Bewusstsein

Bewusst leben - nicht nur zur Fastenzeit

Hand aufs Herz: Vierzig Tage fasten? Wer macht das heute noch? Die beginnende Fastenzeit stellt uns alljährlich vor die Frage, ob wir überhaupt noch verzichten oder Opfer bringen können. Die meisten  von uns essen wann, was und wieviel sie wollen. Unsere Gesellschaft ist auf Konsum konditioniert –  Maßhalten hat ausgedient. Wie sollen wir also das Fasten lernen? Und warum überhaupt? Vielleicht  können uns Menschen bestärken, für die Verzicht zum Lebensthema geworden ist. BENE hat eine  Diabetiker-Selbsthilfegruppe in Essen besucht. 

Das Wort „Verzicht“ löst lebhafte Diskussionen aus in der Grup-pe „Pumpe, Pen & Co.“, die sich seit zehn Jahren einmal im Monat im Essener Elisabethkrankenhaus trifft. Bei Thomas Kiene begann die Krankheit vor fünf Jahren mit zunehmender Sehschwäche.  Eine Augenärztin , nicht der Hausarzt, riet ihm zur Untersuchung. Mit 54 erhielt er die Diagnose: Diabetes. Typ 1. Er beschreibt seine Erkrankung so: „Diabetes hat man jeden Tag, 24 Stunden lang.   Es bedeutet ganz klar: Schluss mit Sorglosigkeit!“

Trotz großer medizinischer Fortschritte in den vergangenen zwanzig Jahren, vor allem hinsichtlich der gezielteren Verabreichung von Insulin, will jeder Bissen gut überlegt und kalkuliert sein.  Diabetiker müssen ständig rechnen und auf der Hut sein, sonst kann es lebensgefährlich werden. „Was wir essen, zählen wir in Broteinheiten“, erklärt Barbara Vieth (64), die seit fast 40 Jahren mit Diabetes I lebt. Die verzehrten Kohlenhydrate und Zucker sind entscheidend. Um den Zuckerspiegel in der Balance zu halten, müssen Diabetiker das fehlende Insulin spritzen oder bekommen es über eine katheterähnliche Insulinpumpe gleich in den Blutkreislauf. Wenn die Berechnung nicht stimmt, droht ihnen Unterzuckerung, die zum Koma und im schlimmsten Fall zum Tod füh-ren kann.

„Wenn wir selbst kochen und zubereiten, ist es heutzutage machbar“, sagen alle Betroffenen. Auf jeder Packung Nudeln oder  Tiefkühlpizza sind heute BE-Werte angegeben. Aber was ist mit einem schönen Abendessen beim Italiener? Dort kann niemand verlässlich Auskunft geben. Und so beginnen die Einschränkungen.

„Ich gehe eigentlich nicht aus essen“, gesteht Ursula Bergmann, die schon als Teenager an Diabetes erkrankte. Verzicht ist das für sie nicht. Sie kennt schlimmere Zeiten. Als sie sich, so war es in den 1950er und 60er Jahren üblich, morgens und abends spritzen und alle zwei Stunden essen musste. „Ich wurde dafür sogar nachts geweckt.“ Sie hat gelernt, mit der Krankheit zu leben, empfindet sie sogar in gewisser Weise als Gewinn. „Ich habe gelernt, in mich hineinzuhorchen, mich zurückzunehmen, bewusster zu leben.“ Das ist ihre Botschaft an Menschen, die sich durch eine selbst auferlegte Fastenzeit neue Impulse wünschen: „Selbstachtsamkeit lernen!“

Vera Dietrich ist 69 und hat vor zehn Jahren die Selbsthilfegruppe gegründet. Auf ihr Schicksal trifft das Wort „Verzicht“ allerdings durchaus zu. Mit 13 erlitt sie einen Schock, der den Diabetes auslöste. Drei Tage lag sie im Koma. Sie hat sich vieles verknif-fen in ihrem Leben: Süßigkeiten, Kuchen, Eis. Wissen durften die Freunde das nicht. „Ich habe in der Eisdiele Kaffee getrunken und gesagt: Ich mag kein Eis“, erinnert sie sich.

Petra Allmann ist darauf getrimmt, abends möglichst wenig Kohlenhydrate zu essen. „Es tut mir einfach nicht gut“, erklärt die 54-Jährige. Als Verzicht empfindet sie aber eher, dass die Krankheit „einem die Spontaneität nimmt“. Sich in einer halben Stunde zum Joggen verabreden? Das geht nicht, ohne vorher zu essen, weil sonst beim Sport Unterzuckerung droht. Aber mit vollem Magen Sport treiben? Das kann auch nicht jeder. Und wer weiß schon genau, wie viel er während der sportlichen Betätigung verbrennt, und ob die zugeführte Nahrung für drei oder fünf Kilometer reicht? Dank der Pumpe, die auf den Stoffwechsel des Patienten eingestellt ist, ist vieles leichter geworden. Eine hundertprozentige Sicherheit ist sie jedoch nicht. Und so leben auch die Familien der Diabetiker in ständiger Sorge, dass die Patienten richtig dosiert spritzen, wohl dosiert essen, ständig ihre Zuckerwerte messen, sich nicht übernehmen und auf bestimmte Dinge verzichten.

Vera Dietrich hat nie einen Führerschein gemacht. „Das wurde mir verboten.“ Bei Unterzuckerung wäre sie eine Gefahr im Straßenverkehr gewesen. Barbara Vieth wurde medizinisch verord-net, besser keine Kinder zu bekommen, die dann auch an Diabetes hätten erkranken können. Ein echter Verzicht, sagt sie heute. Thomas Kiene trinkt keine Apfelschorle mehr und isst weniger, seit er Diabetes hat. Petra Allmann setzt auf viel Gemüse und  wenig Kohlenhydrate. „Mir sagen die Leute heute: Du lebst ja viel gesünder als ich“, lächelt Vera Dietrich.

Barbara Vieth will sich aber nicht alles verbieten lassen. Manchmal geht einfach ihr Temperament mit ihr durch. „Dann schlage ich auch schon mal über die Stränge ...“ Vom Wort „sündigen“  will sie und wollen die anderen aber nichts hören. „Das hat man ja auch uns Typ-1-Diabetikern früher so oft vorgehalten. Es ist absoluter Quatsch!“

DER UNTERSCHIED ZWISCHEN DIABETES TYP 1 UND 2

Die Bauchspeicheldrüse von Typ-1-Diabetikern produziert kein körpereigenes Insulin mehr. Es wird deshalb gespritzt oder dem Körper mit einer Pumpe zugeführt. Die benötigte Insulindosis richtet sich nach dem blutzuckererhöhenden Kohlenhydratgehalt in der Nahrung. Blutzuckerschwankungen können durch kontrollierte Zusammenstellung der Speisen vermieden werden. Der Typ-1-Diabetiker sollte zusätzlich zu den Kohlenhydraten auch die Aufnahme von Eiweiß und Fett im Auge behalten.

Diabetes Typ 2 ist die Volkskrankheit, von der heutzutage häufig die Rede ist. Typ-2-Diabetiker sind häufig übergewichtig. Ihre Bauchspeicheldrüse produziert zwar noch Insulin, aber es kann schlechter wirken, weil die Aufnahme im Körper durch das Übergewicht verhindert wird. Deshalb wird Typ-2-Diabetikern erhöhte körperliche Aktivität und vor allem eine fettarme und insgesamt kalorienreduzierte Ernährung empfohlen.

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