Benefit

Entwicklungshilfe mal anders

Natela Kvitsaridze verkauft Käse und andere Milcherzeugnisse aus eigener Produktion.

Wie Mikrofinanzfonds in Schwellenländern wirtschaftliche Soforthilfe ermöglichen. Die Bank im Bistum Essen ist auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit ein Vorreiter.

Als die Bank im Bistum Essen (kurz: BIB) vor 50 Jahren gegründet wurde, geschah das in der Absicht, einen Finanzdienstleister zu etablieren, der kirchliche Interessen versteht. Das Modell der genossenschaftlichen Bank, die auf Nachhaltigkeit basiert, hat sich über die Jahrzehnte bewährt und ist stetig gewachsen. Wenngleich den Begriff der Nachhaltigkeit vor 50 Jahren natürlich noch niemand kannte. Wirtschaftliches Handeln, das auf ethischen Grundlagen beruht, ist heute mehr denn je das Markenzeichen der BIB. Dazu gehört auch die wachsende Sparte der Mikrofinanzfonds, mit denen Mikrokredite an Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern vermittelt werden. Eine etwas andere Entwicklungshilfe, bei der im besten Falle alle profitieren. Wie das funktioniert? Ein Besuch in Georgien.

Nora Qarchava hat einen kleinen Hof, eine dreiviertel Stunde nordöstlich der georgischen Hauptstadt Tiflis. Sie ist 56 Jahre alt, die strenge Frisur, die dunkle lange Weste und der schwarze lange Rock machen sie deutlich älter. Sie lächelt scheu, ihre Zähne zeigt sie nicht. Alle zwei Tage fährt Nora nach Tiflis in ein Wohnviertel an der Tsereteli-Straße, wo sie eine kleine, ziemlich düstere Garage angemietet hat, um dort ihre Waren vom Hof anzubieten: Tomaten, Trauben, Eier, Zwiebeln, selbstgemachte Säfte und georgisches Tkemali, ein Dressing, das zu Fleisch und Fisch passt. Im Sommer steht vor der Garage eine Eistruhe mit Stieleis. Im Winter wärmt sie ein Ofen, ein kleiner Röhrenfernseher hilft gegen die Langeweile.

Es ist viel weniger als das, was man mit westlichen Augen unter Gemüse- oder Krämerladen verstehen würde. Aber es ist schon so viel mehr, als sie sich vor fünf Jahren leisten konnte. Mit den Einnahmen aus dem Verkauf trägt sie zum Einkommen für sich, ihren kranken Ehemann, Tochter, Schwiegersohn und Enkelkinder bei. Nora Qarchava konnte dank eines Mikrofinanzkredites von 1000 Lari (400 Euro) ihr Warensortiment ausbauen. Früher verkaufte sie nur Tomaten, jetzt reichen die Einnahmen aus dem erweiterten Sortiment für die ganze Familie.

Georgien – was ist das für ein vergessenes Land, das kaum einer auf der (Reise-) Agenda hat? „Wir kämpfen schon seit 30 Jahren ums Überleben“, urteilt Chatuna Oniashvili, Deutschlehrerin und Reiseleiterin, die, das spürt man bei jedem ihrer Sätze, ihr Land über alles liebt. Georgien, eingebettet in Großen und Kleinen Kaukasus und Schwarzes Meer, umzingelt von Großmächten wie Russland und der Türkei, zerrieben von schmerzhaften religiösen und ideologischen Konflikten der vergangenen Jahrhunderte. Die Alten haben das sowjetische Georgien gebaut, das seit 25 Jahren brutal vor sich hin zerfällt. Die Jungen müssen ihre Rolle in der Weltgemeinschaft finden. Sie feiern Europa und die Freiheit, doch sie können nicht vorwärts kommen ohne ihre Geschichte. „Wir brauchen politische Sicherheit und gute Ausbildung“, reklamiert Chatuna Oniashvili. Wirtschaftliche Maßnahmen wie der Aufbau von Mikrofinanzierungssystemen können dabei helfen.

Vor allem der Agrarsektor ist es, der auf die Beine kommen muss und die Armut der Landbevölkerung lindern kann. Mehr als 60 Prozent der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft tätig, aber die Agrarproduktion macht nur zehn Prozent des Bruttosozialproduktes aus. Während die georgischen Banken nur rund zwei Prozent ihres Kreditportfolios in den Agrarsektor geben, sind es bei den Mikrofinanzinstituten (MFI) 80 bis 90 Prozent. „Der Sinn von Mikrofinanz ist die Teilhabe von Menschen an der wirtschaftlichen Entwicklung“, fasst Michael P. Sommer, Leiter der Auslandsabteilung der BIB, zusammen. Wer Kredite bekommt, sie gut einsetzt und Einnahmen generiert, kann seinen Lebensstandard verbessern, Familien unterstützen, Jobs schaffen und natürlich auch die Mikrokredite zurückzahlen. 70 Mikrofinanzinstitute gibt es in Georgien mit einem weit verzweigten Filialsystem. Die BIB arbeitet mit drei der größten zusammen: mit „Credo“, „Finca“ und „Crystal“. Sie alle verfahren nach derselben Methodik. Kreditsachbearbeiter begutachten vor Ort die Lage der potenziellen Kunden, Komitees in den Filialen der Institute entscheiden meist innerhalb von 24 Stunden, ob sie Klein- und Kleinstkredite vergeben können. Tatsächlich setzen auch Kleinstsummen vielversprechende Entwicklungen in Gang. Wie die 50 Euro, die ein junger Mann benötigte, um einem Kunden den Computer zu reparieren. Er verdiente sein erstes Geld damit, arbeitete sich immer weiter voran, inzwischen betreibt er eine Internetseite mit touristischen Angeboten.

Tsitsimo Turmanidze wird seit vier Jahren mit Mikrofinanzkrediten unterstützt. Sie hat es inzwischen zur Großhändlerin gebracht. Auf dem Markt Didube in Tiflis versorgt sie die Einzelhändler mit Gemüse. Mindestabnahme: 10 Kilo. Sie hat ihre Wohnung renovieren können, zwei gebrauchte Transporter gekauft und schwärmt von der Hilfe vor Ort: „Ich habe einen sehr engen Kontakt zu meinem Kreditsachbearbeiter. Wir sind sehr froh.“ Kreditvergaben dürfen im Mikrofinanzbereich in Georgien 50 000 Lari nicht überschreiten. Dennoch wollen die Mikrofinanzinstitute weiter wachsen. Verwerflich ist das aus Sicht der Banker nicht. Zumal das erwirtschaftete Geld aus den Rückzahlungen auch teilweise in soziale und edukative Projekte vor Ort investiert wird. „Mit den Kunden mitzuwachsen, ist Teil von Entwicklung“, sagt auch Michael P. Sommer. Großer Wert wird bei allen MFI, mit denen die BIB zusammenarbeitet, auf den Verbraucherschutz gelegt. „Es nützt schließlich niemand, wenn die Kredite nicht zurückgezahlt werden können.“

25 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion gibt es in diesem kleinen Land am Kaukasus Hoffnung. Chatuna Oniashvili hat als Kind die schlimmsten Zeiten miterlebt. Es gab fünf Monate lang keinen Strom, die Fenster der Schule waren mit Folie beklebt, sie musste Holz ins Klassenzimmer schleppen, damit geheizt werden konnte. „Und ich habe trotzdem Deutsch gelernt!“ Auch heute noch wirkt Georgien an vielen Stellen, als wäre die Zeit stehen geblieben. Doch Chatuna blickt nach vorne: „Meine Generation muss viel schultern. Aber ich bin tief überzeugt, dass wir, auch mit Hilfe von Europa, auf einem guten Weg bleiben.“

Text und Fotos: Jutta Laege

DER ETWAS ANDERE GELDKREISLAUF

Mikrofinanzfonds-Investitionen sind für Kunden interessant, die eine Geldanlage mit niedrigem Risiko suchen und dabei nachhaltig investieren wollen. Die derzeitige Rendite liegt bei etwa zwei bis drei Prozent per anno. Der Mikrofinanzfonds KCD III, den beispielsweise die Bank im Bistum aufgelegt hat, investiert in sechzehn Ländern weltweit. Generell lässt sich sagen, dass der Durchschnittskredit pro Kreditnehmer vom Kaukasus bis Zentralafrika, von Lateinamerika bis Südostasien 500 Euro beträgt. Die Laufzeit liegt im Schnitt bei einem Jahr. Wer in Deutschland beispielsweise 10 000 Euro investiert, unterstützt somit 20 Kreditnehmer und ihre Familien. „Man kann sagen, dass hinter einem Kreditnehmer im Schnitt vier Personen stehen, die durch das Investment mit unterstützt werden“, sagt Michael P. Sommer. „Das bedeutet, dass bei 10 000 Euro Investition in den Mikrofinanzfonds 100 Menschen jährlich profitieren.“ Natürlich verdienten die Anleger, die Bank und die Mikrofinanzinstitute vor Ort an den Zinsen, die derzeit zwischen 20 und 30 Prozent variieren. Dies reflektiere aber zum einen den Aufwand vor Ort, aber damit werde auch der Arbeits- und Dienstleistungsmarkt angekurbelt und grundsätzlich sei das Geschäftsmodell in weit mehr als 90 Prozent der Fälle eine „Win-Win-Situation“, so Sommer. „Am Ende profitieren alle: der Anleger bei uns, die Kreditinstitute, die Wirtschaft des betroffenen Landes und der Kreditnehmer dort“, erklärt er weiter. „Wir sind keine Entwicklungsbank, aber wir schaffen es, mit dieser Geldanlage-Form Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen, und kurbeln den meist kaum entwickelten Klein- und Mittelstand an, der für eine funktionierende Volkswirtschaft am Ende ausschlaggebend ist.“

Georgien und der Glaube

Ende September war der Papst da. Ja, es gibt katholische Christen in Georgien und in der Haupstadt Tiflis, aber sie machen nicht mehr als ein Prozent der Bevölkerung aus. Der größte Teil der 3,8 Millionen im Land lebenden Georgier, rund 75 Prozent, ist georgisch- orthodox, etwa zehn bis 12 Prozent sind Muslime, sieben bis acht Prozent armenisch-orthodox. Georgien ist nach Armenien das zweitälteste christliche Land der Welt, schon 337 n. Chr. wurde das Christentum Staatsreligion. Maßgeblichen Anteil daran hatte die als Heilige verehrte Nino, deren Symbol, eine Weinrebe als Kreuz, in vielen georgischen Kirchen zu finden ist. Das Land verfügt über unzählige Klöster und Kirchen, die in der Sowjetzeit ein Schattendasein fristeten und heute – mit vielen Legenden und Entstehungsgeschichten belegt – einen Georgien- Besuch sehr spannend machen.

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