September 2026
IMMER IM DOPPELPACK
Heilkundige, Heilige und Herbstboten: die Brüder Cosmas und Damian
Text Maria Kindler
Wenn sich die Blätter langsam gelb, orange und rot färben, die Tage kürzer und die Nächte kühler werden, ist die Zeit von Cosmas und Damian gekommen. Denn rund um ihren Gedenktag am 26. September hält der Herbst Einzug, und seit jeher brachten die Menschen diesen wiederkehrenden Wandel der Natur mit den beiden Heiligen in Verbindung. „Sankt Cosmas und Sankt Damian fängt das Laub zu färben an“ und „Der Cosmas und der Damian, die zünden alle Lichter an“, so besagen zwei Bauernregeln. Die Brüder gelten darin als Herbstboten. Über eines der wohl bekanntesten Geschwisterpaare der Christenheit gibt es aber noch mehr Wissenswertes – und das hat viel mit der Stadt Essen und dem Essener Dom zu tun ...
HEILKUNDIGE IM HEUTIGEN NAHEN OSTEN
Der Überlieferung nach lebten Cosmas – auch Kosmas – und Damian Ende des dritten und Anfang des vierten Jahrhunderts im Gebiet des heutigen Syrien und wirkten dort als Heilkundige. Sie waren Christen, zogen durchs Land, behandelten Kranke und verkündeten ihren Glauben. Weil sie für ihre Behandlungen kein Geld oder andere Gegenleistungen annahmen, erhielten sie den Beinamen „Anargyroi“, was so viel wie „die Unentgeltlichen“ bedeutet. Die Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Diokletian machte auch vor ihnen nicht halt. Weil sie ihren Glauben nicht ablegen wollten, wurden sie gefoltert und um das Jahr 305 in der heutigen Türkei mit dem Schwert hingerichtet.
Schon bald nach ihrem Tod begann die Verehrung der Brüder als Märtyrer und Heilige, die noch heute für eine Medizin stehen, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. „Sie halfen Kranken und Bedürftigen aus ihrer christlichen Haltung heraus, aus Nächstenliebe“, erklärt Rainer Teu-ber, Leiter Museumspädagogik und Besucherservice beim Domschatz Essen. „Auch heute noch sind sie Vorbilder, denn ihre Botschaft hat nichts an Relevanz und Aktualität eingebüßt: Hilfe für jeden Menschen – unabhängig von Herkunft oder Ansehen.“
WIE KAMEN COSMAS UND DAMIAN NACH ESSEN?
Die Verehrung des Brüderpaars nahm einen weiten Weg vom Vorderen Orient über Konstantinopel und Rom bis nach Essen. Der Kult um Cosmas und Damian erreichte in Rom während der Amtszeit von Papst Sergius II. (844-847) einen Höhepunkt. Von weit her reisten Menschen für die Heiligen in die Stadt. Zu den Reisenden gehörte auch Altfrid von Hildesheim (800-874). Der Geistliche und politische Berater von König Ludwig dem Deutschen stand in engem Kontakt zum Papst und brachte aus Rom kostbare Reliquien der Heiligen mit.
Damit begann das Kapitel der unzertrennlichen Brüder im heutigen Essen. Denn rund um das Jahr 850 hatte Altfrid dort auf seinem Besitz Asnide zusammen mit seiner Schwester Gerswid und anderen Verwandten ein Frauenstift gegründet. Für die damals neu errichtete Stiftskirche – Vorgängerin des heutigen Doms – übergab Altfrid der geistlichen Frauengemeinschaft die kostbaren Reliquien von Cosmas und Damian. Seitdem werden die beiden in Essen verehrt – als Schutzpatrone des Stifts und der um das Stift herum entstandenen Stadt Essen.
Im Jahr 851 wurde Altfrid Bischof von Hildesheim. Nach seinem Tod im Jahr 874 fand er seine letzte Ruhe-stätte aber in Essen. Sein Sarg steht bis heute in der Krypta der von ihm gegründeten Kirche, des heutigen Doms, dessen Schutzheilige noch immer Cosmas und Damian sind. Wer den Essener Dom besucht, begegnet Cosmas und Damian – die immer zu zweit dargestellt werden – auf Schritt und Tritt: als Statuen im Chorraum und im Kirchenschiff, an den Toren des Atriums und in der Domschatzkammer, wo bis heute ihre Reliquien aufbewahrt werden. Als Stadtpatrone sind sie natürlich auch an der Fassade des Essener Rathauses zu sehen. Und als das Stadtmarketing im vergangenen Mai zum Fest „Essen Original“ einlud, wurden Cosmas und Damian sogar zu Plakatmodels.
MOMENT MAL! WER IST EIGENTLICH WER?
Wo der eine ist, ist der andere nicht weit: Cosmas und Damian tauchen immer im Doppelpack auf und sehen sich in den Darstellungen zum Verwechseln ähnlich. Doch wer ist Cosmas und wer ist Damian? „Das weiß niemand“, sagt Rainer Teuber und lacht. „Wer wer ist, bleibt in der Regel offen.“
Tatsächlich können hier auch Fachleute nicht helfen. Denn in der Kunst werden die Brüder seit jeher nahezu identisch dargestellt. In manchen Überlieferungen werden sie sogar als Zwillinge bezeichnet. „Das ist aber nicht zweifelsfrei belegt“, erzählt Rainer Teuber.
Wer genau hinschaut, entdeckt kleine Unterschiede wie die Farbe des Umhangs, die Neigung des Kopfes, die Anmutung oder unterschiedliche Accessoires wie ein Gefäß für Medizin oder ein Märtyrerschwert. Doch auch dann bleibt die entscheidende Frage ungeklärt: Wer ist Cosmas und wer Damian? Vielleicht macht dieses Rätsel bis heute ihre Faszination aus. „Fest steht lediglich, dass Cosmas in historischen Quellen meist zuerst genannt wird“, berichtet Rainer Teuber. „Die starke Ähnlichkeit der beiden ist aber kein Zufall: Sie zeigt ihre enge Verbundenheit, ihr geballtes Wirken als Heilkundige und ihren gemeinsamen Dienst am Menschen.“
SCHUTZPATRONE DER HEILBERUFE
Seit Jahrhunderten gelten Cosmas und Damian auch als Schutzpatrone der Heilberufe und damit für Ärztinnen und Ärzte, Apotheker und Apothekerinnen, Zahnärztinnen und Zahnärzte, Pflegekräfte, Heilpraktizierende, Hebammen und für Barbiere. „Diese waren im Mittelalter nicht nur für die Haar- und Bartpflege zuständig, sondern führten als sogenannte Bader zudem kleinere medizinische Eingriffe durch“, erklärt Rainer Teuber. Auch viele medizinische Fakultäten an Universitäten stehen unter dem Patronat der beiden frühchristlichen Märtyrer.
HIER TRENNEN SICH IHRE WEGE: DAMIAN ALS JUNGENNAME VIEL BELIEBTER
Bei der Wahl des Vornamens für einen Jungen gehen die unzertrennlichen Brüder in der heutigen Zeit allerdings getrennte Wege. Wie aus Daten des Namensforschers Knud Bielefeld hervorgeht, ist Cosmas sehr selten. In den Geburtsjahrgängen 2010 bis 2025 wurde Cosmas in Deutschland etwa zehnmal als erster Vorname vergeben, die alternative Schreibweise Kosmas ungefähr 20-mal. Damian dagegen kommt relativ häufig vor: Im selben Zeitraum erhielten ungefähr 13.000 Kinder Damian als ersten Namen. Gleichermaßen Trendsetter sind Cosmas und Damian dagegen deutschlandweit als Namenspaten für Gemeinden, Schulen und weitere Einrichtungen. Weltweit sind dem heiligen Brüderpaar auch viele Kirchen geweiht. In Essen sind nach ihnen beispielsweise die Pfarrei
„Heilige Cosmas und Damian“, die erst 2021 gegründet wurde und das Gebiet des Essener Nord-Ostens umfasst, eine städtische katholische Grundschule und auch das „Hospiz Cosmas und Damian“ benannt.
