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Die nächste Stufe der Integration

Bürgermeister Andreas Hollstein

Die Idee: Ein neues Integrations- und Begegnungszentrum, in dem Flüchtlinge und Alteingesessene gemeinsam Zeit verbringen können. Das ehemalige Restaurant, das in der Altenaer Fußgängerzone steht und laut Adresse „Freiheit 26“ heißt, wurde mit Hilfe von Flüchtlingen umgebaut. „Wir schaffen mit dem Zentrum ein Forum, in dem Begegnung möglich ist. Das haben wir vorher mit dem ,Café International‘ auch schon im Kleinen gemacht. Jetzt wollen wir noch gezielter Menschen mit Integrationsbedarf unterstützen“, so Bürgermeister Andreas Hollstein. Es sollen Kunstausstellungen gezeigt werden, Vorträge, Sprach- und Computerkurse stattfinden. Es gibt eine Küche, Aufenthaltsräume und Werkstätten. „Kümmerer“, also Ehrenamtler, die ihren Schützlingen bei der Eingewöhnung helfen, sitzen hier mit Flüchtlingen und Sozialarbeitern an einem Tisch, trinken türkischen Tee, tauschen sich aus.

Eine besonders engagierte Kümmererin ist Nadja Mehari. Sie vermitelt Wohnungen, begleitet Flüchtlinge zum Anwalt oder zum Arzt, sucht Kindergartenplätze. „Ich kenne fast jeden der 450 neuen Einwohner persönlich“, erklärt die aus Eritrea stammende Frau. „In meinem Handy habe ich 32 Mohammeds abgespeichert. Bisher habe ich zum Glück noch niemanden verwechselt“, erklärt sie laut lachend. Als ein junger Mann mit dunklen Locken, moderner Lederjacke und offenem Lachen die hellen Räum-lichkeiten betritt, springt sie auf und geht auf ihn zu. „Das ist Humam. Ich bin so stolz auf ihn“, verkündet sie und drückt ihn an sich. „Er hat gerade den Integrationskurs mit dem Sprachniveau B 1 bestanden. Der ist nicht leicht.“ Humam lächelt bescheiden, nimmt einen Schluck Tee aus seiner Tasse, hängt seine Jacke ordentlich über die Stuhllehne. „Nadja ist für mich hier in Altena einer der wichtigsten Menschen“, sagt der 26-Jährige, der vor zwei Jahren aus dem Irak nach Altena kam. „Es ist einfach alles anders hier. Man kann nirgendwo allein hingehen, man braucht für alles Nachweise. Mein Deutsch ist noch nicht perfekt, das macht es mir schwer.“ Seit neun Monaten wartet der gelernte Verwaltungstechniker auf seine Anerkennung. „Es ist schwer, so geduldig zu sein. Ich würde gern eine Ausbildung zum Elektromechaniker machen, doch das darf ich noch nicht.“ Im Moment ist er, wie viele andere Flüchtlinge auch, in einer Schwebesituation. Um die hämmernden Gedanken an eine Abschiebung loszuwerden, geht er ins Fitnessstudio, versucht sich abzulenken. „Junge Menschen wie Humam haben es in Altena nicht leicht. Es gibt keine Universität, keine Clubs, wenige kulturelle Angebote“, so Projektleiterin Lisa Gudra. „Viele von ihnen merken aber auch, dass sie in Großstädten wie Düsseldorf nicht die gleiche Zuwendung bekommen wie bei uns. Dort ist man nur eine Nummer, bei uns haben sie Menschen um sich, die ihnen helfen.“

Besonders viel Hilfe bekommt Humam von der 72-jährigen Rentnerin Karin Hölper. Sie versorgt ihn nicht nur mit Handtüchern, Haken und Topflappen, sie macht auch regelmäßig Ausflüge mit ihm, unterstützt ihn beim Einkaufen in dem kleinen Drogeriemarkt. „Wenn er an der Kasse steht und etwas nicht versteht, springe ich ein“, so die gelernte Grafikdesignerin. Eine der Drogerie-Mitarbeiterinnen bekommt es allerdings eher selten mit, dass Flüchtlinge so unterstützt werden. „Viele sind auf sich allein gestellt. Sie kennen die Gepflogenheiten hier nicht, wir verständigen uns dann mit Händen und Füßen. Das kann auch schon mal anstrengend sein“, gibt sie zu.

Dass die kritischen und zweifelnden Stimmen in Altena immer lauter werden, ist Bürgermeister Andreas Hollstein nur allzu bewusst. Seit 2015 muss er mit Hassmails, anonymen Drohungen und die Stadt mit Anschlägen leben. Im Oktober 2015 legten ein Feuerwehrmann und sein Freund einen Brand in einem Haus syrischer Flüchtlinge. Es blieb bei einem Schwelbrand, von den Hausbewohnern wurde niemand verletzt. Das Landgericht Hagen verhängte damals mehrjährige Haftstrafen gegen die Männer.

Ende November vergangenen Jahres wurde Andreas Hollstein selbst Opfer einer Hass-Attacke. Als er im Imbiss „City Döner“ in Altena auf sein Essen wartete, wurde Hollstein von einem Mann mit einem Messer angegriffen und am Hals verletzt. Zuvor soll der Täter geschrien haben: „Ich steche dich ab! Du lässt mich verdursten und holst 200 Ausländer in die Stadt!“ Andreas Hollstein konnte den Arm des Angreifers wegdrücken, der Imbissbetreiber und sein Vater konnten den Mann überwältigen und bis zum Eintreffen der Polizei festhalten. Gegen den Tatverdächtigen – einen 56-jährigen arbeitslosen Maurer aus Altena – hat die Staatsanwaltschaft jetzt Anklage wegen versuchten Mordes erhoben. Sollte das Hagener Gericht die Anklage zulassen und die Hauptverhandlung eröffnen, könnte der Prozess am 22. Mai beginnen.

„So einen Mordversuch steckt niemand leicht weg“, sagt Andreas Hollstein leise. Er wirkt im wahrsten Sinne des Wortes angeschlagen. Kurz nach dem Attentat erlitt er einen schweren Hörsturz, war mehrere Tage auf einem Ohr taub. „Das Urvertrauen, das ich früher hatte, habe ich nicht mehr. Ich habe immer gedacht, so etwas kann mir in Altena nicht passieren.“ Die Hassmails, die sich nach der Attacke verschärft haben, belasten seine Familie und ihn. In den ersten sechs Wochen bekam er Objektschutz, die Polizei fuhr an seinem Privathaus und am Rathaus vorbei. Doch das ist für den CDU-Politiker keine dauerhafte Lösung. „Ich habe auch bei anderen Gelegenheiten immer wieder betont, dass man einen Bürgermeister nicht mit der Polizei schützen kann. Wir machen Lokalpolitik, um den Menschen nah zu sein. Bürgermeister in kleinen und mittelgroßen Ständten brauchen deshalb einfach den direkten Zugang zu den Bewohnern.“

Die Frage, ob er weitermacht oder nicht, stellt sich für ihn nicht. Für ihn gilt die Devise: Jetzt erst recht. Er nutzt die mediale Aufmerksamkeit, um auf Missstände in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Sein Ziel ist es, einen Diskurs über die verbale Umgangsweise in sozialen Medien zu entfachen, die teilweise deutlich rechtliche Grenzen überschreitet. Andreas Hollstein mutig: „Ich möchte mir später von meinen Kindern nicht sagen lassen, dass ich in dieser Situation den Mund gehalten habe.“

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