Besuch bei...

Ein etwas anderes Kinderparadies

Heilpädagogin Kerstin Rockel-Palkovits mit Melek

Nein, hier möchte wohl niemand aus dem Kinderparadies abgeholt werden. Im Gegenteil: Pro Woche können es 250 Kinder kaum erwarten, zur Frühförderung Bottrop gebracht zu werden, um dort unter professioneller und liebevoller Anleitung zu spielen, zu lernen und zu wachsen.

Hochkonzentriert klebt die zweieinhalbjährige Melek bunte Kreise auf einen Spiegel. Eine spielerische Übung mit großer Wirkung. „Sie schult die Eigenwahrnehmung, die Feinmotorik und die Farbzuordnung“, so Heilpädagogin Kerstin Rockel-Palkovits (57). Melek, die sieben Wochen zu früh zur Welt kam, ist körperlich inzwischen fast auf dem gleichen Stand wie Gleichaltrige. Bei ihr geht es vor allem darum, die geistigen Fähigkeiten zu fördern.

„Sie braucht halt für alles etwas länger als andere Kinder“, sagt ihre Mutter Birute Ignataviciute (31) lächelnd. Die Zeit, die Melek für ihre Entwicklung genommen wurde, kann sie in der Frühförderung in Ruhe aufholen. In dieser Förderstunde hat sie nicht das Gefühl, zu langsam zu sein – hier bestimmt sie das Tempo. Eine Erholung für die zarte Kinderseele. „Wir arbeiten nicht defizitorientiert“, so Leiterin Karin Kittner (57). „Wir stellen uns auf jedes Kind individuell ein. Unsere Schützlinge sollen Erfolgserlebnisse haben und sich nach der Therapiestunde selbstbewusster fühlen.“ Nicht nur die Kinder, auch die Eltern werden unterstützt. Das fängt bei der Suche nach einem geeigneten Kindergartenplatz und dem Beantragen eines Schwerbehindertenausweises an und hört bei emotionalem Beistand auf. „Mütter und Väter mit einem entwicklungsverzögerten oder behinderten Kind fühlen sich oft allein und unverstanden, haben mit Schuldzuweisungen zu kämpfen.“

Auch Nadine Fischer (31), der Mutter von Nevio (3), geht es so. Sie wünscht sich mehr Verständnis und Toleranz für Kinder, die wie ihr Sohn an Autismus leiden. „Aussagen wie ,Da muss man einfach strenger sein‘ oder ,Ist das ansteckend?‘ sind schon sehr verletztend“, gibt sie zu. Dabei sind autistische Kinder teilweise sehr intelligent.

Ihre Schwierigkeiten: Sie nehmen alltägliche Reize wie Geräusche, Licht und Gerüche viel intensiver wahr. Deshalb sind sie schnell reizüberflutet, können sich schlecht auf eine Sache konzentrieren und sich schwer abgrenzen. Auch haben sie häufig Probleme damit, Gesichtsausdrücke zu deuten und sich dementsprechend

zu verhalten. „Wenn Nevio sieht, wie jemand weint, kann es passieren, dass er danebensteht und lacht. Das führt natürlich zu Problem in der Interaktion mit anderen Kindern“, so Nadine Fischer. Deshalb versucht Rehabilitationspädagogin Katharina Matulla (31), bei Nevio Empathie hervorzurufen. Dafür nimmt sie

eine Handpuppe namens Schnecki zur Hilfe. „Die Puppe ist ein großer Anreiz. Sie ist klein und schwach, Nevio will sie intuitiv beschützen.“ Wenn er Schnecki füttert, hat er das Gefühl, geholfen zu haben, wirksam zu sein. Fühlt sich der Dreijährige überfordert, kann er in einen Turnkasten klettern. „Das dient der Eigenwahrnehmung“, erklärt Matulla. „Nevio spürt in der Kiste seine körperlichen Grenzen, er kommt zur Ruhe.“ So kann er die laute, anstrengende Welt, die die er manchmal einfach nicht versteht, ausblenden. Ein geschützter Raum, der ihm Kraft gibt.

 Auch Meiko schöpft in der Frühförderung Kraft. Der Fünfjährige leidet am DiGeorge- Syndrom. Die damit verbundene Entwicklungsstörung führt dazu, dass seine motorischen Fähigkeiten unterentwickelt sind, er nicht sprechen kann. Mitteilen kann er sich dennoch. Stolz hält er zwei Finger hoch, um Heilpädagogin Rockel-Palkovits zu zeigen, wie viele Bälle im Eimer liegen. Danach verkriecht er sich im Bällebad. Rauskommen? Später ...

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