen Rituale nicht fehlen.“

Auch Thomas Seppelfricke legt Wert auf kirchliche Symbole. In einer seiner Grabanlagen thront ein zum Wasserspiel umgebautes Taufbecken, das Trost spenden soll. Die Gräber sind zum Teil mit immergrünen Eiben verbunden, die für ewiges Leben stehen. Ein Kreuz ist aktuell mit gelben und blauen Pflanzen verziert – ein Zeichen für die Solidarität mit der Ukraine.

An Allerheiligen am 1. November wird Thomas Seppelfricke den Friedhof mit lilafarbenen Blumen schmücken. Das sei die Farbe der Besinnung und des Gebets, sagt er. Außerdem stellt er an dem Tag, an dem viele Menschen auf den Friedhof kommen und ihrer Verstorbenen gedenken, ein Zelt vor der Kapelle auf. Er möchte einen geschützten Ort schaffen, an dem sich die Trauernden bei Kaffee und Keksen ein wenig unterhalten können. „Denn tot ist nur, wer vergessen wird“, sagt der Gärtner. „Wir erinnern uns.“

Eine noch recht neue Möglichkeit, sich an Verstorbene zu erinnern, ist die Trauerhaltestelle, die es bisher nur auf einem Friedhof in Hamburg gibt. „In einem offenen Betongebäude finden Trauernde aller Konfessionen einen Rückzugsort, legen Blumen ab oder schreiben ihre Gedanken mit Kreide an die Wände“, berichtet Bestattungsexpertin Elke Herrnberger. Das Gebäude ist der Witterung ausgesetzt. Die Zeichen werden also mit der Zeit abgewaschen. Für Herrnberger ergibt das Sinn: „Trauer ist ja auch etwas, was wieder vergeht.“

Fragen zum Dienst der ehrenamtlichen Begräbnisleiterinnen und Begräbnisleiter im Bistum Essen beantwortet Theresa Kohlmeyer, Leiterin der Abteilung Liturgie und Glaubenskommunikation, unter Telefon 0201 2204-647.

Weitere Informationen auf www.bestatter.de

Text Kathrin Brüggemann

 

 

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