Achtsam und wachsam bleiben!

Interview mit Günter Lamprecht anlässlich des Oberhausener Katholikentages

Günter Lamprecht hat gerade seine zweite Knie-Operation hinter sich, er stützt sich beim Gehen noch auf einen Stock, ist ansonsten aber wieder ganz agil. Er freut sich auf seine nächsten Auftritte, die ihn in diesen Tagen ins Ruhrgebiet führen. Am 7. September liest er im Oberhausener Ebertbad aus seiner Biografie „Erinnerungen“. Am 8. September ist er zu Gast in der Lichtburg. Im Rahmen des Oberhausener Katholikentages wird dort der Film „Liebfrauen“ von 1984 gezeigt. Lamprecht spielt darin einen Priester. BENE traf den Ausnahmeschauspieler und Zeitzeugen zum Interview.

BENE: Sie werden immer als waschechter Berliner beschrieben. Aber Sie haben mal gesagt, dass das Ruhrgebiet Ihre zweite Heimat sei. Warum?

Lamprecht: Ja, das stimmt. Ich kam aus einem Arbeiterhaushalt in Berlin und auch hier im Ruhrgebiet wurde geschuftet. Da waren mir diese Menschen am nächsten. Ich wurde 1955 ans Bochumer Schauspielhaus engagiert, und habe dann viele Jahre gelebt. Ja, ich bin mit dem Ruhrgebiet verwachsen. Die Menschen, die hier leben, haben mir immer wieder einen großen Respekt abverlangt.

BENE: Da ist es Ihnen in München anders ergangen?

Lamprecht: Da habe ich doch eine kleine Anekdote: Das war, als ich mit Fassbinder den Biberkopf drehte (Anm.: Franz Biberkopf in dem Film „Berlin Alexanderplatz“) in München. Da bin ich öfter zu einer Schlachtersfrau zum Einkaufen gegangen. Die verstummte jedes Mal, wenn ich den Laden betrat. Nur einmal, als ich mit ihr alleine im Laden war, schleuderte sie mir plötzlich entgegen: „Sie san scho a guter Schauspieler, aber müssen Sie immer so a Dreck spuin?“ Unglaublich! Alles, was ich mit in meine Rollen gelegt habe, mein soziales Engagement, das war für die Dreck. Ja, da ist mir das Ruhrgebiet tatsächlich viel näher!

BENE: Sie sind zu Gast beim Katholikentag in Oberhausen. Was haben Sie mit der Katholischen Kirche zu tun?

Lamprecht: Mit der katholischen Kirche habe ich insofern zu tun gehabt, als ich neben einer gewohnt habe: am Michael-Kirchplatz in Berlin. Die Michaelkirche hat immerzu geläutet. Ich fand als kleiner Junge die Fronleichnam-Umzüge immer so faszinierend. Später waren da eher weniger Berührungspunkt

BENE: Sie haben den Krieg und das Kriegsende in Berlin erlebt. Darum geht es auch in Ihren „Erinnerungen“.

Lamprecht: Da habe ich das furchtbarste Elend miterlebt. Ich war 15 Jahre alt. In den letzten Kriegstagen sollten wir noch die Reichskanzlei verteidigen. Ich war Hilfssanitäter und habe viele Soldaten beim Sterben begleiten müssen und versucht zu trösten, die habe ich aus dem Bunker geholt und draußen in einem großen Bombentrichter beerdigt. Dann war der Krieg  zu Ende. Ich lief mit meiner Schwester und meiner Mutter zurück Richtung Michaelkirche. Die war teilweise zerstört, aber von unserem Haus war nichts mehr übrig. Alles zerbombt. Da standen wir nun und hatten nichts. Das war und bleibt für mich „Die Stunde Null“.

 

BENE: Haben Sie zu Gott gebetet? Konnte man da überhaupt noch an etwas glauben?

Lamprecht: Da fällt einem nichts mehr groß ein. Nur, als ich die halbtoten, schreienden Landser auf der Trage hatte, habe ich gemerkt, dass ich plötzlich beten konnte. Ich habe laut geschrien: Lieber Gott! Hilf uns, bitte hilf uns! Letzten Endes haben mir diese Erlebnisse später als Schauspieler auch gedient. Ich hatte soviel gespeichert, dass ich das alles in meine Rollen einbringen konnte.

BENE: In den vergangenen Jahren waren Sie als Autor sehr viel unterwegs, der Schauspieler Günter Lamprecht trat in den Hintergrund. Jetzt gibt es ein neues Projekt!

Lamprecht: Ich bin dankbar, dass ich den Krieg und die Nachkriegszeit überlebt habe. Aber die Erlebnisse haben mich nie in Ruhe gelassen. Und jetzt soll es diesen Film geben, der meine traumatischen Erlebnisse aufarbeiten soll.  Zwei junge Filmemacher aus Frankfurt haben mich angesprochen. Die hatten mein Biografie gelesen und sagten: „Herr Lamprecht, für Sie schreiben wir was!“ Ich werde einen einsamen Rentner spielen, der mit der Welt nicht mehr zurechtkommt und sich am Ende wahrscheinlich umbringt. Wir werden, wenn die Finanzierung steht, auch im Ruhrgebiet drehen.

BENE: Wird das die von Ihnen schon mal so bezeichnete „letzte große Rolle“?

Lamprecht: Meine letzte große Rolle? Naja, ich möchte mich eigentlich mehr befreien, ich kann das noch mal durchleben in meiner Rolle und möchte auch etwas mitteilen – zum Beispiel, warum ich mich an Silvester immer noch in den Keller verkrieche – als erwachsener Mann. Wenn’s knallt, dann denke ich immer: Jetzt ist es wieder soweit. Dann sitze ich da unten alleine – mit einer Flasche Rotwein.

BENE: Wenn der 8. Mai 1945 die Stunde Null ist, was ist der 1. November 1999 für Sie, der Tag als Sie und Ihre Lebensgefährtin Claudia Amm Opfer eines Amokläufers in Bad Reichenhall wurden?

Lamprecht: Nach den Ereignissen unlängst  in München muss ich wieder und wieder sagen: Das ist kein neues Phänomen, das hat auch nicht in Winnenden angefangen. Nein, es hat in Bad Reichenhall begonnen! Mir geht es nicht darum, dass ich erwähnt werde. Mir geht es darum, dass der Täter von Bad Reichenhall – das war 1999 am Allerheiligentag - auch schon die ganzen Nächte vor dem Computer gesessen hat – mit diesen Spielen. Wir haben damals fünfzig Minuten unter Beschuss gelegen, meine Lebensgefährtin war schon fast tot. Das kommt natürlich immer wieder hoch bei den aktuellen Nachrichten.

BENE: Die Verrohung der Gesellschaft ist Ihr Thema.

Lamprecht: Ich kann schon fast keinen Fernseher mehr einschalten. Überall wird gemordet. Vom Morden im Norden bis in den Süden. Das finde ich abstoßend und entsetzlich. Wenn es nach mir ginge: Waffen abschaffen, überall, auch bei den Schützenvereinen! Aber darauf habe ich keinen Einfluss. Die Gewalt nimmt zu, die Einflüsse durch die Technisierung und Digitalisierung sind nicht aufzuhalten.

BENE: Was können Sie uns als Mahner und Jahrhundertzeuge dennoch mitgeben?

Lamprecht: Ich habe mich ja immer eingemischt und mir oft die Schnauze verbrannt. Ich kann ja nicht anders. Das ist natürlich auf Dauer anstrengend. Ich will gar nicht groß über Politik reden. Aber da braut sich was zusammen. Da weiß man nicht, wo das hingeht. Wenn man die Erdogans und Putins anguckt, oder wenn man nach Amerika rüberguckt. Was sind das alles für Leute? Alles wie schon gehabt. Da sind meine Gedanken ganz schnell wieder in meiner Kindheit. Wir sollten achtsam sein und wachsam bleiben!

BENE: Sie sind ja vielfach ausgezeichnet,  zuletzt mit dem Großen Kulturpreis der Sparkassen für Ihr Lebenswerk. Wie fühlt sich das an

Lamprecht: Lebenswerk, das klingt doch schön! Allerdings, wenn ich darauf gucke, was ich so alles gemacht habe in meinem Leben, kriege ich doch ein bisschen Angst. Dann denke ich, hoffentlich habe ich nicht zu viele Fehler gemacht in meinem Leben.

Das Gespräch führte Jutta Laege