Besserwisser

„Die Letzten werden die Ersten sein“: Stimmt das?

Wer ist schon gerne der ewige Verlierer? Diese Rolle im Leben will logischerweise keiner gerne spielen. Auf der anderen Seite: Leute, denen scheinbar mühelos ständig alles Gute zuzufliegen scheint, sind einem doch auch selten geheuer, oder? Klar ist: Wir alle ringen ständig um einen guten Platz für uns im Leben. Aber wie soll der alte Spruch „Die Letzten werden die Ersten sein“ dabei helfen? Unser Experte weiß ihn zu deuten.

Wie so oft bei geflügelten Worten hat auch dieses seinen Ursprung in der Bibel: Von den „Letzten“ und den „Ersten“ ist im Buch der Bücher gleich an mehreren Stellen die Rede. „Im Neuen Testament behandeln die Evangelien von Matthäus, Lukas und Markus oft gleiche Themen, setzen sie aber in unterschiedliche Rahmenhandlungen“, erklärt Nicolaus Klimek, Referent für Glaubenskommunikation beim Bistum Essen. So ist es auch bei der Gewinner-oder-VerliererFrage im Leben.

Da gibt es zum Beispiel das berühmte Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. „Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen hinausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben“, heißt es im Matthäus-Evangelium (Mt 20, 1-16). Der Chef in dieser Geschichte findet schnell fleißige Helfer. Aber am Ende des Tages zahlt er allen den gleichen Lohn – für unterschiedliche Arbeiten. Das empört die, die härter am Werke waren, und sie beschweren sich. Der Gutsbesitzer erklärt einem von ihnen: „Freund, dir geschieht kein Unrecht. (…) Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin? So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte.“ Wumms, die Antwort sitzt! Die muss man in so einer Situation wohl erst einmal verdauen. Aber wenn man es verstanden hat, wird alles entspannter. Theologe Nicolaus Klimek fasst die Erkenntnis dieser Geschichte ganz einfach zusammen: „Man muss auch gönnen können!“

Ziemlich revolutionär lässt sich die Story „Von der engen und der verschlossenen Tür“ im Evangelium nach Lukas interpretieren (Lk 13, 22-30). Wer wird einmal „im Reich Gottes zu Tisch sitzen“? Das ist hier die Frage der Jünger Jesu. Um diesen Platz zu erreichen – so die Antwort der Bibel –, genügt es nicht, Jesus zu kennen oder mit ihm regelmäßig gefeiert zu haben. Hier mögen einem etwa direkt regelmäßige Gottesdienstbesuche einfallen. „Das ist laut dieser Geschichte nicht so wichtig“, meint Nicolaus Klimek. „Wichtiger ist, wie wir mit anderen Menschen umgehen.“

Ganz in diesem Sinne ist auch die Erzählung vom „Rangstreit der Jünger“ beim Evangelisten Markus (Mk 9,33-37). Zwölf erwachsene Männer zanken allen Ernstes darum, „wer der Größte“ von ihnen ist. Jesus macht seinen Jüngern unmissverständlich klar: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.“ Da muss etwas dran sein. Hört man nicht immer wieder von Menschen, die sich zum Beispiel ehrenamtlich für andere einsetzen, wie sehr sie das persönlich weiterbringt?

Wie auch immer das große „Finale des Lebens“ einmal aussehen wird: Am Ende stehen laut der Bibel diejenigen gut da, denen es eben nicht wichtig ist, gut dazustehen. Diejenigen, die andere nicht „runtermachen“, sondern sie groß sein lassen. „Es ist eine Frage der Haltung: Bin ich der Meinung, dass ich, meine Gruppe oder auch mein Land grundsätzlich an erster Stelle stehen soll? Oder kann ich auch die berechtigten Interessen der anderen zum Zuge kommen lassen?“, gibt unser Theologe zu bedenken. Er ist überzeugt: „Es ist Gottes Wille, dass wir einander Gutes tun, weil er uns alle liebt. Natürlich können wir nicht die ganze Welt umkrempeln. Aber wenn man uns Christen diese Haltung in der Begegnung grundsätzlich anmerken würde, wäre vieles anders, und auch wir selbst könnten entspannter leben.“

Text Sandra Gerke