Teaser 1

Foto: Nicole Cronauge

Juni 2026

MITTEN IM VIERTEL

Birgit Fuchs führt seit einem Vierteljahrhundert ein Büdchen in Duisburg

Text Jutta Oster

„Jung, soll ich dir die Flasche direkt aufmachen?“ Der Jung – ein Mann, der locker das mittlere Alter erreicht  hat – schüttelt den Kopf. Nicht nötig. Die nächste Kundin begrüßt Birgit Fuchs mit „Schatzi“, die kennt sie nicht so gut. „Schatzi-Mausi“ heißen die Kundinnen und Kunden, die der Büdchen-Besitzerin sehr vertraut sind. Und davon gibt es viele. Die meisten aus der Nachbarschaft kennt Birgit Fuchs mit Namen und mehr noch: Sie weiß auch um die Höhen und Tiefen in deren Leben. Im Duisburger Dellviertel ist „Birgit’s Büdchen“ eine echte Institution und eine Anlaufstelle für ein Viertel, in dem die Eckkneipe ausgestorben ist und der Einzelhandel es schwer hat.

Büdchen, anderswo bekannt als Kiosk oder Trinkhalle, gehören zum Ruhrgebiet wie Kohle und Fußball. Rein statistisch soll man alle sieben Minuten auf eines stoßen. Im Jahr 2021 wurde die Trinkhallenkultur im Ruhrgebiet deshalb zum immateriellen Kulturerbe erklärt. Die Bude ist eng mit der Geschichte und den Menschen des Ruhr-gebiets verbunden und ein wichtiger Treffpunkt im Viertel. So wie „Birgit’s Büdchen“: Auf dem Platz vor der Trinkhalle treffen sich Menschen, trinken dort ihren Kaffee oder stoßen mit einem Bier an. Birgit Fuchs hält Kissen bereit, damit ihre Gäste im Sommer bequemer auf den Asphaltblöcken auf dem Vorplatz sitzen können. Aber selbst im Winter stehen die Kundinnen und Kunden mit einem Heißgetränk vor der Tür. „Für uns ist das hier ein zweites Zuhause“, erzählt Iris, die schräg gegenüber wohnt und gekommen ist, um sich eine Flasche Limo zu kaufen. Und um kurz mal „Hallo“ zu sagen.

Das Büdchen im Dellviertel ist weit mehr als eine Verkaufsstelle – auch wenn es dort alles in kleiner Auswahl gibt, was man im Alltag so braucht: von der gemischten Tüte mit Lakritz und Weingummi bis zum Klopapier, von der Zeitschrift bis zur Briefmarke, vom Eis bis zum Würstchenglas. Die Duisburger Trinkhalle auf der Johanniterstraße ist vor allem auch ein Ort des Austauschs und der Begegnung. An 364 Tagen im Jahr ist dort geöffnet, jeweils von 6 bis 21 Uhr; nur am ersten Weihnachtstag ist geschlossen. Entweder steht Birgit Fuchs selbst hinter dem Tresen oder lässt sich von einem Angestellten vertreten. „Wenn man die Leute nicht kennt, hat man etwas falsch gemacht“, ist ihre Devise. Das ist auch ihr Rezept gegen Einsamkeit und Anonymität. Für die Menschen im Viertel hat sie wie eine Seelsorgerin ein offenes Ohr, mit vielen kommt sie während des Tages ins Gespräch. „Man kann sich hundertprozentig auf mich verlassen. Die Leute wissen, dass ich nichts weitertrat-sche“, sagt die 59-Jährige. Morgens, wenn der Backofen aufgeheizt, der Kaffee gekocht und die Brötchen belegt sind, schreibt sie an ihre Stammkunden eine WhatsApp-Nachricht: „Der Kaffee ist fertig.“ Viele kommen seit Jahren zum Frühstücken vorbei. 

Birgit Fuchs hilft im Viertel aber auch praktisch: Vom Einkauf bringt sie mal Katzenstreu mit, wenn die Katzenbesitzerin nicht selbst fahren kann. In einer großen  Tasche sammelt sie abgelegtes Spielzeug und gibt es  an bedürftige Familien weiter. Am Silvesterabend bringt sie ihren Stammkunden Berliner vorbei. Und wenn ihr  jemand ins Auge springt, der Hilfe brauchen könnte, spricht sie ihn an. So wie Willi, ein älterer Mann, der immer alleine mit einem Krückstock am Büdchen vorbeiging und einen traurigen Eindruck machte. „Irgendwann stand er mal drin, und wir haben Willi nach und nach auf Vordermann gebracht“, erzählt Birgit Fuchs. „Wir haben seine Kleidung gewaschen, seinen Sperrmüll herausgetragen, einfach Struktur in sein Leben gebracht.“ Seitdem kommt Willi täglich vorbei. Übrigens auch jemand, der von Birgit Fuchs „Jung“ genannt wird.

„Wenn ,Birgit’s Büdchen‘ schließen würde, wären wir alle traurig und das Viertel ärmer“, sagt Stammkundin Iris. Davon ist Birgit Fuchs weit entfernt. Sie hat die Trinkhalle vor 25 Jahren von ihrem Vorgänger übernommen, der das Büdchen auch schon 36 Jahre lang geführt hatte. Aufhören ist keine Option für Birgit Fuchs, sie will die Büdchen-Kultur am Leben halten. Aber die gelernte  Einzelhandelskauffrau spürt schon, dass es schwieriger geworden ist, eine Trinkhalle wirtschaftlich zu führen. Die Lieferdienste von Supermärkten und Restaurants sind zur Konkurrenz geworden, ebenso wie Tankstellen. Auch merkt die Büdchen-Besitzerin inzwischen, dass  die Menschen weniger Geld in der Tasche haben. „Die goldenen Zeiten sind einfach vorbei.“ Sollte sie  den Kiosk irgendwann nicht mehr führen können, würde sie ihn in gute Hände weitergeben. 

Bis dahin steckt sie aber viel Zeit hinein, verzichtet weitgehend auf Freizeit und Urlaube. Nur der Sonntagnachmittag ist ihr heilig. Da bringt sie Blumen zum Grab ihrer Mutter, mit der sie vor einem Vierteljahrhundert das Büdchen in der heutigen Form aufgebaut hat. Eine Kerze auf der Theke mit einem Foto ihrer Mutter, umrahmt von Engeln, erinnert an die Verstorbene. Überhaupt atmet das Büdchen von Birgit Fuchs Geschichte, vieles hat sich in den Jahren angesammelt: Über der Verkaufstheke hängt ein Fanschal vom MSV Duisburg, zahlreiche Aufkleber schmücken die Theke, und von der Decke hängt eine aufblasbare lilafarbene Kuh.

Wie dieser Ort in Duisburg haben die Trinkhallen eine lange Tradition: Mitte des 19. Jahrhunderts wurden sie gegründet, um die Gesundheit der Menschen durch fri-sches Trinkwasser zu stärken. Denn das Leitungswasser war damals ungenießbar. Ihren Boom erreichten die Büdchen in den 1960er-Jahren, als die Menschen wieder zu mehr Wohlstand kamen. Später setzten das Zechensterben ebenso wie die Liberalisierung des Ladenschlusses und die große Markt-Konkurrenz den Trinkhallen zu, viele mussten schließen. 

Doch bekanntlich leben Totgesagte länger. Bei Birgit Fuchs jedenfalls herrscht an diesem Nachmittag reger Betrieb. Gerade steckt Kater Bobo von gegenüber den Kopf durch die Tür. Einfach mal schauen, was heute so los ist.     
 

TAG DER TRINKHALLEN
Die Trinkhalle ist ein wichtiges Stück Kulturgeschichte des Ruhrgebiets. Vor zehn Jahren wurde deshalb der „Tag der Trinkhallen“ ins Leben gerufen. Er wird am 29. August 2026 von 15 bis 22 Uhr zum fünften Mal gefeiert. Weitere Informationen unter: https://tagdertrinkhallen.ruhr

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