Besuch bei...

Eine junge Meisterin über ihr goldenes Handwerk

Auch moderne Kunst braucht Pflege. Fabienne von der Hocht mit einem Werk des Bildhauers Stephan Balkenhol, Foto Ingo Lammert

„Wie bitte, was willst du werden?“ Als Fabienne von der Hocht vor knapp zehn Jahren ihr Abitur in Angriff nahm, sahen sich sie und ihre Mitschüler parallel nach möglichen Berufswegen um. Wofür sich Fabienne schließlich entschied, erstaunte dann alle. „Die Kirchenmalerei ist wirklich ein Beruf, den kaum jemand kennt“, sagt die heute 29-Jährige lachend. Das Restaurieren von Wandmalereien, Figuren, Altären und dergleichen – tatsächlich könnte man meinen, all das sei nicht mehr gefragt. Doch Fabienne von der Hocht zeigt, warum sie ihre Jobwahl nicht bereut hat.

„Ich habe mir damals gedacht: Irgendwie werde ich meinen Weg finden! Auch wenn immer mehr Kirchen geschlossen werden müssen. Die Kirchen, die noch da sind, in irgendeiner Form aufrechtzuerhalten, ist eine wunderschöne Aufgabe“, betont sie und ihre Augen strahlen dabei. Die Arbeit mit Farben und Flächen ist ihr in gewisser Weise in die Wiege gelegt worden. Die Familie der gebürtigen Krefelderin führt in fünfter Generation einen Malerbetrieb. „Ich habe mich natürlich früher gefragt, ob ich nicht auch einfach Malerin- und Lackiererin werden soll“, erzählt sie. Da erhielt ihr Großvater die Einladung zu einer Fachtagung nach München, bei der Vertreter des verwandten Kirchenmalerei-Handwerks dabei sein sollten. Eine gute Gelegenheit für seine kunstbegeisterte Enkelin. Fabienne von der Hocht kam bei der Veranstaltung mit ihrem späteren Chef ins Gespräch. Der bot ihr zunächst ein Praktikum und danach eine Ausbildung in seinem renommierten Betrieb an. So ging es für die junge Frau drei Jahre lang vom Niederrhein an den Chiemsee in eine der größten Restaurierungswerkstätten Bayerns. Und wo sie schon einmal „da unten“ war, schloss sie den Besuch der Meisterschule in München an.

Mittlerweile ist Essen ihre Wahlheimat. Die 29-Jährige hat sich als Kirchenmalermeisterin selbstständig gemacht. „Natürlich ist es bei uns anders als in Bayern: Wir haben keine großen barocken Kirchen, unsere hier stammen meist aus der Epoche der Gotik. Diesen großen Prunk, der im Süden typisch ist, gibt es bei uns nicht. Und das ist nicht schlimm: Auch unsere Kirchen sind schön, alle haben ihre eigene Aura“, erklärt sie und wird persönlich: „Ich stamme zwar aus einer katholischen Familie und bin auch gläubig. Aber ich bin privat keine Kirchgängerin mehr. Trotzdem muss ich sagen: Wenn ich beruflich eine Kirche betrete, packt mich jedes Mal ein faszinierendes Gefühl. Es hat immer einen Reiz, dazu beizutragen, dass das Schöne in diesem Raum schön und das Alte erhalten bleibt.“ Ein besonderer Auftrag war für Fabienne von der Hocht die Restaurierung einer historischen Darstellung am Bischofshaus: „Sie war abgewittert, Mosaiksteinchen waren rausgefallen. Ich habe sie wieder gereinigt, vervollständigt und die Außenvergoldung erneuert. Jetzt freue ich mich jedes Mal, wenn ich durch die Essener City laufe und daran vorbei komme.“

Restaurierungen im kirchlichen Kontext machen nur einen Teil ihrer Einsatzmöglichkeiten aus. Fabienne von der Hocht lässt für private Kunden zum Beispiel auch alte Möbel oder Bilderrahmen wieder in neuem Glanz erstrahlen. „Ist doch schade, wenn alte Erbstücke auf dem Sperrmüll landen“, findet sie. „Ich arbeite sie so um, dass sie wieder ins eigene Zuhause passen und als Erinnerung erhalten bleiben.“ Immer stärker gefragt sind ihre kleinen Kunstwerke: Von der Hocht bietet meisterhaft gestaltete Geschenkartikel wie Schutzengelbilder oder personalisierte Zahndosen über ihren Shop im Internet an (www.meinunikatfuerdich.de). In ihrer alten Heimat Krefeld präsentiert sie ihre Arbeiten an einem eigenen Stand auf dem Weihnachtsmarkt rund um die Burg Linn (7. und 8. Dezember).

Noch hat die selbstständige Künstlerin zur Sicherheit ein zweites berufliches Standbein. Sie arbeitet drei Tage pro Woche bei einem Großhändler für Malerbedarf in der Beratung: „Mit Farben und Texturen kenne ich mich ja bestens aus“, sagt sie selbstbewusst. Da ihre Auftragslage als Kunsthandwerkerin und Restauratorin jedoch wächst, ist sie gerade auf der Suche nach einem kleinen Atelier oder einer Werkstatt im Essener Süden. Bisher entstehen ihre Objekte zu Hause im Arbeitszimmer und im Keller. „Das reicht langsam nicht mehr“, so Fabienne von der Hocht. Die Nachfrage zeigt, dass sie mit ihrem Beruf auch heute noch die Menschen Stück für Stück zum Staunen bringen kann.

Text Sandra Gerke