Und hier kommt diese Musik her...

BENE: Die Kirchenmusikschule feiert in diesem Jahr ihr 50. Jubiläum. Das ist in kirchlichen Dimensionen betrachtet unglaublich jung?
Vogel: Ja, stimmt, bei Kirchengeschichte wuchert man ja gerne mit Jahrhunderten. Aber für unsere Einrichtung ist es dennoch ein stolzes Jubiläum. Die Schule ist kurz nach Gründung des Bistums Essen entstanden. Angestoßen durch Kardinal Hengsbach und initiiert von Monsignore Josef Jenne, der unter anderem auch die Essener Domsingknaben ins Leben rief: zunächst als Kirchenmusikseminar, dann – Anlass war das 30. Jubiläum – wurden wir von Bischof Genn zur Kirchenmusikschule erhoben.

BENE: Was bedeutet die Erweiterung des Begriffs für Ihre Arbeit?
Vogel: Grundsätzlich war ausdrücklicher Wunsch des Zweiten Vatikanischen Konzils ja schon Mitte der 1950er Jahre, dass sich Kirche um Orte der Schulung und Verbreitung von Kirchenmusik kümmern möge, wo z.B. Kantorengesang und Orgelspiel erlernt werden können. Der Begriff Schule fasst das und geht natürlich darüber hin- aus. Er entspricht dem, was zunehmend unsere Zukunft bestimmen wird und was auf uns zukommt: Wir müssen und werden uns in der Bandbreite einem größeren Aufgabenfeld widmen – anders als man das so klassischerweise in der ohnehin breit angelegten Kirchenmusikausbildung der vergangenen Jahrzehnte getan hat.

BENE: Was und wofür wird hier gelehrt?
Vogel: Wir sind ja keine Hochschule. Bis 2000 hatten wir zwar einen eigenen Kirchenmusikstudiengang mit Abschluss der B-Prüfung, haben uns dann als Ausbildungsort für neben- und ehrenamtliche Kirchenmusik ganz neu aufgestellt. Zu- nächst für alle, die die sogenannte C-Qualifikation erlangen wollen: Laien, aber auch Berufsmusiker, Schulmusikstudenten oder Schulmusiker, Musikpädagogen oder Instrumentalisten. Aus Sicht des Bistums ist das etwas Wunderbares, weil diese musikalisch vorgebildeten Menschen ihr individuelles Können ja auch mit in das Leben der Gemeinden einbringen. Der Bedarf an Neben- und Ehrenamtlichen dürfte trotz Kirchenschließungen eher steigen als sinken. Wir bieten daher auch berufsbegleitende anderthalbjährige Aufbauschulungen an, die es in dieser Form bisher nur bei uns gibt. Da geht es um Fortbildung in klassischen Themenbereichen wie Chorleitung und Orgelimprovisation, aber auch um Gospelchorleitung und das dazu passende Klavierspiel. Dafür holen wir ausgewiesene Experten aus ganz Deutschland als Lehrbeauftragte. Vor allem richten sich unsere Angebote aber an junge Menschen und Schüler, die hier vielleicht überhaupt erst auf die Idee gebracht werden, ihr Hobby zum Hauptberuf zu machen. Nach unserer Ausbildung können sie dann zum Beispiel an die Mu- sikhochschulen wechseln, was auch nicht wenige tun.

BENE: Bundesweit sinken allerdings die Studentenzahlen für Kirchenmusik an den Hochschulen. Der Studiengang „Kirchenmusik“ wurde an der Folkwang- Hochschule ganz eingestellt. Haben Kirchenmusiker überhaupt eine Zukunft?
Vogel: Doch, doch! Zum einen gibt es eine auf lange Sicht stabile Nachfrage nach Voll- und Teilzeitkräften. Zum anderen geht es um die Vermittlung von Kompetenz und Sicherung von Qualität. Kirchenmusik ist ja nicht mit einem gefälligen Hintergrundsound erledigt. Den passenden Ton zu finden, ist eine immer neue und andere Herausforderung! Und wenn man gut ist in seinem Bereich, ist die Telefonnummer unserer Studenten schnell im ganzen Bistum verteilt. Ich denke, ein Grund ist auch, dass Kirche vor Jahrzehnten eine größere Rolle in der Gesellschaft spielte. Das merken wir bei der Berufung zum Priesteramt, zu kirchlichen Berufen allgemein. Das ist heute anders. Aber genau das ist unsere Herausforderung: Es geht auch in der Kirchenmusik um Berufungsgeschichten! Junge Leute aufmerksam zu machen auf eine Begabung, sie auf die Idee zu bringen, sich mit dem Thema zu befassen. Kirchenmusik – alte wie neue Töne und Formen kann das durchaus leisten! Wir müssen aber mehr Gelegenheiten für die Begegnung damit schaffen! Ermutigen und Begleiten! Darin sehe ich die wichtigsten Themen im 50. Jahr unseres Bestehens. Mit dem, was mich erfüllt, kann ich ja auch andere erreichen, berühren. Wenn ich etwas spiele, womit ich mich selbst nicht wohlfühle, dann merkt das auch ganz schnell eine Gemeinde.

BENE: Das klingt nach Gratwanderung... Es gibt doch festgelegte Liturgien und kirchliche Rituale, die das, was in Kirche gespielt werden darf, einschränken.
Vogel: Kirchenmusik reicht ja von gregorianischen Gesängen über Johann Sebastian Bach bis zu Worship und Gospel. Wir haben auch einen kulturpolitischen Auftrag für die nächsten Generationen. Und wenn wir sagten: „So, hier ist die Kirchenmusik-Kiste. Alles, was darin ist, ist heilig. Basta, genug! Mehr brauchen wir nicht“ – das wäre fatal. Das Spannende ist doch: In jeder Hinsicht offen sein, zusehen und fördern, dass und wie neue Dinge entstehen – in allen musikalischen Bereichen. Unsere Schüler und Studenten werden im besten Fall so ausgebildet sein, dass sie spüren, was die Gemeinde vor Ort braucht.

BENE: Viele möchten, wenn sie sich noch mit Kirche einlassen, musikalisch unterhalten werden, Musik ihres Geschmacks hören. Bei Trauungen zum Beispiel. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Vogel: Ich finde, die Sehnsucht, die emotionale Nähe, die ein Brautpaar mit einem bestimmten Lied verbindet, darf durchaus einfließen in ihren Traugottesdienst. Das darf dann auch höheren Rang haben als die liturgische Korrektheit. Warum soll es nicht eine Ballade etwa von Eric Clapton sein, in der ich spirituelle Ansätze finde? Ich glaube, dass das viele Priester und pastorale Mitarbeiter ähnlich pragmatisch sehen, was die textliche Seite betrifft. Wo- bei immer die Frage ist: Wo finden wir einen gemeinsamen Nenner? Was können wir aus der frohen Botschaft mitgeben? Für die musikalische Seite kann ich nur sagen: Je phantasievoller, desto besser! Was nicht heißen soll: Ist ja eh’ egal, was wir machen! Ich kann mich als Organist auch einbringen. Das Paar muss sich mit seiner Musikauswahl wohlfühlen – ich kann es abholen, behutsam Alternativen vorschlagen. Ich glaube, zum Gelingen solcher Feiern kann Kirchenmusik eine Menge segensreich beitragen. Ich möchte diese Kultur der Toleranz und Wertschätzung auch an unserer Schule vermitteln.

BENE: Was ist für Sie das Besondere an Kirchenmusik?
Vogel: Gute Frage. Wie definiert man die überhaupt? Ist Kirchenmusik nur dann Musik, wenn sie mit geistlichem Text zu tun hat? Oder ist nicht auch ein Instrumentalstück, etwa „Air“ von Bach, ein spirituelles, wunderbar inspirierendes Stück im besten Sinne? Dass es zur religiösen Weitung der Anwesenden beiträgt, dürfen wir vermuten. Umgekehrt ist eine Johannespassion außerhalb der Kirche, in einem Konzertsaal, zwar kein Kirchen-, aber doch irgendwie ein geistliches Konzert. Ich denke, die Grenzen sind da fließend und das ist gut so. Für mich ist die Definition so: Musik in der Kirche kann oft ausdrücken, was sich Text und Sprache, ja sogar einer noch so guten Predigt entzieht. Es gibt diese Dinge zwischen Himmel und Erde, die sind nur musikalisch erleb- und greifbar.

BENE: In der Regel klingt aber Kirchenmusik eher getragen. Beschwert oder beschwingt? Wie viel Veränderung darf bei Kirchenmusik sein?
Vogel: Wir dürfen uns nicht an der Frage des Repertoires festbeißen, weder die klassischen noch die modernen Klänge als die einzig möglichen deklarieren. Es kommt darauf an, für jede Gemeinde den „passenden Ton“ zu finden und die Dinge mit Leidenschaft zu tun. Wenn jemand am Ambo mit einfühlsamer Stimme einen Antwortpsalm vorträgt, dann wird er die meisten Mitfeiernden berühren. Umgekehrt kann eine Gemeinde an unmotivierter Orgelbegleitung leiden. Menschen merken, ob du erfüllt bist von dem, was du tust. Und zwar repertoireübergreifend.

BENE: Auffällig ist gerade bei Gottes- diensten und Eucharistiefeiern mit Menschen, die nicht mehr regelmäßig dabei sind: Sie verlernen das Mitsingen.
Vogel: Das ist auch eine Herausforderung. Zum einen bauen wir fachliche Fortbildungen aus, unabhängig von der Erstausbildung. Zum anderen brauchen wir auch neue, differenziertere Formen, einschließlich der Einbindung von Gesang und Musik. Es muss bunter, kreativer und vielfältiger sein. Nicht ausschließlich die klassische Orchestermesse ein- oder zweimal im Jahr. Wir haben gute Erfahrungen gemacht mit Werkstatt- und Mitmachkonzerten. Man kann auch Gottesdienstbesucher an die Seite der Chormitglieder holen, sie einbinden und damit „spielend“ zum Singen bringen. Das schafft Nähe, Lust am Mitmachen. Im Rahmen des Zukunftsbildprozesses des Bistums Essen kümmern sich die Verantwortlichen auch um die sogenannte „geistliche Popularmusik“, die in den Gemeinden helfen soll, kirchliches Musikprogramm zeitgemäß zu erweitern. Es ist ja spannend, wenn man etwa Populär-Musiker und Musiksoziologen hört, die aufzeigen, welche Musik nachfolgende Generationen außerhalb von Kirche hören. Auch, wie sie mit dem Thema Glaube umgehen. Mit welchen Texten drücken sie ihre Glaubens- und Sinnsuche aus? Da müssen wir Profis erstmal genau hinhören und lernen, was da gerade Sache ist!

BENE: Letztlich ist es keine Frage des zum-Singen-Bringens, überall wird ja gesungen. Bei Karaoke-Veranstaltungen, beim Fußball, beim Rockkonzert ...
Vogel: Singen ist eine der grundlegenden Ausdrucksformen des Menschen, genau wie Tanzen. Es ist emotional, berührt und bewegt den Menschen ganz. Wir müssen es in der Kirche offenbar neu entdecken und kultivieren! Im Ruhrgebiet klappt das ja mit dem Day of Song schon ausgesprochen gut! Aber unsere Gottesdienste werden zu oft bieder und langweilig empfunden. Selbst die Neuen Geistlichen Lieder der 70er und 80er Jahre scheinen bisweilen verbraucht. Vielleicht ist es oft zu routiniert, zu lieblos, zu statisch, was wir musikalisch in Gemeinden machen. Die Lösung kann nur lauten: Initiativ werden, frischen Wind reinbringen, neue Formen und Wege der Vermittlung und Entdeckung von Kirchenmusik versuchen, unsere Gottesdienste musikalisch emotionaler machen. Und damit den Riesenschatz an Kirchenmusik neu entdecken!

BENE: Vielleicht scheitert Kirchenmusik eher daran, dass der Weg in die Kirche gar nicht mehr gefunden wird?
Vogel: Im Gegenteil: Kirchenmusik kann vielmehr helfen, dass viele neugierig werden, diesen Weg (wieder) zu gehen. Vielleicht sogar sich über die Musik neu mit Glaube und Kirche auseinanderzusetzen. Dazu brauchen wir die bereits erwähnte Formenvielfalt. Und wir sollten auf die Kraft der Musik vertrauen, die, zumal wenn sie gut aufgeführt ist, aus sich selber sprechen kann! Oder mit Liedern einmal ein ganzes Stadion füllen – ein offenes Singen in der Grugahalle mit den BENE- Lesern zusammen – das wäre doch was!

BENE: Wie klingt Glaube heute? lautet eine Frage, mit der Sie sich demnächst bei einer großen Diskussion in der Akademie „Die Wolfsburg“ beschäftigen werden.
Vogel: Wenn ich hier junge Leute qualifiziere, Organist, Sänger, Chorleiter zu wer- den, stelle ich diese Frage auch immer wieder: Wie klingt eigentlich mein, wie klingt euer Glaube? Jeder muss das für sich klären: Mit welchen Liedern und Texten kommt bei mir ganz persönlich mein eigenes Sehnen, Sorgen, Suchen, Fragen zum Ausdruck? Wenn die Schüler das für sich beantworten können, können sie auch für die Gemeinde da draußen diese Frage stellen. Und wir stellen sie an Experten, auch hinsichtlich neuer Wege der Vermittlung, die wir gern kennenlernen würden. Für mich persönlich kann ich nur sagen: Glaube klingt ausgesprochen vielfältig. Und nicht in jeder Situation gleich. Das ist ein Grund, warum ich Kirchenmusiker geworden bin. Es gibt kaum einen Musikberuf, der eine solch faszinierende Band- breite hat. Aber man muss auch zu seinen Grenzen stehen. Keiner will erleben, dass ich mit einer Gemeinde Gospel singe (lacht). Aber ich möchte selbstverständlich, dass Gospel stattfindet. Darum geht es bei meiner Vision der Kirchenmusik der Zukunft – und ihrer Vermittlung.

Das Gespräch führte Jutta Laege

 

VORAUSSETZUNGEN ZUM BESUCH DER KIRCHENMUSIKSCHULE

Jeder, der Grundkenntnisse am Klavier, musiktheoretische Kenntnisse und eine ausbildungsfähige Stimme hat, kann sich zunächst zu einer Beratung anmelden. Erforderlich für den Besuch der Schule mit anschließender C-Qualifikation ist eine Aufnahmeprüfung. Vorbereitungskurse für diese Prüfung finden im April und Mai des Jahres statt. Der Unterricht erfolgt häufig neben Schule, Ausbildung oder Beruf und findet an Samstagen und Wochenenden statt. Einzelunterricht an der Orgel gibt es in der Schule oder in den Gemein- den, Wohnorten des Schülers (Kursgebühr: 85 Euro/Monat).

Die Ausbildung nimmt in der Regel zwei bis vier Jahre in Anspruch, pro Woche sind es sieben bis acht Stunden plus Zeiten der Vor- und Nachbereitung. Zu den Lehrkräften gehören renommierte Kirchenmusiker, fachlich und pädagogisch versierte Lehrer, auch aus der Evangelischen Kirche.

Infos (auch zum Jubiläumsprogramm, siehe rechts): Bischöfliche Kirchenmusikschule Essen, Klosterstraße 4, 45127 Essen, Mail: kirchenmusikschule@bistum-essen.de, Tel.: 0201-2204284 oder 530.